
Der letzte Halt von NANOWAR OF STEEL im Rahmen der „Motocultor Festival Across Europe Tour 2026“ war im Lido in Berlin. Mit im Gepäck: ganze vier weitere Bands. Unterstützung gibt es von UUHAI, HYPSIGN – die sehr kurzfristig für COLD SNAP eingesprungen sind –, MY OWN GHOST und LADY AHNABEL. Dass fünf Bands etwas mehr Zeit benötigen, ist klar, und dass im Winter der Weg vom Eingang über die Gardarobe bis vor die Bühne etwas länger dauern kann, sollte jedem bewusst sein. Den Veranstaltern des Abends schien das wohl entfallen zu sein: Vom Einlass um 18 Uhr wurden sportliche 15 Minuten bis zum Start der Veranstaltung eingeplant.
Dementsprechend leer ist es zum Beginn von LADY AHNABEL: Es sind keine 50 Leute in dem Saal, der bis zu 600 Personen fassen kann. Für die Band aus Frankreich ist das natürlich schade, denn entsprechend dürftig fallen die Reaktionen aus: Es gibt oft nicht mehr als verhaltenes Klatschen und leichtes Mitwippen einzelner Köpfe. Der Songs der Band lassen sich hören, durch die Bässe vibriert aber sogar der Holzboden immer wieder. Auch wirkt die Stimme der Frontfrau Ambre Vourvahis am Ende der Tour nicht mehr ganz frisch, sodass das Publikum den ein oder anderen schiefen Ton verschmerzen muss. Zwischendurch gibt es für den Fan mit dem lautesten Schrei ein Shirt direkt von der Bühne. Das Set schließt mit einem etwas überzogenen Neunminüter, inzwischen ist das Lido aber zumindest gut gefüllt.
Und das ist auch gut so, denn es folgen die Luxemburger von MY OWN GHOST rund um die Sängerin Julie Rodesch. Polizeisirenen wecken zu Beginn die Aufmerksamkeit des Publikums und es geht mit einer Mischung aus klassischem Rock und Heavy Metal weiter. Bei der Frage von Julie, auf wen denn heute alle warten – NANOWAR OF STEEL –, kommen überraschenderweise recht wenig Reaktionen aus der Menge. Dass das Berliner Publikum, vor allem an einem Sonntagabend, eine schwer zu knackende Nuss ist, ist aber auch kein Geheimnis. So viel sei vorweggenommen: Sie wird an diesem Abend nicht nur geknackt, sondern auch zermahlen. Über die Zeit bringt aber auch die Performance von MY OWN GHOST schon deutlich mehr Bewegung in die Menge.
Mit HYPSIGN gibt es eine Überraschung im Line-up, da sie im Vorfeld gar nicht angekündigt waren. Das Duo aus der Schweiz kommt mit monströsen Sturmhauben auf die Bühne, die aber nur ein paar Minuten auf den Köpfen bleiben. Präsentiert wird ein Mix aus Rock, Pop und Hip-Hop. Teilweise gibt es die bis dahin härtesten Klänge des Abends, auf der anderen Seite moderne Sounds mit Funk- und Soul-Einflüssen. Dabei haben die Jungs sichtlich Spaß, auch die Interaktion mit der Crowd gelingt HYPSIGN gut. Letztlich fehlt hinten raus aber die Härte und die Rap-Passagen kommen bei dem Publikum nicht durchweg gut an.

Wer aber schon mit dem folkigen Intro hervorragend ankommt, sind UUHAI aus der Mongolei. Mit ihren sieben Musikern und allerhand ausladenden Instrumenten – Pferdekopfgitarren und mongolische Trommeln – wirkt die für den Main-Act vorbereitete Bühne etwas überfüllt. Aber so dicht wie es auf der Bühne ist, wird es jetzt auch davor. UUHAI bieten deutlich mehr Hitpotenzial in ihren Songs als ihre Vorgänger an dem Abend. Das nehmen auch die Zuhörer wahr und die ersten Pits starten.
Dass UUHAI Erinnerungen an THE HU wecken, lässt sich wohl nicht bestreiten. Es gibt aber klar zu erkennende Unterschiede. Ist THE HU eher im klassischen mongolischen Folk beheimatet, mischen sich bei UUHAI rockigere und feierbare Passagen ein. Dies mündet in einem kurzweiligen und gefühlt viel zu kurzen Set, denn die Mongolen machen richtig Spaß. Bevor es aber vorbei ist, kommen noch mal alle Mitglieder der bisherigen Bands auf die Bühne, um in ausgelassener Feierstimmung UUHAI von der Tour zu verabschieden. Die Hörerschaft darf aber noch ein paar weitere Songs genießen und da steckt noch mal richtig Power dahinter. Unter Beteiligung des gesamten Publikums verstummen die letzten Töne von UUHAI und der Weg für den Headliner des Abends ist geebnet.

