Festivalbericht: Brutal Assault Open Air 2022 – Teil 2

12.08.2022 - 13.08.2022 Festung Josefov, Jaroměř (CZ)

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… unter anderem mit BLOODYWOOD, AVATAR und AT THE GATES (Dienstag), BLOODBATH, JINJER und CANNIBAL CORPSE (Mittwoch), sowie KATATONIA, MERCYFUL FATE und CRADLE OF FILTH (Donnerstag).


Freitag, 11.08.2022

Die Hitze des Vortags kehrt auch am Freitag erbarmungslos wieder – die Auftritte von CARNATION, AVIANA, STAKE, ABBIE FALLS, ARTILLERY, NUNSLAUGHTER, FAUST und HUMANITYS LAST BREATH am (Vor-)mittag müssen darum ohne uns stattfinden.

Wie auch schon den Kollegen von Aborted wurde auch den Franzosen von BENIGHTED ein Nachmittagsslot in der nicht mehr ganz so prallen Sonne gewährt. Und genau wie die Belgier nutzen auch BENIGHTED diesen bestmöglich aus, um das inzwischen zahlenmäßig wieder gewachsene Publikum knapp eine Stunde lang in bester Manier niederzuknüppeln. Dass BENIGHTED hierbei noch mal ein ganzes Stück grooviger vorgehen, macht den Auftritt im Vergleich noch mal ein wenig abwechslungsreicher und stimmt zudem die Anwesenden auf jenen Death Metal ein, der später bei Decapitated folgen wird. [SB]

Impressionen Brutal Assault 2022

Eigentlich wären COMEBACK KID um kurz nach 20 Uhr auf der Obscure Stage an der Reihe gewesen, ihren melodischen Hardcore darzubieten. Da sich Exhorder verspäten, wird das Set der Kanadier sehr spontan auf kurz vor 17 Uhr und auf die Jägermeister-Bühne verlegt. Als als Intro zunächst „Take On Me“ von A-Ha und anschließend „In The Air Tonight“ von Phil Collins erklingt, ist der Bereich vor der Bühne aber dennoch sehr gut gefüllt – zumindest bis Circle Pits losbrechen und die Fans in den 2Step wechseln. COMEBACK KID haben mindestens genau so viel Lust wie das Publikum und feuern ein mitreißendes Set ab, das in guter Tradition mit „Wake The Dead“ ein würdiges Ende findet. [BL]

Nach diesen temporeichen Shows geht es nun beim Auftritt der finnischen Doom-Metaller SWALLOW THE SUN wieder etwas ruhiger zu. Wie auch Alcest hätte die Band zweifellos von einem Gig ohne Tageslicht profitiert, doch auch in der frühen Abendsonne machen die Musiker das beste aus der Situation und schaffen es trotzdem, die gewünschte triste Stimmung zu erzeugen. Der Fokus liegt heute vor allem auf den letzten zwei Alben, zudem gibt es die zwei Klassiker „Falling World“ sowie „Swallow“ zu hören. Fans der anderen Werke gehen damit heute leer aus. [SB]

SICK OF IT ALL live auf dem Brutal Assault 2022
SICK OF IT ALL live auf dem Brutal Assault 2022

Lang dauert die Verschnaufspause jedoch nicht an, die den Besuchern zugestanden wird, denn schon geht es auf der Jägermeister-Stage mit Hardcore weiter: SICK OF IT ALL haben sich augenscheinlich vorgenommen, das Infield komplett auseinanderzunehmen. Dass Gitarrist Pete Koller wegen eines Leistenbruchs nicht mit von der Partie ist, tut der Stimmung keinen Abbruch – schließlich konnten die New-Yorker mit Craig Silvermann (Agnostic Front) einen fähigen Ersatzmann auftreiben. Nach schweißtreibenden 60 Minuten bleibt nur eine Frage offen: War der von Fronter Lou Koller angeregte Mega-Circlepit um die VIP-Tribüne oder der Gastauftritt von Andrew Neufeld (Comeback Kid) beim finalen Klassiker „Step Down“ der eigentliche Höhepunkt der Show? [MG]

DECAPITATED live auf dem Brutal Assault 2022
DECAPITATED live auf dem Brutal Assault 2022

