Konzertbericht: Primordial w/ Todtgelichter

25.04.2011 München, Backstage Werk

Es gibt sie tatsächlich noch, die ominöse „Fannähe“ in der Metal-Welt, wie PRIMORDIAL bei ihren beiden Releasekonzerten für ihr neues Album, „Redemption At The Puritan’s Hand“ in Essen und München eindrucksvoll unter Beweis stellen: 14€ kostet das Ticket im Vorverkauf, zehn Euro ein Tourshirt, ebenso zehn Euro das neue Album selbst – über die Preise kann man hier wirklich nicht meckern, so dass es auch nicht verwunderlich ist, dass die Tourshirts bereits vor Konzertbeginn ausverkauft sind.
Und auch das Billing bietet keinen Anlass, sich zu beklagen: Mit TODTGELICHTER aus Hamburg ist nämlich Deutschlands derzeit wohl angesagteste (Post) Black Metal-Band mit von der Partie.

Diese eröffnen um kurz nach acht den Abend im zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht all zu dicht besetzten Backstage Werk – dass der Veranstaltungsort dennoch richtig gewählt ist, zeigt sich erst im späteren Verlauf des Abends, ist die (zugegebenermaßen an den Seiten abgehängte) Halle doch spätestens beim Headliner gesteckt voll.
Los geht es gleich mit „Cafe Of Lost Dreams“, dem wohl unangefochten besten Song ihres Durchbruch-Albums „Angst“. Von Kopf bis Fuß ganz in weiß gewandet, beziehungsweise getüncht, als hätten sie grade die Mehlkammer der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm aus Preußlers „Krabat“ ausgekehrt, päsentieren sich TODTGELICHTER so beeindruckend abgeklärt und souverän, dass zu keiner Zeit Zweifel daran besteht, dass die Hamburger nicht etwa Lehrlinge, denn Meister der schwarzen Künste sind: Gefühlvoll intoniert sitzt hier jeder Ton und jeder Schlag, so dass der Song sich in voller Breite zu entfalten im Stande ist, was ihn spätestens beim Duettgesang von Marta und Nils gegen Ende des Stückes zu einem der beeinduckendsten Live-Momente macht, die ich seit langer Zeit erleben durfte. Einzig ob der Tatsache, dass diese Intensität im weiteren Set gar nicht mehr überboten werden kann, ist es ein wenig schade, dass der Song bereits als Erster des Abends dargeboten wird – verschwimmt das restliche Set im Anschluss doch ein wenig im Rausch dieser Erfahrung… der Preis für den wohl mitreißendesten Konzert-Opener des Jahres. Das Publikum dankts mit Applaus, welcher jedoch, ob der leider noch immer nicht eben beeindruckenden Publikumszahl noch verhältnismäßig sparsam ausfällt.
TODTGELICHTER lassen sich davon jedoch glücklicherweise nicht ansatzweise einschüchtern und liefern auch im weiteren Verlauf ihrer gut 50-minütigen Show eine absolute Glanzleistung ab: Getragen von glasklarem Sound bieten die vier Mann, wo nötig durch Sängerin Marta unterstützt, eine Show, die nicht nur vom äußeren Erscheinungsbild in sich stimmig, sondern auch vom Auftreten und Agieren der Musiker her hochprofessionell und schlichtweg beeindruckend ist: Egal, ob alte Songs vom zweiten Album, „Schemen“, oder Material vom aktuellen Machwerk „Angst“: TODTGELICHTER schaffen es heute scheinbar spielend, eine Brücke zwischen truem Black Metal und fast schon an Postrock grenzenden Kompositionen zu schlagen, ohne sich dabei verbiegen zu müssen oder das Set inhomogen werden zu lassen.

Hier stimmt einfach alles, so dass nach 50 Minuten nur ein Fazit stehen bleiben kann: Wenn es eine Band im deutschen Black Metal verdient hat, quasi über Nacht zur angesagtesten Band der Szene hochgejubelt worden zu sein, dann TODTGELICHTER – beweisen diese doch mit Konzerten wie dem heutigen eindrucksvoll, dass sie nicht nur auf Album funktionieren, sondern auch als Band im Livesektor, und somit alles mitbringen, was man braucht, um zu den ganz Großen zu gehören.

