Wie immer Ende Juli läuft im Backstage München das „FREE & EASY FESTIVAL“. Es herrscht also tagtäglich Hochbetrieb in Münchens führender Location für Subkultur – und das auf allen Bühnen. Während also DEICIDE gratis im Werk aufspielen, dürfen – oder müssen – NEW MODEL ARMY ihre reguläre Bezahlshow in der Arena Süd abhalten. Bei sommerlichen Temperaturen ist die Zeltbühne an sich ein angenehmer Ort, sofern nicht gerade ein Servicefahrzeug für Mobiltoiletten auf der angrenzenden Baustelle seinen Dienst tut oder ein ICE quasi „zum Greifen nah“ vorbeifährt. Die eigentlichen Nachteile dieser Location aber liegen woanders.
Für die DONKYHONK COMPANY bietet sich jedoch zunächst ein durchaus erfreuliches Bild: Der Publikumsbereich ist bereits gut gefüllt, und einige der NEW-MODEL-ARMY-Fans widmen dem Münchner Trio sogar ihre Aufmerksamkeit. Das ist nicht automatisch klar, passt der auf Gitarre und Banjo, Kontrabass und Schlagzeug dargebotene „Blues-Punk“ mit Rockabilly-Einschlag doch stilistisch wirklich überhaupt nicht zum Headliner. Der wiederum scheint an der DONKYHONK COMPANY einen Narren gefressen zu haben, sodass die eingefleischten NEW-MODEL-ARMY-Fans heute längst nicht zum ersten Mal in den Genuss von einer Dreiviertelstunde „Honkrock“ kommen. Lässt man sich darauf ein, beziehungsweise kann mit dem Mix aus Covers und eigenem Material etwas anfangen, bieten DONKYHONK COMPANY eine schmissige Performance, die spürbar davon lebt, wie gut das Trio aufeinander eingespielt ist. Stil und Konzept der Band sind aber doch recht schnell verstanden, sodass die Show in der zweiten Hälfte merklich an Unterhaltungswert verliert.
Das ist aber egal, da sowieso 99 % der Anwesenden für NEW MODEL ARMY gekommen sind – und insofern jede andere Vorband wohl auch nur wohlwollend mit Höflichkeitsapplaus bedacht hätte. Die Vorfreude auf die Stars des Abends wiederum lässt sich auch von einer eher faden Vorband niemand nehmen: Sobald Justin Sullivan und seine Mitstreiter die Bühne betreten und als Opener „White Light“ anstimmen, herrscht Euphorie in der Arena Süd. Die befeuern NEW MODEL ARMY musikalisch mit einem gelungenen Mix aus altem und neuem Material, altbekannten Hits und selten gespielten Nummern. Zu Letzteren zählen etwa das nach zehn Jahren erst 2025 reaktivierte „Echo November“ oder die generell selten gespielten „Living In The Rose“ (von 1993) und „Innocence“ (von 1990).
Eine Show von NEW MODEL ARMY ist aber natürlich weit mehr als nur die Musik: Fast genauso wichtig sind die Ansagen von Sullivan, die mal ernst (Weltlage), mal humorvoll (Fußball-WM) sind, aber stets den rechten Ton treffen. So kann fast jeder im Publikum darüber lachen, als Sullivan einem Fan im Deutschlandtrikot (entgegen der, so Sullivan, in England verbreiteten Annahme) Humor attestiert. Eher in Richtung Sarkasmus gehen die Kommentare zur Venue, die Sullivan konsequent als „Gardencenter“ tituliert: Diese habe nämlich nicht nur ein striktes Lautstärke-Limit, sondern auch eine strikte zeitliche Beschränkung, wohl „damit die Züge nicht gestört werden“, wie Sullivan mutmaßt. Tatsächlich geht es wohl eher um die Anwohner – an der Bahntrasse nämlich fühlt sich von der Show niemand gestört, im Gegenteil: Über die Show locken NEW MODEL ARMY einen ganzen Trupp Arbeiter als Zaungäste an. Wenn die zweite Stammstrecke einen Tag später eröffnet wird: NEW MODEL ARMY sind schuld!
- White Light
- Echo November
- Here Comes The War
- First Summer After
- Winter
- Living In The Rose
- Innocence
- 51st State
- Red Earth
- Angry Planet
- Summer Moors
- Do You Really Want To Go There?
- Stormclouds
- Before I Get Old
- The Hunt
- Purity
- Wonderful Way To Go
— - Guessing
- Get Me Out
- Green And Grey

Wir leben in historischen Zeiten – das zeigt dieser Abend einmal mehr in aller Deutlichkeit. Die Zeit arbeitet mit Macht gegen Bands wie die SEX PISTOLS oder eben NEW MODEL ARMY. Das weiß auch Sullivan, der offenherzig erzählt, dass ihn sein 70. Geburtstag verunsichert hat, bis ihm eine Performance der 80-jährigen Patty Smith wieder Mut gemacht hat. Noch aber sind diese Musik-Legenden in Topform, und wer sich die Chance entgehen lässt, sie sich in ihrem goldenen Herbst noch anzusehen, könnte es eines Tages bitter bereuen.




Schöne Review und tolle Fotos.
Aber er sagte Patty Smith nicht Dolly Parton ;-)
Danke für das Feedback – und die Korrektur. Ich habe es entsprechend angepasst, du hast natürlich Recht! :)