Was nun mit der Show von DECAPITATED folgt, ist nichts weniger als eine Lehrstunde in Sachen Perfektion. Bei bestmöglichem Sound legen die polnischen Groove-Death-Metaller mit dem Titeltrack ihres aktuellen Meisterwerkes „Cancer Culture“ gleich sehr temporeich los. Was diese Band an mitreißendem, adrenalinpumpendem Groove mitbringt, würde wohl in jedem möglichen Festival-Line-up seines gleichen suchen. Gitarrist Vogg, Bassist Paweł Pasek und Drummer James Stewart – der seinen Vorgänger Michał Łysejko mehr als würdig ersetzt – liefern eine fehlerfreie, hyperpräzise Instrumentalperformance ab, während Rafał Piotrowski wahlweise seine kraftvollen Growls herausdonnert oder seine langen Dreadlocks umherwirbeln lässt. Wer sich entschieden hat, in diesem Zeitraum der Bühne fernzubleiben, verpasst das möglicherweise beste Konzert des Festivals. [SB]

ABBATH live auf dem Brutal Assault 2022
ABBATH live auf dem Brutal Assault 2022

Ehe SUFFOCATION die Trommelfelle mit der nächsten 75-Minuten-Death-Metal-Vollbedieung malträtieren, gibt es etwas rockigen Black Metal der Marke ABBATH. Der Norweger, der immer wieder mit seinem Alkoholismus zu kämpfen hat, wirkt heute absolut konzentriert – allerdings nicht unbedingt rundum glücklich: Probleme mit dem Teleprompter, den der ehemalige Immortal-Fronter stets als Gedächtnisstütze einsetzt, führen zu Wutausbrüchen in Richtung Stage-Tech. Der Show schadet etwas Hass freilich nicht – zumal ABBATH nur in der ersten Hälfte rockige ABBATH-Songs (und mit „Warriors“ ein Stück von I) spielt, die zweite Hälfte hingegen zur großen Freude seiner treuen Fans komplett mit Immortal-Hits bestreitet. [MG]

  1. Winterbane
  2. Ashes Of The Damned
  3. The Artifex
  4. Dread Reaver
  5. Hecate
  6. Warriors (I-Cover)
  7. Acid Haze
  8. Dream Cull
  9. In My Kingdom Cold (Immortal-Cover)
  10. Beyond The North Waves (Immortal-Cover)
  11. Withstand The Fall Of Time (Immortal-Cover)
  12. The Rise Of Darkness (Immortal-Cover)
  13. All Shall Fall (Immortal-Cover)

Nebenbühnen-Exkurs: In der Bastion X versammeln sich um 21:00 Uhr überraschend viele Menschen – zumindest für Brass Metal: Anstelle von Saiteninstrumenten gibt es bei OTTONE PESANTE (verzerrte) Posaune und Trompete zu hören. Und auch wenn sich Klezmer-Einflüsse zeigen, ist das Ergebnis unverkennbar Metal; die Gastsänger:innen kommen leider nur vom Band, der Dynamik der Show tut das aber keinen Abbruch. Auch die Menschenmenge, die vor der Obscure-Stage auf PANZERFAUST wartet, überrascht – immerhin spielt parallel Abbath! Doch was die Doom-Black-Metal-Band aus Kanada abliefert, ist musikalisch wie als Show atemberaubend: Der Sänger, dessen Psyeudonym Goliath nicht von ungefähr kommt, steht im schwarzen Mantel hinter dem Schlagzeug und kommt nur für einzelne Momente nach vorne. Sein fast schon unmenschliches Gebrüll wird von Gitarrist Kaizer mit brachialen Schreien ergänzt. Mit umwerfende Wechseln zwischen von bedrohlichen Percussion-Elementen untermalten Riffwalzen und magischen Blastbeat-Parts reißen die Songs alle Anwesenden mit. Am Ende des Sets verharren alle Pommesgabeln ohne Applaus in der Luft, bis es das letzte Geräusch verklungen ist – und stürmischer Jubel aufbrandet. [BL]

PANZERFAUST live auf dem Brutal Assault 2022
PANZERFAUST live auf dem Brutal Assault 2022

