CD-Review: In Extremo - Kunstraub

Besetzung

Das Letzte Einhorn – Gesang, Davul, Cyster
Van Lange – Gitarre, Cyster, Backgroundgesang
Die Lutter – Bass
Specki T.D. – Schlagzeug
Flex der Biegsame – Dudelsack, Tin Whistle, Drehleier, Schalmay, Backgroundgesang
Yellow Pfeiffer – Dudelsack, Nyckelharpa, Schalmei, Darabuka
Dr. Pymonte – Dudelsack, Pommer, Harfe, Hackbrett

Tracklist

01. Der die Sonne schlafen schickt
02. Wege ohne Namen
03. Lebemann
04. Himmel und Hölle
05. Gaukler
06. Kunstraub
07. Feuertaufe
08. Du und ich
09. Doof
10. Alles schon gesehen
11. Belladonna
12. Die Beute


IN EXTREMO kommen mit ihren Albentiteln auf den Punkt: So folgt auf „Sängerkrieg“ und „Sterneneisen“ nun kurz und prägnant „Kunstraub“. Dank der rappenden Hypemaschine Casper reichte es nicht für die dritte Nummer 1 in Folge, sondern „nur“ für Platz 2 in den Media Control Albencharts. Dafür haben es die Szeneveteranen mit ihrer Single „Feuertaufe“ nun auch auf die großen Radiostationen wie Bayern 3 geschafft. Dass aus den ehemaligen Spielleuten immer mehr ein massenkompatibler Abklatsch der Toten Hosen wird, scheint ein unumgänglicher Kompromiss zu sein.

„Mittelalter / Folk Rock / Metal“ ist das Genre, was wir hier auf Metal1 auch für „Kunstraub“ angeben: Prozentual gesehen wäre die Verteilung auf das gesamte Album gesehen circa bei 5%, 10% und 85% – in dieser Reihenfolge. Wobei man Metal im Falle der neuen In Extremo-Platte auch mit Rock gleichsetzen muss. Und als Rockalbum funktioniert „Kunstraub“ nach anfänglicher Eingewöhnung durchaus. Exemplarisch sei hier der Opener „Der die Sonne schlafen schickt“ oder der Chorus der Singleauskopplung „Feuertaufe“ genannt, die bequem ins Ohr gehen – aber mehr an simpel gestrickte Rock/Pop-Nummern mit begrenzter Lebensdauer erinnern als an progressiven Folkrock. Ähnlich verhält es sich mit der Halbwertszeit der gesamten Scheibe: Niemand wird sich beim Durchhören an experimentellen Dudelsackpassagen oder sonstigen Elementen früherer Tage stören. Dafür stimmt man beinahe automatisch bei „Belladonna“ in den Text ein und wippt nebenbei mit dem Fuß zum Titeltrack „Kunstraub“, während man bequem dazu seine Steuererklärung ausfüllt oder anderen Tätigkeiten nachgeht. Aalglatt kommt die (zugegebenermaßen erstklassige) Produktion über die Lautsprecher, bei der in ruhigen wie rockigen Teilen stets die Gitarren dominieren. Der Nachteil: Im Anschluss die einzelnen Songs den ausschließlich deutschsprachigen Titeln zuzuordnen gestaltet sich schwierig. Dafür sticht aus den 12 Tracks zu wenig markant hervor. Und wenn, ist es nicht nur Positives.

So gerät der einleitende Teil des Refrains bei „Wege ohne Namen“ mit mehrstimmigem Schunkelgesang schon beinahe grotesk, ehe Micha seine Reibeisenstimme glücklicherweise wieder solo positioniert. Und wie komplett ohne Esprit das Schlagzeug im Hintergrund bei „Himmel und Hölle“ dröhnt, ist eine unfassbare Verschwendung des Talents von Specki T.D., der diesen Rhythmus wohl auch beim Nasebohren problemlos einhändig hinter dem Rücken fehlerfrei spielen könnte. „Alles schon gesehen“ und „Die Beute“ sind als (Rock-)Balladen an Austauschbarkeit kaum zu überbieten und klingen eher wie „Alles schon einmal gehört, nur inspirierter“.

Und hat man als älterer IN EXTREMO-Fan die Hoffnung zwischenzeitlich beinahe aufgegeben, packen die Ostdeutschen plötzlich mit „Doof“ ihre speziellste Nummer aus, die irgendwie weniger nach Charts klingt und mehr nach dem, wofür Micha und Co. einst gefeiert wurden. Zwar sind es auch hier mehr die Gitarren und die Härte, die im Vordergrund stehen, doch die Nummer sticht nicht nur wegen des Titels positiv hervor, vor allem da sich nichts Vergleichbares auf „Kunstraub“ findet. Auf der Habenseite verbucht die neue Langrille der Extrematen neben des homogenen Rockrahmens mit bisschen Folk als Garnitur einige schöne Breaks bei „Du und Ich“ sowie wie Tatsache, dass die Stücke live unter Garantie funktionieren werden.

Insgesamt ist „Kunstraub“ somit ein allgemeingängiges Reibeisen-Rockalbum, bei dem IN EXTREMO sich noch ein weiteres Stück von ihren Wurzeln entfernen und dessen Titel genauso austauschbar ist wie viele Inhalte. Die Texte sind größtenteils zum Mitsingen geeignet, erneut zu sehr auf „Reim dich oder ich fress dich“ getrimmt und weniger zum Mitdenken. Dafür krachen die Riffs an allen Ecken und die Produktion des Erfolgsduos Vince Sorg/Jörg Umbreit ist einwandfrei. Das passt insgesamt gut zusammen, vor allem für die breite Masse. Nicht mehr und nicht weniger. Ob „Sängerkrieg“, „Sterneneisen“ oder „Kunstraub“ – letztlich können die drei Titel und alle Stücke auf den Alben willkürlich durchgemischt werden. Am Ergebnis würde es wenig ändern.

 

Bewertung: 5.5 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: