CD-Review: King Crimson - Lizard

Besetzung

Gordon Haskell - Gesang, Bass
Robert Fripp - Gitarre, Mellotron
Mel Collins - Saxophon, Flöte
Andy McCulloch - Schlagzeug
Peter Sinfield - Texte, Synthesizer

Gastmusiker:
Keith Tippett - Piano
Robin Miller - Oboe, Englischhorn
Mark Charig - Kornett
Nick Evans - Posaune
Jon Anderson - Gesang

Tracklist

01. Cirkus
02. Indoor Games
03. Happy Family
04. Lady Of The Dancing Water
05. Lizard


1970 war ein sehr produktives Jahr für KING CRIMSON, denn neben „In The Wake Of Poseidon“ veröffentlichte man auch noch das dritte Album „Lizard“. Und wer hätte es gedacht, auch hier kam man nicht ohne Besatzungswechsel aus, Greg Lake ging, Peter Giles gab den Bass auf und Gordon Haskell übernahm diesen dann gleich mit dem Gesang. Auch Michael Giles war es nun endgültig genug, nachdem er sich nochmal überreden liess auf dem Zweitwerk das Schlagzeug einzuspielen, und Andy McGulloch nahm seinen Platz ein. Bei all den Wechseln und bei KING CRIMSON generell kann man davon ausgehen, dass das Material sehr unterschiedlich zu den Vorgängern ausfällt, aber bei „Lizard“ muss man wohl sagen, dass dieses Werk sowieso aus der Reihe fällt.

Schon beim Artwork, welches wunderbar detailreich ausfällt, hat man den Eindruck als wäre der Titel des Openers „Cirkus“ Programm für das komplette Album. Und so vielfältig, farbenfroh und irgendwie auch irritierend ist „Lizard“ dann auch:
So wird man von Beginn an mit allerlei Virtuositäten von Flöte, Saxophon, Hörnern und Klavier überschüttet während Haskells Gesang so wirkt, als wäre er selbst ein erstaunter, kindlicher Beobachter dieser kunterbunten Kulisse, vor dessen Auge sich das Zirkuszelt jedoch in einen Alptraum verwandelt, aus dem er so schnell wie möglich verschwinden will. Die Bedrohlichkeit wird hervorragend durch die an einzelnen Stellen auftauchenden rockigen Gitarren-Töne verdeutlicht, vergleichbar zu Werke geht man auch bei „Fallen Angel“ vom „Red“-Album.

Überhaupt wird gerade textlich oftmals gute Miene zum bösen Spiel gemacht, nimmt man nur mal den Songtitel „Happy Family“ und liest sich dann die von Peter Sinfield verfassten Zeilen durch – der KING CRIMSON auf diesem Album als Textschreiber erhalten blieb und auch mit seinem neuen VCS-3-Synthesizer ordentlich herumspielen durfte, aber dazu gleich mehr – dann dürfte man trotz der eventuell nicht direkt zu durchschauenden Lyrics die Ironie des Ganzen doch erkennen. Übrigens ist eine intensivere Beschäftigung mit den Texten sowieso eine lohnenswerte Angelegenheit, hier steht man der Musik an Obskurität und Fantasie in nichts nach.

Nach den „Indoor Games“, welche ziemlich jazzig daher kommen und ein, ja, fast schon kindliches Hauptmotiv haben – eine bessere Formulierung fällt mir dazu nicht ein – wird es mit „Happy Family“ sogar nochmal ein Stückchen extremer, wobei hier vor allen Dingen Tippet’s wildes Spiel auf dem elektronischen Piano dominiert, das häufiger mal scheinbar willkürlich eingeworfen wird, jazziger geht es im Prinzip nicht. Zusätzlich wird noch der Synthesizer malträtiert, so dass Haskells Stimme zwischenzeitlich so weit verzerrt wird, dass man meinen könnte ein Roboter stehe am Mikrophon, was nicht nur bizarr klingt sondern auch irgendwie lustig.
Das totale Kontrast-Programm folgt dann mit „Lady Of The Dancing Water“, dem ruhigsten, minimalistischsten und auch kürzesten Stück des Albums. Man beschränkt sich auf lieblichen Gesang Haskells, sanfte Akkustik-Gitarrenklänge, hintergründige Begleit-Posaune und träumerische Flötenspielerei.