Für 22:30 Uhr ist in der Bastion-X dann eine besondere Show angekündigt: SLAGMAUR machen mit der postapokalyptischen Larp-Truppe CONVOY gemeinsame Sache – so heißt es. Die „Special-Show“ entpuppt sich nach langem Warten leider als uninspirierte Tanzaufführung, die musikalische Darbietung von SLAGMAUR als Beleidigung fürs Ohr: Nach wie vor vollkommen uninspirierteres Songwriting gepaart mit Faschingsmasken und (mutwillig) unterirdischem Gitarrensound werfen die Frage auf, warum diese Truppe überhaupt noch gebucht wird. [MG]

Impressionen vom Brutal Assault 2022

Eine weitaus unterhaltsameres Alternativ-Programm bietet sich auf der Obscure-Stage: SPACED, die derzeit mit Comeback Kid auf Tour sind, dürfen die Fans dort von ihrem aggressiven, pfeilschnellen Riot-Grrrl-Punk überzeugen. Obwohl die Band noch recht neu und den meisten wohl unbekannt ist, kommt schnell ausgelassene Stimmung auf. Nach 25 Minuten des für 45 Minuten angesetzten Sets hat die Band ihre Diskografie durchgespielt – das Publikum darf sich im folgenden zwei Zahlen zwischen 1 und 10 nennen, und SPACED spielen die entsprechenden Nummern einfach nochmal. Nach gut 30 Minuten ist dann aber wirklich Schluss – und alles gesagt. [BL]

VENOM live auf dem Brutal Assault 2022
VENOM live auf dem Brutal Assault 2022

Was Tags zuvor King Diamond mit Mercyful Fate war, ist heute Cronos mit VENOM: Die lebende Legende als Mastermind des Tages-Headliners. Seit 1979 aktiv, gibt es VENOM sogar noch zwei Jahre länger als ihre dänischen Kollegen – allerdings steht hier auch nur noch ein Ur-Mitglied auf der Bühne. Das merkt man „leider“ an der Qualität der Band – und das in außergewöhnlicher Weise: Die 2007 beziehungsweise 2009 zu VENOM gestoßenen Musiker Rage (Gitarre) und Danté (Schlagzeug) sind so gute, dass die alten, rohen Songs fast zu sauber und tight klingen, während die Interpreten trotzdem noch unterfordert wirken. Ursprünglichen Charme, wie etwa bei Tormentor oder Triumph Of Death, sucht man darum bei VENOM vergeblich – nicht zuletzt der sympathischen Art von Fronter Cronos wegen trotzdem ein unterhaltsamer Auftritt. Dass am Ende nur noch Zeit für „Witching Hour“ oder „In League With Satan“ bleibt, ist schade – mit dem deutlich flotteren „Witching Hour“ treffen VENOM jedoch für den Konzertabschluss definitiv die richtige Wahl.

  1. Black Metal
  2. Bloodlust
  3. Long Haired Punks
  4. Antechrist
  5. Leave Me In Hell
  6. Don’t Burn The Witch
  7. Welcome To Hell
  8. Buried Alive
  9. In Nomine Satanas
  10. Grinding Teeth
  11. Countess Bathory
  12. Warhead
  13. One Thousand Days In Sodom
  14. Pedal To The Metal
  15. Witching Hour

Ein echtes Überraschungsei ist dann die letzte Show des Tages: Auf drei Podesten und umgeben von LED-Leinwänden machen sich die Industrial-Black-Metaller MYSTICUM daran, den Tag mit infernalischem Geballer zu beenden. Ein Spinal-Tap-Moment zu Beginn, als der Stage-Tech nochmal mit einer Klappleiter zu jedem der drei hilflos auf ihren Podesten stehenden Musikern steigen muss, um ihre Gitarren zu verkabeln, lässt die Band nur kurz lächerlich wirken – danach überzeugen die Norweger mit einer durch den brutalen Sound und die grellen Visualisierungen extrem beklemmenden Atmosphäre. Die Faszination, die von dieser letztendlich völlig stumpfen Darbietung ausgeht, ist nahezu unerklärlich – dennoch ist dieser Auftritt ohne Zweifel ein absolutes Highlight des BRUTAL ASSAULT 2022. [MG]

MYSTICUM live auf dem Brutal Assault 2022
MYSTICUM live auf dem Brutal Assault 2022

