Konzertbericht: Europe w/ The Vintage Caravan

28.10.2015 Hamburg, Markthalle

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Die schwedischen Hard Rocker EUROPE gehören zu den wenigen Bands, denen es gelungen ist, sich glaubwürdig zu erneuern und ihren Musikstil erfolgreich zu ändern. Seit dem Comeback-Album „Start From The Dark“ aus dem Jahr 2004 spielen sie erwachsenen, modernen, fast schon melancholischen Hard Rock, der mit der einstigen Speerspitze des Glam Rocks nichts mehr zu tun hat. Für ihr aktuelles Album „War Of Kings“ hat die Band ihre Siebensachen gepackt und sich auf Tour begeben – wir waren in Hamburg dabei.

Der Veranstalter hat die Markthalle für einen regelrechten Besucheransturm gerüstet: Mit zahllosen externen Security-Kräften, sonst ein seltener Anblick in der Location, und extra gründlichen Anweisungen für die Fotografen kommt sofort das richtige Rockstar-Gefühl auf. Der auch nach hinten erweitert geöffnete große Saal verstärkt den Eindruck noch weiter. Dass die Halle dann trotz einer ordentlichen Besucherzahl nicht ganz ausverkauft wird und die vielen Sicherheitsleute den ganzen Abend nichts zu tun haben, ist angesichts des Aufwandes schon fast wieder amüsant.
Vintage Caravan 3Bevor aber die Schweden auf die Bühne dürfen, kommen die Special Guests aus dem weiter westlich gelegenen Island: THE VINTAGE CARAVAN eröffnen den Abend mit einem gut 40-minütigen Set. Die drei Jungs tragen Röhrenjeans, Fransenlederjacken und Bärte und klingen auch so. Mit einer vollen Dröhnung Retrorock mit amtlichen Blues-Anteilen starten sie sofort durch und spielen sich durch ein energiegeladenes, melodisches Set. Lediglich der etwas zu knapp bemessene Abtastbereich von Sänger Ágústssons Mikrofon macht gelegentlich Probleme.

Fast wichtiger scheint an diesem Auftritt aber, dass THE VINTAGE CARAVAN erfolgreich das Publikum auflockern. Ihre entspannte Art auf der Bühne, die Tatsache, dass man ihnen ihren Spaß an der eigenen Musik sofort ansieht, dazu ihre hochmelodischen Songs – hier stimmt einfach alles. Wie man in der Umbaupause allerorten hören darf, gefiel die Band dem Publikum oft zur eigenen Überraschung, hatten die meisten Gelegenheitskonzertgänger doch eher einen Lückenfüller erwartet als diesen Auftritt. Wie fremd viele der Europe-Fans dieser Art von Musik ansonsten gegenüberstehen, zeigt nichts so schön wie die Frage, die Ágústssons zwischendurch ins Publikum ruft: „Wir waren hier 2014 als Vorband für Grand Magus. Wer von euch war da?“ Irgendwo am Rand hebt jemand den Arm …

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Gegen 21 Uhr ist es soweit: Nach einer moderaten Umbaupause kommen EUROPE auf die Bühne und eröffnen das Set mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums, „War Of Kings“. Schon beim ersten Lied wird deutlich, wie die Rollenverteilung in der Band ist: Sänger Joey Tempest läuft gelöst über die Bühne, schwingt den Mikrofonständer und ist sich auch nicht zu schade, noch die zehnte Hand abzuklatschen oder sich ins Publikum zu lehnen. Der Rest der Band aber steht erstaunlich starr an seinen Plätzen. Besonders Gitarrist John Norum und Bassist John Levén fallen mit ihrer eher steifen Performance auf, die sich freilich nicht auf ihr musikalisches Spiel erstreckt, sondern nur auf ihre Körperhaltung und den Bewegungsradius, der bis weit ins letzte Viertel der Show hinein maximal einen Meter beträgt.

Europe 1Für eine Band mit mehr als 30 Jahren Liveerfahrung ist diese schüchterne Attitüde zwar mehr als überraschend, eigentlich brauchen EUROPE aber auch nur Joey Tempest. Ihm gelingt es über die ganze Show trotz eher knapper Ansagen, die Verbindung zum Publikum herzustellen und zu halten, auch wenn seine Aneinanderreihungen weniger deutscher Wörter gelegentlich fast dadaistische Qualität erreichen („Ja, alles klar, danke Chef“). Aber selbst diese Bonmots werden vom gelösten Publikum mit Freude registriert. Inhaltlich gehaltvoller ist aber der Hinweis, die Jungs von EUROPE hätten als Jugendliche immer bei Bassist Levén Parties gemacht, auf denen die westdeutsche Konzertsendung Rockpalast lief.

Europe 5Mit solchen Anekdoten kompensiert die Show locker die hüftsteife Restband und die gelegentlich bemüht wirkenden Ansagen. Einen frühen Höhepunkt erreicht das Konzert mit der Abfolge des wuchtigen „Last Look At Eden“ vom gleichnamigen Output aus dem Jahr 2009 und der Glam-Powerballade „Carrie“ von „The Final Countdown“. Auch wenn bei nüchterner Betrachtung die beiden Songs stilistisch nicht zusammenpassen, zündet die Kombination in Hamburg hervorragend. Denn auch wenn die meisten Besucher sichtlich für das ältere Material gekommen sind, tragen sie den hohen Anteil an neuen Songs mit Fassung und feiern sie trotz geringerer Textsicherheit genauso mit. Immerhin präsentieren EUROPE heute Abend selbstbewusst etwas mehr Material von nach 2004 als aus der Frühphase der Band. Zum Abschluss platziert EUROPE mit „Days Of Rock ’n‘ Roll“ sogar noch einen neuen Song zwischen die Überhits „Rock The Night“ und das obligatorisch als Zugabe gespielte „The Final Countdown“.

  1. War Of Kings
  2. Hole In My Pocket
  3. Superstitious
  4. Scream Of Anger
  5. Last Look At Eden
  6. Carrie
  7. The Second Day
  8. Firebox
  9. Sign Of The Times
  10. Praise You
  11. The Beast
  12. Vasastan
  13. Girl From Lebanon
  14. Ready Or Not
  15. Nothin‘ To Ya
  16. Drum Solo
  17. Let The Good TImes Rock
  18. Rock The Night
  19. Days Of Rock ’n‘ Roll
  20. The Fina Countdown

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Als die Show nach 100 Minuten ihr Ende erreicht hat, sind jedenfalls sowohl Fans des alten als auch des neuen Materials auf ihre Kosten gekommen. EUROPE haben bewiesen, dass sie es immer noch können und zugleich der Versuchung widerstanden, sich nur im Ruhm alter Tage zu sonnen.

Alle Konzertfotos von Johanna Lange.

Publiziert am von Marc Lengowski

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