Setlist TODTGELICHTER:
01. Cafe Of Lost Dreams
02. Subway
03. Segen
04. Bestie
05. Neon
06. Phobos & Deimos
07. Blutstern
08. Allmählich (Outro)

[Moritz Grütz]

Dass PRIMORDIAL selbst an die sehr souveräne TODTGELICHTER-Leistung problemlos anschließen können, ist jedem Anwesenden wohl schon klar, bevor „We’re PRIMORDIAL from the Republic of Ireland“ durch den Raum schallt. „No Grave Deep Enough“, der Opener des neuen Albums „Redemption At The Puritan’s Hand“, zeigt eindrucksvoll, wofür der Sound der Iren steht: Epische, über tiefe, rhythmische Riffs umgesetzte Melodien, donnerndes, zumeist treibendes Schlagzeug und zwischendurch mal annähernd cleane Passagen auf der Gitarre. Und natürlich der Gesang Nemtheangas, der der unangefochtene Star dieses Abends ist. Statt mit weiß getünchter Glatze und langem Mantel betritt der Fronter die Bühne diesen Abend als eine Art Black Metal-Pirat. Dabei steht wieder deutlich das Posing im Vordergrund, die gen Himmel gereckte Faust, Umherschwingen des Mikrofonständers und auch mal auf den Knien singen, Alan Averill beherrscht seine Posen vorbildlich.

Durch diese sehr zugängliche Präsentation der Musik PRIMORDIALs wird es den unbedarfteren Fans sicher einfach gemacht, sich voll auf die Band einzulassen, und so ist es wenig verwunderlich, dass die Halle zu Songs wie „Empire Falls“, „Heathen Tribes“ und vor allem dem Paradestück „As Rome Burns“ förmlich kopfsteht. Es wäre allerdings wohl auch ein Ding der Unmöglichkeit, sich dieser Flutwelle an Pathos zu entziehen.
So ackern sich die Iren also durch ihr anderthalbstündiges Set und können dabei immer überzeugen, manchmal sogar begeistern. Und dennoch, wenn ein Song zum zehnten mal mit donnernden Drums und flinker Akustikgitarre eingeleitet wird, irgendwann hat man doch das Gefühl, dass sich ein durchschnittlicher PRIMORDIAL-Song vom anderen eigentlich weder vom Aufbau, noch von der Instrumentierung, noch von der Atmosphäre unterscheidet. Selbst Nemtheangas so charmante, hingebungsvolle Gesangslinien, die die Band zu dem machen, was sie ist, auch sie bauen oft auf sehr ähnlichen Tonfolgen auf. Das ist auch nicht nur negativ, kann die einmal gesetzte Stimmung so doch problemlos aufrecht erhalten werden, dennoch lässt sich gerade bei den neuen Nummern, die eher auf konsistente Gesamtatmosphäre als einzelne Über-Momente ausgelegt sind, nicht leugnen, dass sich früher oder später eine gewisse Monotonie einstellt.

Dennoch war dieser Release-Auftritt für mich ein PRIMORDIAL-live-Erweckungserlebnis, empfand ich den Sound der Truppe doch zuvor immer als etwas zu sperrig, um wirklich auf einer Bühne zu funktionieren. Heute ist dies anders, bei den letzten Klängen von „Empire Falls“ hat die Band ihr Soll absolut erfüllt und entlässt in einen Abend, der gerade durch die Hinzunahme von TODTGELICHTER absolut value for money war. Das Konzept von Releaseshows sollte verstärkt verfolgt werden, definitiv.

Setlist PRIMORDIAL:
01. No Grave Deep Enough
02. Sons of the Morrigan
03. Bloodied Yet Unbowed
04. As Rome Burns
05. Lain With The Wolf
06. Autumn’s Ablaze
07. Coffin Ships
08. Death Of The Gods
09. Heathen Tribes
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10. God Of The Godless
11. Empire Falls

[Marius Mutz]

Publiziert am von Marius Mutz und

Fotos von: Moritz Grütz

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