Persönliche Wertung: Das Wetter macht die Shows zur Mittagszeite heute absolut unattraktiv – was zu der Frage führt, warum auf einem fünftägigen Festival überhaupt Bands um 10:30 Uhr auf die Bühne geschickt oder Mittags schon mehrere Bühnen zugleich bespielt werden müssen. Die bloße Zahl gebuchter Bands macht ein Festival schließlich nicht besser – vor allem, wenn diese dann zu absolut unpassenden Zeiten „verheizt“ werden. Generell würde dem Zeitplan etwas Entzerrung gut tun: Dass es auf den beiden Hauptbühnen Schlag auf Schlag geht, hat nicht nur zur Folge, dass leise Bands immer wieder vom Soundcheck der Nachbarbühne gestört werden, sondern grenzt auch an Dekadenz: Eine Show angemessen nachwirken zu lassen, ist bei gerade einmal fünf Minuten Pause quasi unmöglich – insbesondere nach vier Festivaltagen. [MG]

Impressionen vom Brutal Assault 2022

Samstag, 12.08.22

Nach dem heißen Freitag beginnt der Samstag extrem schwül – während sich der angekündigte Regen immer weiter verschiebt. Um Kräfte für den letzten Abend zu sparen, müssen auch heute die (Vor-)mittagsshows von STELLARIS, MASS INFECTION und URNE ohne uns stattfinden.

Bei im Vergleich zu den ersten vier Tagen merklich erträglicheren Temperaturen werden um 12:15 Uhr die Tech-Deather von HIDEOUS DIVINITY auf die Bühne geschickt. So richtig fit für derart anstrengendes Geknüppel sind an Tag fünf um diese Uhrzeit aber offensichtlich nicht viele Festivalbesucher, und so tun sich die talentierten Italiener heute schwer damit, Stimmung aufkommen zu lassen. Nach den französischen Experimental-Rockern PSYKUP geht es direkt mit anspruchsvollem Death Metal weiter: Da der nicht übermäßig Blastbeat-lastige Technical Death Metal von GOROD jedoch deutlich progressiver und zugänglicher ist als die Musik von Hideous Divinity, können die Franzosen wesentlich mehr Leute für das aktive Zuhören begeistern. „Progressiv“ ist eine Beschreibung, die auf HAEMORRHAGE hingegen so gar nicht zutrifft. Die spanischen Goregrinder machen kein Geheimnis daraus, dass das, was sie hier abliefern, nicht komplex sein soll, sondern einfach maximal unterhaltsam auf die Zwölf geben soll. Das klappt sehr gut, nicht zuletzt dank der unterhaltsam-blutigen Bühnenshow, bei der die als Horrorchirurgen verkleideten Musiker unter anderem mit abgetrennten (Gummi-)Gliedmaßen hantieren. Nach dem Metalcore von UNEARTH gibt es dann erneut Prog, allerdings dieses mal ohne Death: SOEN, die Progressive-Rock-Formation um ex-Opeth und -Amon-Amarth-Schlagzeuger Martin Lopez, präsentieren heute ausschließlich ihre letzten zwei Alben, die hauptverantwortlich für die rapide ansteigende Bekannt- und Beliebtheit der Band sind. Mit einer stimmigen Performance beweisen die Progger dabei eindrucksvoll, warum es bei ihnen aktuell so gut läuft. [SB]

INSOMNIUM live auf dem Brutal Assault 2022
INSOMNIUM live auf dem Brutal Assault 2022

Mit VOIVOD geht es im Anschluss an die schwedischen Prog-Rocker abermals „proggy“ weiter: Die Kanadier mit nunmehr 40-jähriger Bandgeschichte ziehen mit ihrem abwechslungsreichen Mix aus Thrash und Prog-Metal ordentlich Fans vor die Bühne und bieten eine spannende Nachmittags-Show. „Spannend“ ist leider kein Attribut für INSOMNIUM: Zwar liefern die Finnen eine solide Show ab, der es auch an Hits nicht mangelt – wirklich mitzureißen vermag das Quartett mit seiner einen Tick zu generischen Performance aber nur eingefleischte Fans. Dass Neuzugang Jani Liimatainen mittlerweile alle Klargesangs-Passagen übernimmt, ist leider auch nicht unbedingt ein Upgrade. [MG]

