CD-Review: Ihsahn - Àmr

Besetzung

Ihsahn - Gesang, Gitarre, Bass, Keyboard

Sessionmusiker:
Tobias Ørnes Andersen - Schlagzeug
Fredrik Åkesson - Gitarre (Track 2)
Angell Solberg Tveitan - Marching drums (Track 5)

Tracklist

01. Lend Me The Eyes Of The Millenia
02. Arcana Imperii
03. Sámr
04. One Less Enemy
05. Where You Are Lost And I Belong
06. In Rites Of Passage
07. Marble Soul
08. Twin Black Angels
09. Wake


Künstlerische Stagnation ist etwas, das man einem Musiker wie IHSAHN nun wirklich nicht vorwerfen kann. Der Mann, der als Gründer und Mastermind von Emperor, einer der legendärsten Black-Metal-Bands aller Zeiten, bekannt wurde und schließlich 2005 sein Soloprojekt startete, hat über die Jahre zahlreiche musikalische Pfade beschritten. Am bemerkenswertesten dürfte wohl sein 2013 erschienenes, ultraradikales und experimentelles Album „Das Seelenbrechen“ sein. Die einen halten es für prätentiösen Quark, die anderen sehen darin ein Avantgarde-Meisterwerk und sein Opus Magnum. Wie auch immer man sich positioniert – IHSAHN hat es mit diesem Werk immerhin geschafft zu polarisieren.

Anders dagegen seine letzte Platte „Arktis.“, mit der IHSAHN wieder auf einen zugänglicheren und damit sichereren Weg zurückkehrte. Entsprechend gleichgültig fielen die Reaktionen aus. Die Fans des experimentellen  Aspektes empfinden es als weniger spannend, die Gegner dieses Stils zwar als Schritt in die richtige Richtung, aber man schien sich einig: wirklich bedeutsam ist die Scheibe nicht. Nun hat IHSAHN den Nachfolger „Àmr“ veröffentlicht und löst damit das Rätsel auf, wie er seine musikalische Reise fortsetzt.

Tatsächlich trifft das Wort „fortsetzen“ die Sache ganz gut. Viel, was auf „Àmr“ passiert, ist durchaus mit „Arktis.“ vergleichbar. Keine Spur mehr von Stream-Of-Consciousness-Songwriting, wie „Das Seelenbrechen“ es hatte. Stattdessen: klare Strukturen, poppige Hooks und nur noch wenig Metal-Anteil. Ist das überhaupt noch Prog, ist das Avantgarde? Ja, doch. Ist es. Denn etwas, dem IHSAHN sich bei all dem nach wie vor verweigert, ist das Kopieren von schon Dagewesenem. Selbst sanfte Pop-Refrains wie in „Sámr“ halten an den unerwartetsten Stellen noch musikalische Twists bereit. Andere Stücke wie „Marble Soul“ oder das mit einem auf ein Minimum reduzierten Schlagzeug ausgestattete „Where You Are Lost And I Belong“ setzen den Mitsingparts kontrastierende Strophenteile entgegen.

Obwohl dieser sanfte, eingängige und eher rockige als metallische Ansatz IHSAHN gar nicht schlecht steht (Ausrutscher wie das misslungene Kitschfest „Twin Black Angels“ ausgenommen), sind es dann doch eher die Metal-Stücke, die positiv herausstechen. So etwa „One Less Enemy“, ein düsteres Progressive-Black-Metal-Lied und die wohl klassischste IHSAHN-Komposition auf „Àmr“, oder „In Rites Of Passage“, das mit seinen Industrial-Elementen und den vertrackten Schlagzeuggrooves zu den interessantesten Tracks auf der Platte zählt. Ungeschlagenes Highlight ist aber der rasante Opener „Lend Me The Eyes Of Millenia“, der trotz seiner 80er-Jahre-Horrorfilm-Synthies als waschechtes Symphonic-Black-Metal-Stück durchgeht und zu den besten IHSAHN-Songs der letzten Jahre gezählt werden muss.

Etwas seltsam wirkt dagegen die Produktion des Albums. Dass IHSAHN neuerdings, ähnlich wie sein Kollege Satyr mit Satyricon, eher auf einen Prog-Rock-Sound statt auf einen Metal-Klang abzielt, mag noch nachvollziehbar sein. Warum man sich aber mit Tobias Ørnes Andersen (Shining (Nor), ex-Leprous) einen Weltklassedrummer ins Boot holt und das Schlagzeug dann aber zu einem seltsamen 8bit-Sound totmischt, sodass man es auch gleich hätte programmieren können, muss man nicht verstehen.

„Àmr“ dürfte mit seinen gefälligen Songs in eine ähnliche Kerbe schlagen wie sein Vorgänger „Arktis.“. Wirklich reiben dürfte sich daran sicherlich kaum ein Fan. Dazu sind die Stücke objektiv zu gut geschrieben und subjektiv zu wenig kontrovers. Vielleicht hat IHSAHN inzwischen einfach genug davon, immer den innovativsten Scheiß der Szene abliefern zu müssen. Vielleicht will der gute Mann einfach mal, genau wie zuletzt Prog-Legende Steven Wilson, anspruchsvollen Pop-Rock schreiben. „Àmr“ jedenfalls deutet stark darauf hin und funktioniert dabei noch mal ein ganzes Stück besser als „Arktis“.

[Anm.: Wer sich das Album zulegen möchte, sollte übrigens unbedingt zur Version mit dem Bonustrack „Alone“ greifen. Das als tragische, elfminütige Doom-Ballade vertonte und zu Unrecht nicht mit auf das Hauptalbum gepackte Edgar-Allan-Poe-Gedicht erweist sich als klares Highlight.]

Bewertung: 7 / 10

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