CD-Review: Deafheaven - Sunbather

Juli 2013

Besetzung

George Clarke – Gesang
Kerry McCoy – Gitarre, Bass
Daniel Tracy – Schlagzeug

Tracklist

01. Dream House
02. Irresistible
03. Sunbather
04. Please Remember
05. Vertigo
06. Windows
07. The Pecan Tree


(Black Metal / Shoegaze / Post Rock / Hardcore) Selten, ganz selten, gibt es diese Alben, die den Hörer durch ihre Energie, ihre Leidenschaft und ihre Schönheit nahezu blenden. Diese Alben, zu denen man nachts durch den einsetzenden Regen läuft und im Gleichschritt mit der Dynamik der Musik seine Schritte beschleunigt und ohne Rücksicht auf Anwohner die Texte mitschreien muss. Musik, die so gleißend, so grell, so einnehmend ist, dass man alles um sich herum ausblendet. „Sunbather“, das zweite Album von DEAFHEAVEN aus San Francisco, die vor zwei Jahren mit ihrem Debütalbum „Roads To Judah“ bereits für gewaltig Aufsehen in Szenkreisen sorgen konnten, ist so ein Album. Ihre Mischung aus Blastbeats, verzweifelten Lyrics und epischen, oft auch verschleppten Post-Rock-Strukturen wusste zwar bereits zuvor zu begeistern – den Schritt, den die Band auf ihrem zweiten Album „Sunbather“ nach vorne macht, ist allerdings kaum in Worte zu fassen.

Während Black Metal versucht, eine bedrohliche, finstere, häufig auch verzweifelte Atmosphäre zu erschaffen, nutzen DEAFHEAVEN die Grundstrukturen dieser Musikrichtung, um musikalisch gefasste Helligkeit und Sehnsucht zu kreieren. Der Opener „Dream House“ mitsamt des nachfolgenden Interludes „Irresistible“ steht exemplarisch hierfür: Eine schnell gespielte Gitarre setzt ein, verdoppelt sich und wird von einem manischen Blastbeat nach vorne geprügelt, bevor George Clarke heiser und aggressiv beginnt, seine verzweifelten Texte über die Musik zu krächzen – dabei dominieren allerdings Dur-Töne und verhallte, wunderschöne Gitarrenmelodien, die im Zusammenspiel mit den stetigen Dynamikwechseln des Schlagzeugs eine ungeahnte Energie und Wärme verbreiten. Nach einer kurzen Verschnaufpause wartet am Ende des Openers der wohl erhabenste Moment des Musikjahres: Im verschleppten Tempo brüllt Clarke immer wieder die Zeilen „’I’m dying.‘ ‚Is it blissful?‘ ‚It’s like a dream.‘ ‚I want to dream.‘ über eine Melodie, die mit dem Begriff episch nicht ansatzweise beschrieben ist. Nahtlos übernimmt „Irresistible“ als Pianooutro die Stimmung des Liedes und führt es zu einem harmonischen Ende.

Die nachfolgenden Lieder fallen in ihrer Intensität und in der Qualität des Songwritings kein bisschen von diesem umwerfenden Opener ab und loten das Gefühlsspektrum der Sehnsucht in allen Facetten sowohl textlich als auch musikalisch aus: Düstere Momente kontrastieren immer wieder die musikalische vorherrschende Schönheit, Blastbeats wechseln sich mit langsamen Passagen ab, verhallte Gitarren treffen auf ein dreckiges Schlagzeug und all dies, ohne je an Dynamik und Leidenschaft, geschweige denn Kohärenz einzubüßen. Das Songwriting, das DEAFHEAVEN auf „Sunbather“ präsentieren, sucht seinesgleichen.

Inhaltlich verhandelt Sänger George Clarke die Verzweiflung ob der eigenen Vergangenheit und die Sehnsucht nach einem besseren Leben unter der blendenden kalifornischen Sonne in Texten, die auch ohne die Musik als Lyrik für sich stehen könnten. Die vier zehnminütigen Songs werden durch drei Interludes verbunden, die dem Album durch Spoken-Word-Passagen (in „Please Remember“ vorgetragen durch Neige von Alcest), rückwärts abgespielten Gitarrenloops, Akustikgitarren, Samples und Feedback-Rauschen eine Atmosphäre verleihen, die beinahe an Godspeed You! Black Emperor erinnert. Auch das Artwork, das das durchscheinende Sonnenlicht durch geschlossene Augenlider darstellen soll, ist stimmig in das Konzept eingewoben.

„Sunbather“ ist keine Black-Metal-Platte, DEAFHEAVEN sind keine Black-Metal-Band. Dazu sind den jungen Kaliforniern etwaige Genregrenzen viel zu egal und dafür erinnert die Musik der Band und ihre gesamte Attitüde viel zu sehr an die DIY-Ethik des Hardcore. Eine bestimmte Zielgruppe, außer Freunde von großartiger, emotionaler und durchdachter Musik, gibt es hier nicht mehr. Mit ihrem zweiten Album haben DEAFHEAVEN nichtsdestoweniger oder gerade eben deswegen einen Meilenstein veröffentlicht, der dem Zeitgeschehen und dem damit häufig assoziierten Sprengen von Grenzen auf musikalischer Ebene entspricht.

It’s 5 A.M…and my heart flourishes at each passing moment. Always and forever.

Bewertung: 10 / 10

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