  1. Karelia
  2. Valediction
  3. Mortal Share
  4. Ephemeral
  5. And Bells They Toll
  6. Pale Morning Star
  7. The Primeval Dark
  8. While We Sleep
  9. Heart Like A Grave

GAAHLS WYRD live auf dem Brutal Assault 2022
GAAHLS WYRD live auf dem Brutal Assault 2022

Nebenbühnen-Exkurs: Auf den Nebenbühnen ist wieder Zeit für Black Metal – und erneut fragt man sich, ob das im Hinblick auf den Spielplan nicht eleganter zu lösen gewesen wäre: Dass Szene-Koryphäe Gaahl mit seinem Projekt GAAHLS WYRD bei Tageslicht antreten muss, grenzt an eine Beleidigung – der Norweger nimmt die Situation freilich ohne Gefühlsregung hin und verdunkelt den Nachmittag allein mit seiner Aura und einem gelungenen Mix an Songs von GAAHLS WYRD, GOD SEED und GORGOROTH. Der einsetzende Nieselregen und die Widmung eines Songs an einen verstorbenen Fan tun in Sachen düstere Atmosphäre ihr Übriges – zumal die Freunde des Toten die gesamte Show über ein Gefäß mit dessen Asche hochhalten, ehe sie einen Teil davon neben der Bühne verstreuen – The Big Lebowski lässt grüßen. Dass der Regen zugenommen hat, macht den Auftritt von ARCTURUS nicht unbedingt attraktiver – eine Schar hartgesottener Fan wartet trotzdem auf die Norwegischen Avantgarde-Metaller. Doch statt ihnen auch nur ein Wort des Respekts auszusprechen, gibt er sich ARCTURUS-Fronter ICS Vortex reserviert bis eingeschnappt. Kombiniert mit seiner heute allenfalls mittelmäßigen Gesangs-Performance ruiniert der Sänger so im Alleingang eine Show, auf die um ihn herum alle anderen Bock gehabt hätten. Oder zumindest fast alle: Der Lichttechniker scheint ähnlich unmotiviert – die erste Hälfte der Show bleibt das Bühnenlicht statisch rot und blau. [MG]

ARCTURUS live auf dem Brutal Assault 2022
ARCTURUS live auf dem Brutal Assault 2022

Um 21:00 Uhr geht es für Black-Metaller auf der Bastilion-Stage mit den Newcomern GAEREA weiter. Versteckt unter mysthisch bemalten Masken, in wild aufschießende Nebelschwaden gehüllt prügeln sie sich durch ein in seiner Intensität an Hardcore erinnerndes Set modernen Black Metals. Besonders ihr Sänger weiß mit seinem oft leidenden Gesang sowie seinem exaltierten Auftreten zu begeistern – einen für diese Musikrichtung ungewöhnlichen Ausflug in den Bühnengraben inklusive. Dass die gehypten Portugiesen auf der kleinsten Bühne spielen müssen, erweist sich in Anbetracht des gesteckt vollen Innenhofs als Fehlentscheidung. Lange nachdem der laute Applaus verklungen ist, stauen sich allerdings immer noch Menschenschlangen im Wunsch, in Richtung der anderen Bühnen zu wandern. [BL]

  1. Ghosts Invited
  2. Carving A Giant (Gorgoroth-Cover)
  3. Aldrande Tre (God-Seed-Cover)
  4. Carving The Voices
  5. Through And Past And Past
  6. Exit – Through Carved Stones (Gorgoroth-Cover)
  7. Alt Liv (God-Seed-Cover)
  8. Prosperity And Beauty (Gorgoroth-Cover)

MELT BANANA live auf dem Brutal Assault 2022
MELT BANANA live auf dem Brutal Assault 2022

