Leprous (Livestream: Combined Concert With Ihsahn)

  • Notodden Theater, Norwegen (Stream-Show)
  • 20. Dezember 2020

Einmal im Mai, einmal im Oktober und nun auch noch kurz vor Weihnachten: LEPROUS kanalisieren ihre Spielwut zur Freude ihrer Fans im Medium der Stunde, dem Live-Stream. Nachdem der Selling Point ihrer vorherigen Show ein Fan-Voting der zu spielenden Songs war, ist es nun der Schwager von Sänger Einar, ein Musiklehrer aus Notodden, Norwegen.

Was spricht für diese Wahl? Der Umstand, dass ebenjener Herr Komponist, Gitarrist, Bassist, Keyboarder und Sänger von Emperor, Peccatum und IHSAHN ist, nämlich Vegard Sverre Tveitan alias Ihsahn persönlich. Für jeden Fan von avantgardistischer wie progressiver Musik geht mit diesem kombinierten Live-Stream ein Wunsch in Erfüllung, von dem man zuvor nicht wusste, dass man ihn hat.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Munin.live

Die Show eröffnen die Gastgeber LEPROUS. Beim ersten Track „The Flood“ vom Viertwerk „The Congregation“ (2015) fällt schnell die unausgeglichene Abnahme der Instrumente auf: Während Tor und Einar übermäßig hörbar sind, sprich siebensaitige Gitarre und Gesang das Klangbild dominieren, gehen die restlichen drei Instrumente etwas unter. Ein einnehmender Klangteppich baut sich dadurch nicht auf, vielmehr klingt der Sound enttäuschend dünn. Dieser Umstand rückt beim folgenden Track „From The Flame“ („Malina„, 2017) nur bedingt in den Hintergrund; dafür wird die Zuhörerschaft vom ersten Gast des Abends abgelenkt, dem Cello-Spieler Raphael Weinroth-Browne. Seine Parts wurden vor dem Konzert aufgenommen und werden via Videoeinspielung zugeschaltet.

Sänger Einar begrüßt nach dem Track das Publikum im Notoddener Theater, wo LEPROUS einige ihrer ersten Shows gespielt haben – in ihren Anfangstagen sogar noch mit Corpsepaint geschminkt. Passend zu dem Bild, das aufgrund dieser Aussage nun im Kopf entsteht, ziehen die Norweger den Härtegrad mit dem dritten Song „Thorn“ (von „Bilateral„, 2011) an. Nun steht der ehemalige LEPROUS-Gitarrist Øystein Landsverk mit auf der Bühne, der vom Debüt „Tall Poppy Syndrome“ (2009) bis zu „The Congregation“ (2015) mitwirkte.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Munin.live

Der Klang der Instrumente wird bei „Thorn“ endlich homogener: Baards Doublebass verleiht dem Song den nötigen Druck, die Saitenfraktion djentet sich durch die Instrumentalparts und Einars erster Live-Growl seit Äonen geht durch Mark und Bein. Getoppt wird diese Glanzleistung lediglich von IHSAHN, der zum Ende des Songs erstmalig die Bühne betritt.

Dieser eröffnet im Anschluss seine Setlist mit dem umwerfenden „Lend Me The Eyes Of Millenia“, dem Opener des mittlerweile zwei Jahre alten Albums „Àmr„. Die Wucht übertrifft das Headbang-Material von „Thorn“ und lässt eine tiefe Sehnsucht zu Tage treten, von der man vor wenigen Minuten noch gar nichts ahnte: IHSAHN, bitte mach einen eigenen Stream!

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Munin.live

Wie auf „Àmr“ folgt auch in der Performance „Arcana Imperii“; der Emperor-Frontmann schließt den Song mit den Worten, dass es sich bei der Show um einen LEPROUS-Stream handelt und er den Anteil der „heavy parts“ deswegen nicht noch weiter erhöhen möchte. Folgerichtig schließt sich nun mit dem Song „Pulse“ „slow stuff“ von „Das Seelenbrechen“ (2013) an.

