Dass Belgien eine vitale Szene für alternative Musik hat, ist nichts Neues. Dazu zählt auch die Shoegaze-Band SLOW CRUSH. In den letzten acht Jahren hat sich das Quartett aus Leuven mit drei Alben und unzähligen Shows in der Szene einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Dass das „on the road“ nicht immer etwas zu bedeuten hat, müssen SLOW CRUSH und ihr Gefolge aus KEEP und GLAZYHAZE heute allerdings auf die harte Tour lernen.
Nur knapp 60 Fans haben an diesem Dienstagabend ihren Weg ins Feierwerk gefunden, sodass die Kranhalle ziemlich leer wirkt, als GLAZYHAZE die Bühne betreten. Daran liegt es aber wohl nicht, dass die Truppe so traurig dreinschaut – vielmehr dürften das Teil des von GLAZYHAZE auch sonst lehrbuchgetreu durchgezogenen Konzepts sein: Während die singende Gitarristin Irene Moretuzzo schüchtern die Ansagen vernuschelt, wirken ihre Mitstreiter apathischer als jeder Teenager in seiner Mir-doch-Wurscht-Phase. Das ist nur konsequent, weil es das Klischee der Dream-Pop-Band erfüllt – macht aber auch nicht wirklich Laune. Dass die Songs bei aller Melancholie mitunter recht schief klingen, komplettiert den Eindruck einer nicht untalentierten, aber noch etwas unreifen Newcomer-Band. Da GLAZYHAZE in den vier Jahren seit ihrer Gründung aber schon rund 50 Shows gespielt haben, kann man diese Entschuldigung nur so halb gelten lassen: Etwas mehr Engagement wäre auf der Bühne doch wünschenswert – und sei es nur beim Stimmen der Instrumente.
Deutlich souveräner, kraftvoller und auch härter gehen KEEP zu Werke – allerdings hat die Band aus Richmond, Virginia, USA auch eine gut doppelt so lange Historie und entsprechend mehr Erfahrung. Im angenehm kratzigen Gitarrensound geht der stark verhallte Gesang von Drummer zwar passagenweise komplett unter, der Shoegaze des Quartetts funktioniert aber auch wunderbar rein instrumental oder eben mit einer Stimme, die wenig mehr ist als ein verwaschener, zusätzlicher Layer im Soundbild. Da KEEP das Genre sehr traditionell auslegen, bleiben zwar auch die Songs selbst – zumindest ohne vorherige Kenntnis der Alben – nur verwaschen im Gedächtnis. Über die 30 Minuten, die ihr heutiges erstes München-Gastspiel dauert, ist das Material aber allemal unterhaltsam.
Dass SLOW CRUSH andere Ansprüche haben, als nur zu unterhalten, erkennt man bereits an der Inszenierung: Mit Beamer-Projektion auf das riesige Backdrop, viel Nebel und einem elaborierten Lichtkonzept aus wenigen, aber durchsetzungsstarken Strahlern setzen SLOW CRUSH ihre Show gekonnt in Szene. Den Rest erledigt die Musik, ein abwechslungsreicher und doch in sich schlüssiger Mix aus Shoegaze und Noisepop. Mal eher schroff, dann wieder verträumt, und stets begleitet vom über allem schwebenden, anmutig gesäuselten Gesang von Bassistin Isa Holliday zieht das Quartett sein Publikum von der ersten Minute an in den Bann – und lässt die Zuhörenden erst nach gut 45 Minuten wieder frei, als Isa Holliday zu den letzten Tönen von „Glow“ von der Bühne in den Zuschauerraum springt, und diesen mitsamt Bass durchquert, um mit dem Tontechniker am Mischpult abzuklatschen.
- Thirst
- Covet
- Leap
- Drift
- Tremble
- Aurora
- Bloodmoon
- Haven
- Cherry
- Glow
Ob drei Bands aus nahezu dem gleichen Genre bei Shoegaze eine perfekte Ergänzung oder doch irgendwie obsolet sind, kann freilich diskutiert werden. Durch die eher knapp gehaltenen Spielzeiten von zweimal 30 und einmal 45 Minuten bleibt der Abend insgesamt trotzdem kurzweilig. Umso betrüblicher, dass zumindest der Tourstop in München zwar von der Stimmung her, nicht aber von der Zahl der verkauften Tickets als voller Erfolg verbucht werden kann. Die Laune lassen sich SLOW CRUSH davon nicht verderben: Kaum ist die Show vorüber, ist die Band auch schon am Merch-Stand im Gespräch mit den Fans zu finden.