Die vermutlich skurrilste Platzierung in der Running Order des diesjährigen BRUTAL ASSAULT folgt allerdings nach Insomnium auf der Jägermeister-Stage: Während Gaahls Wyrd auf der kleinen Obscure-Stage spielen, sind die Exot:innen von MELT-BANANA mit ihrer manischen Mischung aus Hyper Pop, Grindcore und Punkrock für einen Prime-Time-Slot auf der Mainstage angedacht. Warum, bleibt ein Geheimnis der Veranstalter: Das letzte Album der Band aus Tokyo liegt acht Jahre zurück, und auch die letzten Shows in Europa sind schon eine Weile her. Als die beiden Musiker:innen die Bühne betreten, verwandelt sich das konstant anwachsende Publikum in ein Tollhaus. Während Sängerin Yasoku Onuki mit ihrem Drumcomputer für die Percussionsuntermalung sorgt und mit ihrer quietschigen Stimme die Gemüter spaltet, schrubbt sich Gitarrist Ichirou Agata bei fast schon absurder Verzerrungen die Finger wund. Ein Circle Pit jagt den nächsten, die mitten ins Set gesetzten neun „fast songs“ in maximal zwei Minuten sorgen für Lacher – und trotz einer lautstark eingeforderten Zugabe sind MELT-BANANA zehn Minuten früher als geplant fertig. Ein unfassbarer, für Fans grandioser, aber sicher nicht für alle geeigneter Trip. [BL]

Mit LEPROUS folgt nach Soen die zweite Prog-Rock-Formation des heutigen Tages. Im Vergleich zu ihren Kollegen will es aber bei den Norwegern heute so gar nicht reibungslos laufen: Nach den ersten vier souverän vorgetragenen Stücken, während derer der angekündigte Regen einsetzt, wollen die Musiker mit „Running Low“ einen Titel ihres aktuellen Werkes „Aphelion“ spielen – doch Gitarrrist Tor Oddmund Suhrke und Sänger/Keyboarder Einar Solberg tippen lediglich ratlos auf dem Synthesizer herum, der keinen Ton von sich gibt. Während die beiden versuchen, die Situation komödiantisch zu überspielen und Solberg sich scherzhaft pöbelnd über den lauten Soundcheck auf der Nebenbühne äußert, entscheidet sich die Band schließlich, erst mal mit zwei anderen Stücken weiterzumachen, bis der Fehler vom Techniker-Team behoben ist. Und tatsächlich: Nach den eingeschobenen „Foe“ und „From The Flame“ ertönt der rettende Cembalo-Sound und LEPROUS können wie geplant mit „Running Low“ fortfahren. Zumindest kurz: Wenig später säuft Suhrkes Effektboard im wahrsten Sinne des Wortes im auf die Bühne gewehten Regen ab – seine Gitarre fällt für fast für einen ganzen Song lang aus. Zwar kann auch dieses Problem letztlich schnell behoben und der Gig zu Ende gebracht werden – die Enttäuschung über die diversen Pannen steht der Band jedoch ins Gesicht geschrieben. [SB]

  1. Out Of Here
  2. Stuck
  3. Below
  4. The Price
  5. Foe
  6. From The Flame
  7. Running Low
  8. Nighttime Disguise
  9. Slave
  10. The Sky Is Red

SOLSTAFIR live auf dem Brutal Assault 2022
SOLSTAFIR live auf dem Brutal Assault 2022

FRONT LINE ASSEMBLY kann man guten Gewissens als weiteren Exoten im Billing des BRUTAL ASSAULT 25 bezeichnen: Die Band, die als Vorreiter des EBM gilt, hat mit (extremem) Metal schießlich gar nichts am Hut. Zwar bringen vergleichsweise viele Festival-Besucher den Kanadiern Interesse entgegen – ob die Band aber wirklich eine gute Besetzung für diesen Prime-Time-Slot ist, ist – wie schon bei Melt-Banana – fraglich. Völlig zu Recht dürfen hingegen SÓLSTAFIR zur besten Zeit auf die Bühne – wenngleich mit „beste Zeit“ nur die Tageszeit, nicht aber das Wetter gemeint ist: Dass der Platz vor der Bühne trotz des mittelerweile ströhmenden Regens komplett gefüllt ist (und bleibt), sagt eigentlich schon alles über die Qualität der Darbietung: In bester Spiellaune und von der besonderen Atmosphäre der Nacht-und-Regen-Show merklich beeindruckt, spielen sich SÓLSTAFIR regelrecht in einen Rausch. Dass die Isländer nicht nur selten gespielte Songs im Programm haben („Bloodsoaked Velvet„), sondern ihre Stücke auch leicht abgewandelt interpretieren und dazwischen fast zu jammen scheinen, verleiht der Show obendrein eine die in Zeiten perfekt durchchoreografierter und 1:1 reproduzierbarer Performances nur noch selten zu spürende Atmosphäre der Spontaneität und Einmaligkeit. Grandios!