LEPROUS nutzen die geschaffene Atmosphäre, um ihre Setlist mit „Distant Bells“ vom aktuellen Album „Pitfalls“ (2019) fortzuführen. Leider schwächelt Einars Performance bei diesem siebenminütigen, langsam wachsenden Song spürbar; der Gesang überschlägt sich gegen Ende. Einars Gabe, ebenjene Stimme zu besitzen, ist zugleich auch das Bein, das er sich live ab und an selbst stellt.

Nach „The Price“, dem Opener von „The Congregation“, betritt IHSAHN wieder die Bühne und betreibt informativen Smalltalk: Robin, seit „Malina“ (2017) festes Mitglied bei LEPROUS, unterstützt IHSAHN live, seitdem Øystein Landsverk, ehemaliges Mitglied von LEPROUS, dies nicht mehr macht – die norwegische Metalszene ist eben doch nur ein Dorf. Mit diesem Gespann in der Hinterhand stimmt IHSAHN das starke „Until I Too Dissolve“ von „Arktis.“ (2016) an und bricht damit das zuvor gegebene Versprechen, nicht mehr so heavy sein zu wollen.

Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Munin.live

Mit „My Heart Is Of The North“ („Arktis.“) wird der Abend um ’70s-Vibes bereichert, ehe eine Weltpremiere folgt: IHSAHN und Einar performen ihr gemeinsames Aha-Cover „Manhattan Skyline“ von der aktuellen „Pharos„-EP erstmalig live. LEPROUS schließen sich mit „At The Bottom“ („Pitfalls“) und „Below“, dem Opener des aktuellen Albums an, welcher vom groovigen Spiel der Rhythmusabteilung um Bassist Simen und Schlagzeuger Baard lebt.

Im nächsten Moment betritt IHSAHN die Bühne, um „Frozen Lakes On Mars“ („After„, 2010) anzukündigen, nun mit der Unterstützung von Baard an den Drums und Tor an der Gitarre. Der Gitarrist spielt sich beim folgenden Song „A Grave Inversed“ („After“) die Fingerkuppen so wund, dass man ihn bestaunt und zugleich bemitleidet. Oder wie IHSAHN den Song zusammenfasst: „That was a bit too fast.“ Um die Gemüter wieder etwas zu beruhigen, stimmt er „Celestial Violence“ („Arktis.“) an, dem sich von „Contaminate Me“ vom LEPROUS-Album „Coal“ (2013) wie erhofft als Grand Finale dieses Streams anschließt: Nun befinden sich alle Musiker des Abends auf einer Bühne; vier Gitarristen, zwei Schlagzeuger, zwei Sänger und ein Bassist – ein knapp neunminütiger Wow-Effekt.

Setlist Leprous & Ihsahn

  1. The Flood
  2. From The Flame
  3. Thorn
  4. Lend Me The Eyes of Millenia
  5. Arcana Imperii
  6. Pulse
  7. Distant Bells
  8. The Price
  9. Until I Too Dissolve
  10. My Heart Is Of The North
  11. Manhattan Skyline (A-HA-Cover)
  12. At The Bottom
  13. Below
  14. Frozen Lakes On Mars
  15. A Grave Inversed
  16. Celestial Violence
  17. Contaminate Me


Screenshot der Live-Stream-Show, Foto-Credit: Munin.live

Teilen sich zwei Bands die Bühne, führt das unwillkürlich zu einem Vergleich des jeweils Gebotenen: LEPROUS haben mit ihrer Setlist für keine große Überraschung gesorgt, ebenso wenig IHSAHN. Beide haben hier die üblichen Tracks ihrer Live-Setlists gespielt, wenn auch unbestreitbar sehr gut. Die Stärke dieser Show liegt vielmehr im hohen Abwechslungsgrad: harsche Riffs und Doublebass bei IHSAHN, eingängiger Gesang und Cello bei LEPROUS. Mit einer Spielzeit von knapp zwei Stunden und dem Novum, dass sich zwei brillante Formationen wortwörtlich die Bühne teilen, haben IHSAHN und LEPROUS das Konzept des Live-Streams auf eine neue Stufe gehoben. Die Chance, sich dieses Event (noch) anzuschauen, besteht bis zum 03.01.2021 – holt euch hier die Tickets!

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