Mit dem Anfang des Titelstücks „Lizard“ – welches mit seinen 23 Minuten Spielzeit den längsten Song in der KING-CRIMSON-Diskographie darstellt – wird zunächst weiter an dieser Ruhe angeknüpft, markantester Unterschied ist jedoch der Gesang. Als Unwissender wird man sich wahrscheinlich fragen welche Frau man denn für diesen weiblichen Gesang ausgegraben hat, während der mit Handclapping versehene Refrain vom ersten Teil „Prince Rupert Awakes“ dann doch wieder von einem Mann übernommen wird. Umso interessanter ist die Feststellung, dass hier nur eine Person singt und die männlich ist. Liebhaber der Musik von Yes werden aber zweifelsohne längst erkennt haben, dass Jon Anderson sich hier die Ehre gibt und einen wirklich gelungenen Gastauftritt hat.
Dieser ist jedoch auch recht bald vorbei und der getragene Bolero steht auf dem Programm, welchem aber bald jazziges Piano- und Bläserspiel hinzugefügt wird. Und auch nach dem zweiten und letzten Gesangsteil zur Hälfte des Stückes, in welchem man nochmal zum absoluten Ruhepunkt zurückkehrt, ist immer mindestens ein Instrument auf Jazz-Pfaden unterwegs, insbesondere das Schlagzeug-Spiel. Ein immer wieder gespieltes tiefes Bläsermotiv trägt den zweiten Unterteil „Last Skirmish“ des dritten Teils „The Battle Of Glass Tears“ des Titelstücks „Lizard“ (was eine schwere Geburt) und kann ein klein wenig an „21st Century Schizoid Man“ von der Art her erinnern, bloss eben nicht so verschroben und schnell.
In „Prince Rupert’s Lament“ beschränkt man sich dann auf monotones Bass-Spiel mit donnernden Trommelschlägen, das konstant mit zwischen hinter- und vordergründigem wechselndem, solistischen Gitarren-Spiel Fripps den Song scheinbar zur Ruhe trägt. Den Abschluss bildet jedoch ein nach Drehorgel klingendes Zusammenspiel aller Instrumente, welches beim Ausklingen immer schneller und schräger wird. Ist zwar mehr ein eigenes kleines Outro als ein merkbar zugehöriger Teil des Titelstücks, aber andrerseits doch ein passendes Ende für ein solches Werk.

„Lizard“ ist ein sonderbares Stück Musikgeschichte und erfordert somit für viele Hörer auch eine intensivere Beschäftigung, bevor man behaupten kann es wirklich zu „geniessen“. Wenn man mit Jazz so absolut gar nichts anfangen kann, dann darf man hierum gleich einen Bogen machen, auch wenn es sicherlich anstrengendere und sperrigere Musik aus dieser Richtung gibt. Auch kann die Bezeichnung Progressive Rock irreführend sein, denn rockig wird es hier eher selten.
Sollte man in Musik also auch mal eine Herausforderung sehen, dann kann dieses Album eine sehr lohnenswerte Mühe sein, erst recht wenn man auch noch die Texte in Betracht zieht. Es gibt hier keine Hits, keine Nummern die ein Nicht-Fan kennen würde, aber als Gesamtwerk gehört „Lizard“ auf jeden Fall zu den stärksten Erzeugnissen von KING CRIMSON.

Einen interessanten Kommentar zu „Lizard“ gab Robert Fripp einmal ab, den ich mal unkommentiert als Abschluss im Raum stehen lasse:
„Overall, the album is unlistenable. Our remastering shows just how unlistenable. I am unable to recommend that anyone part with their hard-earned pay for this one, unless they want to take it to parties and play it at unwelcome guests. There are some „Lizard“ lovers, I know. They must be very strange.“

Keine Wertung

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1 Kommentar zu “King Crimson – Lizard”

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