Die Ankündigung von Justin K. Broadrick kam quasi aus dem Nichts: Im Februar 2026 musste der Gitarrist und Sänger das Ende von GODFLESH verkünden – vom Krankenbett aus. Der Frontmann musste sich einer schweren Bauchoperation unterziehen, da er einen massiven Leistenbruch hatte. Ursächlich hierfür war die jahrelange körperliche Belastung der intensiven GODFLESH-Liveshows in Verbindung mit dem für die Band typischen, gepressten Schreigesang. Weitere Tätigkeiten dieser Art würden das Risiko bergen, dass die Bauchdecke komplett reißt – die Auflösung der Band quasi alternativlos.
Glück im Unglück: Bevor sein physischer Zustand so kritisch wurde, war Broadrick noch ziemlich produktiv. So entstanden in umfangreichen Recordingsessions in den letzten Jahren nicht nur das 2023 erschienene Album „Purge“, sondern noch Material für zwei weitere GODFLESH-Alben – inklusive zumindest zum Teil abgeschlossener Vocalaufnahmen. Sechs dieser Stücke befinden sich nun auf dem vorliegenden Album „Decay“ – der Rest, noch instrumental, soll zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden. Und für den allerletzten GODFLESH-Longplayer ever möchte Broadrick mit „alternativen Gesangstechniken herumexperimentieren“ – man darf gespannt sein.
„Decay“ kommt deutlich sperriger und unzugänglicher als „Purge“ daher – und beinhaltet mit dem Opener „Master And Slave“ sowie dem Closer „Consume Me“ zwei der mit rund 10 Minuten längsten Stücke in der gesamten GODFLESH-Diskografie. Erstgenannter bietet neben seinem hypnotisch-repetitiven Charakter gruselig-verhallte Effektstimmen, die die intensive Atmosphäre erfolgreich verstärken. In der zweiten Songhälfte wird „Master And Slave“ deutlich melodischer und erinnert dabei sehr an das JESU-Debüt „Heartache“ – was der angesprochenen Atmosphäre jedoch keinen Abbruch tut.
Das folgende „Living / Ending“ ist ein cooler Midtempo-Stampfer mit Kopfnicker-Hiphop-Groove, der auch die klassischen GODFLESH-Schrei-Vocals bietet. Hätte so auch auf der 2000er „Messiah“-EP sein können und kickt ordentlich Arsch. Die verhallten und clean gesungenen Vocals von „Feral Colony“ und die ebenso wattigen Chorus-Gitarren in „Fodder“ zeugen von Broadricks Liebe für KILLING JOKE und sind schräger, aber cooler Industrial-Postpunk. Der Uptempo-Double-Time-Groove von „Feral Colony“ sorgt zusätzlich für Abwechslung, während die Strophe von „Fodder“ ähnlich maschinell daherkommt wie das albtraumhafte „Fear Of Man“ mit seinen klagenden Vocals und einem großartigen Ohrwurmriff im Chorus.
Die angesprochene stampfend-maschinelle Industrialschlagseite kommt in der zweiten Hälfte von „Decay“ deutlich stärker zur Geltung, was in Sachen Abwechslung bei den Drums für leichte Abzüge in der Gesamtnote sorgt. Auf der anderen Seite ist der neue GODFLESH-Longplayer nur etwas über 40 Minuten lang und endet mit der massiv verzerrten zweiten Hälfte von „Consume Me“ angenehm kompromisslos. Was auffällt: Wie auch schon bei „Purge“ steht der verzerrte Bass von Ben Green nicht ganz so im Vordergrund wie auf früheren Werken. Die sonstige Produktion ist GODFLESH-typisch unterkühlt und nicht wirklich fett – was aber auch Teil des Gesamtkunstwerks ist und nachhaltig zur beklemmenden Atmosphäre beiträgt.
So gehört „Decay“ in der fast 40-jährigen GODFLESH-Diskografie ohne Frage zu den düstereren, sperrigeren und im besten Sinne unangenehmeren Alben. Ob sie damit neue Fans gewinnen können, erscheint unwahrscheinlich – aber die, die es bereits sind, werden das Album vermutlich gerade deshalb feiern. Läuft also unterm Strich ziemlich gut durch – vorausgesetzt, man befindet sich in der richtigen Stimmung für die musikalischen Abgründe von GODFLESH.
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Wertung: 8 / 10