MAYHEM live auf dem Brutal Assault 2022
MAYHEM live auf dem Brutal Assault 2022

Auch mit MAYHEM hat das Wetter kein Erbarmen: Nieselregen und heftige Schauer wechseln sich die gesamte Show über ab. Auch hier bleibt das Publikum wie festgenagelt stehen, was in Anbetracht des Legenden-Status der Band allerdings weit weniger überrascht als bei Sólstafir. Und tatsächlich liefern die Norweger heute (was leider alles andere als selbstverständlich ist) eine Show ab, die diesen Status rechtfertigt: Bei bestem Sound spielen MAYHEM schlussendlich drei Sets – dass die Musiker dazwischen abgehen und die Bühne minutenlang dunkel bleibt, mutet in Anbetracht des Wetters zwar wie lästige Zeitverschwendung an, ergibt aber durchaus Sinn: Das erste Set repräsentiert die „modernen“ MAYHEM mit ihren Alben seit „Grand Declaration Of War“. Das zweite, dargeboten in schwarzen Kutten, widmet sich komplett dem Albumklassiker „De Mysteriis Dom Satanas“. Im letzten Set wiederum geht es gänzlich oldschoolig zur Sache – in Kutten und mit Deathcrush-Backdrop gibt es Songs aus den späten 1980ern zu hören. Das Konzept geht voll auf: Während der erste Teil mit komplexem Material zeigt, wozu MAYHEM kompositorisch in der Lage sind, wird im Mittelteil die „klassische“ MAYHEM-Atmosphäre heraufbeschworen, bevor dem Publikum mit dem fast schon punkigen Oldschool-Material nochmal kräftig eingeheizt wird. Bei den mittlerweile stark gesunkenen Temperaturen ist das auch bitter nötig. Respekt für diesen Auftritt – und jeden, der sich nach dieser Performance noch für die Show von ORANSSI PAZUZU oder gar den Festivalabschluss mit NEKROGOBLIKON um 2:00 Uhr (!) motivieren konnte. [MG]

  1. Falsified And Hated
  2. To Daimonion
  3. Malum
  4. Bad Blood
  5. My Death
  6. Voces Ab Alta

  7. Freezing Moon
  8. Pagan Fears
  9. Life Eternal
  10. Buried By Time And Dust

  11. Intro: Silvester Anfang
  12. Deathcrush
  13. Chainsaw Gutsfuck
  14. Carnage
  15. Pure Fucking Armageddon

MAYHEM live auf dem Brutal Assault 2022
MAYHEM live auf dem Brutal Assault 2022

Fazit

Erst nach dieser so erschöpfenden wie zugleich revitalisierenden Festivalwoche wird klar, wie sehr die großen Festivals in den letzten beiden Jahren gefehlt haben. Dass der „Neustart“ schlussendlich so reibungslos klappen würde, überrascht fast: Trotz der Weltlage (Flugchaos, Pandemie, Krieg) und einem Extra-Tag bleibt das 25. BRUTAL ASSAULT von Spontan-Absagen ebenso verschont wie von einem organisatorischen Desaster. Die große Party zum Jubiläum geht ohne Zweifel als Erfolg in die Geschichte des Festivals ein.

Daran ändern auch einige im Verlauf des Festivals auftretende Probleme oder diskutable Änderungen nichts, die im Folgenden dennoch angesprochen sein sollen:

Die Umstellung auf einen anderen Cashless-System-Anbieter funktioniert leider nicht reibungslos: Alle Vorzüge des bargeldlosen Bezahlens – volle Übersicht über alle Transaktionen, kein Wechselgeld etc. – verfliegen, wenn der Chip im Armband nicht aktiviert werden kann. Für die sich diesmal häufenden Problemfälle gibt es definitiv zu wenig Anlaufstellen.

Der Trend, dass auf dem BRUTAL ASSAULT alles extra kostet, setzt sich 2022 fort: War das VIP-Camp-Ticket früher ein Rundum-Sorglos-Paket, muss mittlerweile für Toiletten, Duschen, Aufladen elektrischer Geräte und die Naturtribüne (30 €) extra gezahlt werden – dazu kommen in diesem Jahr mehr oder minder spontan weitere 6€ pro Auto und pro Kopf für den Extra-Tag. Finanziell ist das verkraftbar, zumal das BRUTAL ASSAULT verglichen mit anderen Festivals nach wie vor ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet – übersichtlicher war aber die All-Inclusive-Lösung.