Mit ihren gewohnt illustren Kostümen werden NANOWAR OF STEEL frenetisch empfangen. Nach einem elektronisch arrangierten Intro wird klargestellt: Für den heutigen Abend gilt „We Want Make Furniture Great Again“. Es ist bunt, immer wieder gibt es Nebel auf der Bühne und die Bandmitglieder rennen wild hin und her. NANOWAR OF STEEL wissen zu unterhalten! Zu der SABATON-Hommage „Pasadena 1994“ gibt es den passenden Mitgrölpart und die Möglichkeit, seine Hände in die Höhe zu werfen. Die Italiener freuen sich sehr darüber, dass so viele Metalheads an einem Sonntagabend in Berlin erschienen sind. In Italien gibt es nicht so viele davon, dafür umso mehr Disco-People. Natürlich wird das jetzt gemischt, Zeit für „Disco Metal“. Geheimnisvoll wird ein Song über ein Thema eingeleitet, das noch niemand jemals überhaupt gar nicht zuvor besungen hat: „Genghis Khan (The Genghis Khan Song To End All Genghis Khan Songs)“. Natürlich kommen dabei UUHAI auf die Bühne, beffanet mit mongolischen Flaggen. Der ganze Trubel gipfelt in breiten UUHAI-Sprechchören.
Dass der Bassist Gatto Panceri 666 in Berlin studiert hat, ist den Berlinern inzwischen wohlbekannt. Ihn verbindet aber auch ein besonderes Konzert mit dem Lido. Sechs Jahre zuvor hat er hier das erste Mal JINJER gesehen. Die Schneeeule von NANOWAR OF STEEL zu „Il Cacciatore Della Notte“ darf natürlich nicht fehlen und zieht abermals ihre Kreise durch die Menge. Gatto ist es, der mit einer illustren Trump-Parodie zu „Norwegian Reggaeton“ einleitet. Dabei gibt es eine längere Ausführung in Trump-Manier, lose wiedergegeben:
„Norwegen ist ein kaltes Land, angeblich gibt es dort nur Eis und Kommunisten – so wie in Berlin. NANOWAR OF STEEL haben außerdem den Krieg der Wikinger beendet, allein dafür hätten sie einen Preis verdient. Ebenso haben sie eine große Mauer gegen alle Mexikaner gebaut. In Südamerika kommen doch alle aus Mexiko. Für so ein Bauwerk haben sie auch einen Architekturpreis verdient. Und schließlich haben sie englische und mexikanische Wörter in ein Lied gepackt; dafür sollte es eigentlich noch einen Literaturpreis geben.“
Wenn eine Tour schon einmal in Deutschland endet, soll es dafür auch ein Special geben, und die Band gibt „Schwanzwald“ zum Besten. Dafür tauschen Gatto und der Sänger Mr. Baffo Bass gegen Mikrofon. Ein wenig Fremdscham bleibt nicht aus. Zu „Feet & Greet“ wird angemerkt, dass normales Klatschen doch langweilig ist. Kurzum: Das Klatschen mit den Füßen wird gelehrt, was in einem Auf- und Abspringen des Publikums endet.
Wer bis hier genau hingeschaut hat, dem ist aufgefallen, dass der Drummer im orangefarbenen Knastoverall nicht der ist, der er sein sollte. Die Band klärt auch die Situation auf und verfrachtet den Ersatzdrummer zurück hinter Gitter. Der Uinona Raider nimmt seinen angestammten Platz zu den letzten beiden Songs des Abends ein. Aufgrund einer Verletzung konnte er an der Tour nicht teilnehmen. Er lässt es sich zu den letzten Songs aber nicht nehmen, das Schlagwerk dann doch zu maltretieren.
Zum letzten Song „Valhalleluja“ kniet der gesamte Saal bis hinter zur Bar, um im richtigen Moment aufzuspringen. Die Crew reicht die obligatorischen IKEA-Tische herum, alle Musiker des Abends stehen nun auf der Bühne. Zum Schluss führen die fünf Italiener eine Polonaise quer durch den Raum an. Ein wirklich imposanter und würdiger Abschluss der „Motocultor Festival Across Europe Tour 2026“, bei der die Nuss Berlin zu Staub zermahlen wurde.
- Nanowar
- Tooth Fairy
- Stormwarrior Of The Storm
- Pasadena 1994
- Disco Metal
- Genghis Khan (The Genghis Khan Song To End All Genghis Khan Songs)
- Il Cacciatore Della Notte
- HelloWorld.java
- Norwegian Reggaeton
- Schwanzwald
- Feet & Greet
- Armpits Of Immortals
- Valhalleluja
Ob ein Konzertabend wirklich fünf Bands braucht, kann infrage gestellt werden. Gerade dann, wenn der Start doch etwas hektisch und holprig ist. Fest steht jedoch auch, dass NANOWAR OF STEEL ein Garant für einen gelungenen Abend sind. Dabei versprühen sie eine Freude und Authentizität, die direkt auf das Publikum überspringt. Ihre Stärken – insbesondere die Interaktion mit dem Publikum – können sie dabei in kleinen Club-Konzerten deutlich besser ausspielen als bei Festivalauftritten. NANOWAR OF STEEL bieten wie so oft einen Abend aus schelmischem Wahnsinn und mitreißendem Heavy Metal quer über alle Genres.
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