CD-Review: Dinner Auf Uranos - 50 Sommer – 50 Winter

Besetzung

Marcel – Gesang, Gitarre, Keyboard
Stefan – Gitarre
Heidig – Bass
Matze – Schlagzeug

Tracklist

01. 6786
02. Zwischen dem Salz und Montpellier
03. Texas Della Morte
04. Frost 1
05. Töte das Jahr für mich
06. Frost 2


DINNER AUF URANOS sind die Nachfolgeband von Nocte Obducta, mehr muss zur Vorstellung eigentlich nicht gesagt werden. Als sich Deutschlands Vorzeige Avantgarde Black Metal Band 2006 zur Ruhe legte, entstanden mit DINNER AUF URANOS und Agrypnie zwei Nachfolgebands. Letzte von Schreihals Thorsten als Soloprojekt begonnen und zur vollen Band mit notorischen Besetzungsproblemen ausgebaut, verschrieb sich dem deutlich traditionelleren Black Metal mit deutschen Texten und deutlich weniger Tiefgang als Nocte Obducta. DINNER AUF URANOS aber wurde vom damaligen Nocte Kopf Marcel aus der Taufe gehoben und mit dem letzten, großartigen und stilistisch bereits völlig geänderten NO Album „Sequenzen einer Wanderung“ auf den Weg gebracht. Während Agrypnie richtig heiß lief, mehrere hochgelobte Alben veröffentlichten und kontinuierlich Konzerte spielte, wurde es um DINNER AUF URANOS, die mittlerweile als umbenannte Nocte Obducta firmierten, immer ruhiger. Vier ganze Verlautbarungen gab es seit dem Ende von Nocte und das geplante erste Album wurde einfach nicht veröffentlicht.
Doch 2010 sollte alles anders werden und solange sich Agrypnie Frontmann Thorsten in Australien vergnügt, lassen seine ehemaligen Kollegen endlich ihren Erstling auf die Menschheit los. Da mit zunehmender Wartezeit natürlich auch die Erwartungen steigen, konnte das Album eigentlich nur noch enttäuschen, und so kam es auch.

Doch fangen wir vorne an: Bereits die ersten Töne deuten an, dass sich seit „Sequenzen einer Wanderung“ nicht zu vieles geändert hat. Leicht verschrobene Gitarrenklänge zeichnen ein interessantes Bild und auch der verspielte Rhythmus mit leicht elektronischen Einflüssen weiß zu gefallen. Die größte Änderung seit „Sequenzen einer Wanderung“ stellt jedoch der Gesang dar. War SeW noch ein weitgehend instrumentales Album, das einen Großteil seiner Stimmung auch aus den vielen Sprachsamples zog, wird auf „50 Sommer – 50 Winter“ viel gesungen. Marcel zeichnete sich mit seiner tiefen Stimme ja schon zu Nocte Zeiten für die ruhigeren Stimmlagen verantwortlich und das mit Bravour. Leider trägt seine Stimme kein ganzes Album. Immer wenn der gute Mann – der ganz offensichtlich das richtige Gespür, aber nicht die entsprechende Stimme für guten Gesang hat – Worte in die Länge zieht, singt er fast richtig aber leider eben nur fast. In Kombination mit harschen Gitarrenwänden mag das nicht weiter stören, da die aber Lagerfeuerromantik gewichen ist, fällt es eben doch ins Gewicht. Glücklicherweise gibt es auf „50 Sommer – 50 Winter“ aber auch noch (wie bspw. in „Zwischen dem Salz und Montpellier“) diese düsteren Sprachpassagen die schon „Im siebten Mond“ zu einem umwerfenden Stück machten und kurzgesungene Passagen, die stimmlich in Ordnung gehen.
Dafür tritt immer wieder ein textliches Manko auf den Plan. Schon immer waren die Texte aus Marcels Feder tiefgründig und verträumt. Auf dem ersten Agrypnie – Album nahm Thorsten sogar seinen Dienst in Anspruch, weil er sich selber wohl nicht in der Lage sah ähnlich ansprechende Lyrik zu kreieren. Nun besagt ein bekanntes Sprichwort, dass der Ton die Musik macht und so ist es auch hier. In Kombination mit oft rauer, teils kalter und immer sehr düsterer Musik wirken solche Texte einfach anders als mit lieblichem Gitarrengeschrubbel und lässigem 4/4 Schlagzeugstreicheln unterlegt. Kitschig ist so ein böses Wort, überemotionalisierte Trivialitäten klingt auch nicht besser, vielleicht gibt es einfach keine angemessenen Worte um das Gehörte zu umschreiben.

Nachdem die großen Baustellen abgearbeitet sind, verdient die eigentliche Musik nochmals einer näheren Betrachtung: Die Herren agieren äußerst eigenständig und lassen sich nur ganz schwer einer Kategorie zuordnen. Neben der angesprochenen Lagerfeuermusik kommt auch eine gehörige Portion psychedelischer Prog-Rock zum tragen. Da immer wieder auch längere instrumentale Passagen (besonders in dem wohl abwechslungsreichsten, besten und SeW-ähnlichsten Stück „Töte das Jahr für mich“) in die Stücke eingearbeitet werden, trifft eine Zuordnung zum Post Rock die Musik am ehesten. Die musikalische Größe von instrumentalen Post Rock Gruppen wie Russian Circle oder Pelican wird von DINNER AUF URANOS dabei aber zu keiner Zeit erreicht. Dazu sind sie einfach auch zu anders. „50 Sommer – 50 Winter“ will nicht erstaunen oder mitreißen, sondern hauptsächlich gefallen. Eine warme Produktion und sanfte Klänge ohne allzu viel Ecken und Kanten und ohne Mut zur Dissonanz oder Härte. Dabei aber immer wieder mit netten Überraschungen wie dem Western-Stück „Texas Della Morte“ bei dessen Namen ich immer an Mortadella denken muss, oder den elektronischen Einsprengseln.

So wenig wie Agrypnie dem Erbe von Nocte Obducta gerecht werden (mit drei Alben haben sie aber mittlerweile auch ordentlich Abstand zwischen das Heute und die „Altlast“ gebracht), so wenig werden es DINNER AUF URANOS. Beiden fehlt das Reiben am jeweiligen Gegenpart, obwohl DINNER AUF URANOS durch „Sequenzen einer Wanderung“ zudem noch ordentlich Starthilfe hatten.
Wer Dornenreich für hochliterarisch hält, wird sich auch an den Texten von DAU nicht stören. Wer bisher kaum Berührung mit Post-Rock hatte, wird von der instrumentalen Leistung beeindruckt sein. Wer „Sequenzen einer Wanderung“ mochte, muss auf alle Fälle reinhören, wer allerdings eine Steigerung erwartet, wird wohl enttäuscht. DINNER AUF URANOS haben mit „50 Sommer – 50 Winter“ ein interessantes, abwechslungsreiches und leichtfüßiges Album veröffentlicht. Um an alte Erfolge anzuknüpfen, muss noch ein Stück des Weges gegangen werden, aber die ersten Schritte sind ja endlich gemacht… ich bin zuversichtlich!

Bewertung: 7 / 10

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