Generell macht sich die allgemeine Teuerung auch auf dem BRUTAL ASSAULT bemerkbar: Weniger beim Bier (2,50 € / 0,5 l), als vielmehr beim Essen (8-12€ für Burger ohne Beilage) und den Merch-Preisen (30€ für die meisten Shirts). All das ist nach deutschen Maßstäben immer noch erschwinglich – zumal an allen Essensständen kein „Festival-Fraß“, sondern Foodtruck-Qualität geboten wird. Gemessen an den lokalen Preisen in Tschechien sind die Preise jedoch mittlerweile astronomisch – und damit für viele Fans aus Osteuropa kaum noch erschwinglich.

Das könnte sich in Zukunft negativ auswirken, da der Reiz des BRUTAL ASSAULT stets auch darin lag, dass das Festival tief in der lokalen Szene verwurzelt war – und etwa im Vorprogramm auch deutlich mehr einheimische Bands spielen durften als in diesem Jahr. Sollte das BRUTAL ASSAULT zum reinen Touristen-Festival werden, wie dies etwa bei den Metal-Days schon längst geschehen ist, würde das Festival viel von seinem Charakter verlieren.

Ohne Vorbehalte zu loben ist das auch 2022 weitergedachte Bemühen, das Festival möglichst ökologisch durchzuführen: Zwar funktioniert die Mülltrennung auf dem Gelände sicher nicht 100%, aber der Ansatz ist gut – zumal Plastikmüll durch Verwendung von kompostierbaren Essensschalen und Mehrwegbechern quasi komplett vermieden wird. Ob man dann allerdings jedem Besucher einen Hochglanz-Programmfächer plus ein Programmheft in die Hand drücken muss, während die Festival-App sämtliche Möglichkeiten der Running-Order-Ansicht bietet? Fraglich.

Von der technischen Umsetzung her wurden einige positive Veränderungen erwirkt: Dass die Obscure-Stage nun, wie auf dem JOSEFSTADT 2021 erprobt – eine Open-Air- statt einer Zeltbühne ist, macht die dortigen Shows deutlich mehr Publikum zugänglich. Gleiches gilt für die Verlegung der vierten Bühne vom Octagon in die Bastion-X – allerdings ist der Zugang zur Bastion über einen einzigen dunklen, steilen, staubigen und engen Tunnel mehr als fragwürdig – gerade bei Bands, die für diese Location eigentlich zu groß sind (GAEREA);

Der Sound ist auf dem gesamten Festival auf allen Bühnen positiv hervorzuheben: Zwar schwanken die Lautstärken zwischen den Shows stark – vom fiesen Black-Metal-Geballer bis zu filigranem Prog-Metal bekommen jedoch quasi alle Bands einen perfekt ausbalancierten, differenzierten Sound. Beim Licht hingegen scheint gespart worden zu sein: Dass die Lichtanlage auf der Obscure-Stage und der Bastion-X oft nur im Automatik-Modus zu laufen scheint, ist schade – hier ließe sich atmosphärisch noch viel rausholen.

Der Extra-Tag funktioniert – stellt sich aber auf das gesamte Festival gesehen als nicht zu unterschätzende Zusatzbelastung heraus. Dass das BRUTAL ASSAULT 2023 wieder auf vier Tage reduziert wird, ist deswegen absolut richtig. Vielleicht sollten sogar weitere Entzerrungen angedacht werden: Gerade die Shows am frühen Vormittag sind weder für Fans noch Bands eine wirklich schöne Sache – und etwas längere Change-Over-Pausen würden auch nicht weh tun, wenn dafür nicht der Soundcheck von der Nachbarbühne die Show stört.

Was auch immer die Veranstalter für 2023 alles planen – mit NAPALM DEATH und HYPOCRISY sind jedenfalls bereits zwei Hochkaräter für eines der vom Ambiente her schönsten Festivals Europas bestätigt. Wir werden berichten!

Impressionen Brutal Assault 2022

Publiziert am von , , und Simon Bodesheim

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