CD-Review: Jinjer - Wallflowers

August 2021

Besetzung

Tatiana Shmailyuk – Gesang
Roman Ibramkhalilov – Gitarre
Eugene Abdukhanov – Bass
Vladislav Ulasevich - Schlagzeug

Tracklist

01. Call Me A Symbol
02. Collosus
03. Vortex
04. Disclosure!
05. Copycat
06. Pearls And Swine
07. Sleep Of The Righteous
08. Wallflower
09. Dead Hands Feel No Pain
10. As I Boil Ice
11. Mediator


Zerbrechlich und gleichzeitig widerstandsfähig sind sie, die titelgebenden „Wallflowers“ auf dem zart und melancholisch anmutenden Coverartwork des vierten JINJER-Albums. Sie suchen sich auf kreative Weise ihren eigenen Weg und beschreiten diesen unbeirrt, trotz aller widrigen und erschwerenden Umstände. Die Ukrainer haben es sich wie an unfruchtbaren Wänden wachsende Blumen selbst nie einfach gemacht und immer ihren Stil durchgezogen. Dafür wurden sie auch belohnt, sind sie doch in den letzten Jahren zu einer der ganz heißen Nummern der Metal-Szene geworden und das auch außerhalb ihres Genres. Dazu haben sicherlich auch die Touren mit Arch Enemy, Amorphis und Soilwork beigetragen, auf denen man sich einem breiten Publikum präsentieren konnte.

JINJER bewegen sich irgendwo zwischen Groove Metal, Deathcore, Alternative Rock, Progressive Metal und Djent und haben sich dadurch einen ganz eigenen Sound erarbeitet. Dass die Combo keinerlei Interesse an Massentauglichkeit hat, macht sie mit den Opener „Call Me A Symbol“ schnell deutlich: ohne Umschweife walzen fiese, tiefe Riffs aus den Boxen, deren Rhythmus sich bereits dreimal geändert hat, ehe der Hörer fähig war, sich überhaupt auf die Musik einzulassen. Tatiana Shmailyuk zieht mit einem garstig gebrüllten „Look at me!“ alle Aufmerksamkeit auf sich und growlt ihre Aggressivität zu einem kurzen, aber intensiven Doublebass-Gewitter heraus.

Die sich überlagernden Rhythmen synergieren und antagonisieren gleichermaßen, selbst in ruhigeren Momenten gibt es immer divergierende Elemente, auch wenn sie leise und im Hintergrund agieren, wie etwa ein zögerliches Streichen der Becken. Sobald Tatianas Klargesang einsetzt, kommt die melancholische und zerbrechliche Seite JINJERs zum Vorschein: in der harten und fordernden Umgebung blitzen Schönheit und Erhabenheit auf, die allgegenwärtige Wut verwandelt sich in emotionale Offenheit und berührt in diesem Kontext und durch seine kurze Verweildauer und Vergänglichkeit umso mehr.

„Call Me A Symbol“ ebnet damit den Weg für das gesamte Album. JINJER sind härter und aggressiver, gleichzeitig auch verletzlicher und offener sowie progressiver als bisher. „Wallflowers“ ist dabei immer unglaublich intensiv und nimmt den Hörer mit auf eine emotionale Reise. „Vortex“ etwa beginnt geradezu hypnotisierend, wodurch der spätere Ausbruch und ein brutaler Breakdown umso heftiger wirken. „Disclosure!“ ist mit seinem Chorus unverschämt eingängig und rollt wie eine unerbittliche Dampfwalze aus den Boxen. „Copycat“ ergänzt die Wutpalette JINJERs um headbangtaugliche Riffs in der Schnittmenge zwischen Old School Death Metal und Punk, während der jazzige Beginn von „Wallflower“ in tonnenschweren Doom mündet.

Für Abwechslung ist gesorgt, gleichwohl fügt sich der Genregrenzen ignorierende Gesamtsound unfassbar harmonisch zusammen. Der Sound ist dabei dreckig und roh geraten: wie auch die Musik ist er passend kantig, unterstreicht die Aggressivität und verstärkt den Eindruck, dass JINJER hier genau das machen, was ihnen am Herzen liegt und ihnen wichtig ist. Es wirkt ehrlich. Aufrichtig erscheint außerdem die Aussage der Band, sich stets weiterentwickeln zu wollen: nie versuchen sie, ein neues „Pisces“ oder „Teacher, Teacher!“ zu produzieren. Wahrscheinlich ist es nur Zufall, jedenfalls passt es diesbezüglich bestens, wenn JINJER in „Pearls And Swine“ die Liedzeile „There’s no teacher in this world“ intonieren.

„Wallflowers“ ist eine wilde Achterbahnfahrt: zwar ohne Loopings und extrem steile Auf- und Abfahrten, dafür mit auf den Magen drückender Konstanz und erschütternden Beschleunigungen nach wohltuenden Erholungsphasen. Diese Achterbahn wird von Fahrt zu Fahrt besser, die Details können erst bei mehrmaligem Genuss vollumfänglich ihre Wirkung entfalten. Die Ukrainer spielen vom Bekanntheitsgrad her wohl noch nicht ganz in einer Liga mit Gojira, Meshuggah oder Mastodon, müssen qualitativ aber ab sofort auf Augenhöhe genannt werden. JINJER sind das nächste große Ding im modernen Metal. Ihr neues Album „Wallflowers“ unterstreicht das als eines der bislang spannendsten und vielleicht auch besten Alben 2021.

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Bewertung: 9 / 10

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