Nichts ist so ehrlich wie ein Debüt-Album: Aus Idealismus und innerem Antrieb erschaffen, bilden Erstlingswerke Bands so authentisch und unverdorben ab, wie es Routine und Erfolg im weiteren Verlauf einer Karriere im Musikbusiness kaum mehr möglich machen. Ein Paradebeispiel dafür ist „Spit“ von KITTIE – ein von wütenden Teenagern nach Abendessen und Hausaufgaben in nur neun Studiotagen eingespieltes Album, das gerade deswegen den Geist des Nu Metal besser transportiert als viel, was die zu dieser Zeit bereits etablierten Acts in den Folgejahren abgeliefert haben.
Woher die jungen Kanadierinnen ihre Inspirationen gezogen haben dürften, ist klar – schließlich sind die letzten Jahre der 1990er die Hochphase der vom Musikfernsehen gepushten neuen Metal-Bewegung: SOULFLY, SYSTEM OF A DOWN, COAL CHAMBER und SLIPKNOT haben eben mit ihren selbst betitelten Alben debütiert, die DEFTONES, LIMP BIZKIT und KORN sind schon (rising) Stars der noch jungen Szene. So überrascht es dann auch kaum, was KITTIE auf ihrem Debüt abliefern: Einen guten Schnitt aus alledem nämlich, könnte man sagen.
Garniert mit einer kräftigen Prise Death und Thrash in der Gitarrenarbeit experimentieren KITTIE mit allem, was im Nu Metal „cool“ ist – von melodischem Gesang über Screams bis zu Rap, von instrumentalem Chaos bis zu groovig-eingängigem Riffing (selbstverständlich auf tiefer gestimmten Gitarren). Doch KITTIE mischen dem Ganzen trotzdem eine neue Komponente bei: Als erste rein weiblich besetzte Band im Nu Metal bringen sie Themen wie Sexismus und Misogynie, Übergriffigkeit und Geschlechterrollen in die bis dahin rein männlich geprägten Szene. Mit Erfolg: Als „lone women in a sea of nu-metal dudes“, wie KITTIE ihre damalige Rolle später selbst beschrieben haben, werden sie zum Vorbild für eine ganze Generation weiblicher Metalheads.
Dass KITTIE mit ihren Texten etwas zum Ausdruck bringen wollen, trägt seinen Teil zur enormen Vehemenz bei, mit der die Truppe ihre Songs verewigt: Die Screams kommen gleichermaßen aus dem Bauch wie von Herzen – und schon der Opener und Titeltrack „Spit“ klingt so erbarmungslos kräftezehrend eingeprügelt, dass man schon vom Zuhören außer Atem kommt. Aber auch Garth Richardson alias GGGarth trägt dazu einen entscheidenden Teil bei: Der Toningenieur, der zuvor auch schon mit RAGE AGAINST THE MACHNINE, UGLY KID JOE und SICK OF IT ALL gearbeitet hatte, hat die Attitüde der jungen Musikerinnen, ihne ungebändigte Energie und den rohen Charme der Songs mit dem Sound perfekt eingefangen. Das Resultat klingt, wie der Überlieferung zufolge damals auch von der Band angestrebt, zwar wuchtig und professionell, aber trotzdem ziemlich „live“. Nicht zuletzt, weil schon aufgrund des straffen Zeitplans der Gesang nicht (wie sonst üblich) gedoppelt wurde und bei den Instrumental-Spuren viele First-Takes verwendet wurden, die auch nicht im heute üblichen Maß „glattgezogen“ und um jeden noch so kleinen Spielfehler bereinigt wurden.
„Spit“ bringt in seiner ungeschliffenen Härte und explosionsartigen Entladung jugendlicher Energie alles auf den Punkt, was Nu Metal zur Jahrtausendwende ausgemacht hat. Klar, auch von dieser Sorte Album gibt es einige, und auch ein paar, die aufs Ganze gesehen noch etwas packender ausgefallen sind. Und doch hat KITTIE nach diesem fulminanten Einstand wohl nur das entscheidende Scherflein Glück gefehlt, um in die Riege der (heute) ganz großen aufzusteigen. Oder aber – und auch das ist leider nicht ganz abwegig – das Testosteron.
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Wertung: 8.5 / 10


