CD-Review: Bohren & Der Club Of Gore - Sunset Mission

Besetzung

Thorsten Benning - Schlagzeug, Perkussion
Christoph Clöser - Fender Rhodes, Vibraphon, Saxophon
Morten Gass - 8-Saiter Bass, Volumen Pedal, Fender Rhodes
Robin Rodenberg - Kontrabass, Fretless Bass

Tracklist

01. Prowler
02. On Demon Wings
03. Midnight Walker
04. Street Tattoo
05. Painless Steel
06. Darkstalker
07. Nightwolf
08. Black City Skyline
09. Dead End Angels


(Ambient / Doom / Jazz) Bandnamen sagen zu einem nicht unwesentlichen Teil etwas über die Intention der hinter den Namen stehenden Künstler aus, sie geben allem weiteren Schaffen bereits eine gewisse Marschrichtung. So wird wohl keiner widersprechen, dass man von den „Comedian Harmonists“ intuitiv andere Musik erwarten würde als etwa von einer Truppe namens „Napalm Death“. Man macht sich schon im Voraus seine Gedanken darüber, was einen so erwarten könnte.
Ganz anders hier, denn unerbittlich drängt sich immer wieder eine Frage in die Gehirnwindungen:

Wer ist eigentlich dieser BOHREN und was macht er überhaupt im CLUB OF GORE?!

Dieser Frage will natürlich auf den Grund gegangen sein. 1988 als Schülerband gegründet, wurden vorerst die favorisierten Musikrichtungen Grindcore, Hardcore oder Death- und Doom Metal gespielt, bevor man sich 1992 entschied, dass das nun auch nicht so wahnsinnig interessant ist und man nun lieber “doom ridden jazz music” darbieten würde – und voila, BOHREN war gebohren, was tatsächlich das deutsche Verb meint. 1993 erweiterte man dies dann als Hommage an die Holländer Gore zu BOHREN & DER CLUB OF GORE.
So einfach also. Richtig weiterhelfen tut das für die Musik auch noch nicht. „doom ridden jazz music“ klingt zwar nett, kann musikalisch aber immer noch verdammt viel bedeuten. Kommen wir also mal zu „Sunset Mission“, denn mit dem Albumtitel gibt es erstmals einen konkreten Hinweis zumindest auf die Bildlichkeit der Musik, die zumindest auf diesem Album geboten wird. Der Sonnenuntergang. Ja. Herbst. Die Sonne geht unter nach einem langen Großstadttag, welkes Laub weht durch die beinahe leeren Straßen, der Boden ist noch regennass. Die Wolkenkratzer heben sich schwarz gegen den gelb-rötlichen Himmel ab. Melancholie? Vielleicht, aber darum geht es hier glaube ich nicht. Aber gut, zugegeben, ein solistisches Saxophon MUSS eigentlich irgendwo melancholisch sein, das geht fast gar nicht anders. Trotzdem, mir erscheint „Sunset Mission“ eher wie die in diesem Fall 73-minütige Zeitspanne zwischen Sonnenuntergang und vollkommener Nacht. So werden die Songs mit fortlaufender Spielzeit immer minimalistischer und wenn man will auch kälter und weniger romantisch im Sinne des zuvor beschriebenen Bildes. Das Album wirkt als Ganzes wie eine Momentaufnahme, die sich aber mit jedem Lied weiter zu wandeln scheint. Betrachtet man die Songs dann einzeln, und damit wären wir wieder bei der emotionaleren Interpretation der Stücke, dann kann man etwa „Darkstalker“ schon einen eisig kalten, emotionslosen Charakter zuschreiben, der, wenn man richtig in den Song einsteigt, durchaus einige wirklich horrorlastige Elemente beinhaltet und den ein oder anderen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Interessant ist zum Schluss wohl noch, wie das oben Beschriebene umgesetzt wird. Dabei war es volle Absicht, das bis zum Ende aufzuheben, denn bemerkenswert ist das eigentlich nur, wenn man sich konkret Gedanken darüber macht. Denn sobald auch nur der Beginn des ersten Stücks „Prowler“ erklingt ist klar: Eine andere Gewichtung der verschiedenen Instrumente ergäbe schlicht keinen Sinn. Es wirkt ganz und gar selbstverständlich, dass das Saxophon die Hauptrolle noch vor dem Keyboard einnimmt, die sich meist gegenseitig ergänzen, gerne aber auch dem Saxophon einmal längere Solopassagen einräumen. Der Bass spielt hier also nicht mehr zweite, sondern sogar nur noch dritte Geige, denn der wird quasi nur verwendet, um dem immer bedächtigen Soundgewand einen gewissen Bodensatz zu geben, selten einmal um Akzente zu setzen. Unpassend wäre da selbstverständlich ein dominantes Schlagzeug und so wird dieses, wenn überhaupt, als entfernt untermalender, aber doch nicht unwesentlicher Aspekt eingesetzt. Gesang wurde offenbar nicht als relevant für das Album angesehen, sodass dieser folgerichtig weggelassen wurde, wie BOHREN das übrigens auf allen Werken handhaben. Der letzte zu erwähnende, aber wiederum selbsterklärende Aspekt ist das immer bis knapp über Null gedrosselte Tempo – Hier will jede Note wohlüberlegt gesetzt sein, denn viele hat man sich für „Sunset Mission“ nicht zur Verfügung gestellt.

Alles in allem ist dieses Werk von BOHREN & DER CLUB OF GORE auf jeden Fall seine Anschaffung wert, denn vom bewusst Hören übers entspannende, untermalende Nebenherlaufenlassen bis hin zur perfekten Einschlafmusik funktioniert und überzeugt „Sunset Mission“ in jeder ruhigeren Minute.

Bewertung: 8 / 10

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