CD-Review: Long Distance Calling - How Do We Want To Live?

Besetzung

David Jordan – Gitarre
Florian Füntmann – Gitarre
Jan Hoffmann – Bass
Janosch Rathmer – Schlagzeug

Gastmusiker:
Eric A. Pulverich – Gesang

Tracklist

01. Curiosity (Part 1)
02. Curiosity (Part 2)
03. Hazard
04. Voices
05. Fail / Opportunity
06. Immunity
07. Sharing Thoughts
08. Beyond Your Limits
09. True / Negative
10. Ashes


Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, als wir neue Musik nicht per Streaming, sondern beim Elektronikhändler entdeckt haben? Als einem plötzlich dieses faszinierende Cover-Artwork ins Auge stach, das unfassbar neugierig auf die Musik dahinter machte? Wäre „How Do We Want To Live?“ vor etwa 20 Jahren erschienen, ich hätte es aus dem Regal genommen und unbedingt hören wollen. Verantwortlich dafür zeichnet Max Löffler, der dem siebten Album von LONG DISTANCE CALLING ein Cover verpasst hat, das an alte, gesellschaftskritische Sci-Fi-Filme und -Bücher erinnert. Es wirkt retro und modern zugleich und gehört für mich zu den besten Artworks des Jahres. Und wie sieht es mit der Musik aus?

Auf ihrem Debüt „Satellite Bay“ (2007) waren die Münsteraner eine lupenreine Post-Rock-Band. Seitdem hat sich viel getan. In den letzten 13 Jahren wurde die Musik von LONG DISTANCE CALLING härter und kompakter. Aus dem schleppenden Post-Rock wurde knackig-atmosphärischer Instrumental-Rock. Und als die Jungs der Meinung waren, sie hätten mit ihren Instrumenten alles gesagt, nahmen sie Gesang hinzu. Ein nettes Experiment, das durchaus Spaß gemacht hat und dennoch halbherzig wirkte. Kein Wunder also, dass die Vocals beim 2017er Album „Boundless“ wieder komplett verschwanden. Und nun?

Die zehn Tracks von „How Do We Want To Live?“ nehmen sich gefühlt wieder mehr Zeit. Sie klingen luftiger und leichter, ohne dabei den Fokus zu verlieren und in langatmige Post-Rock-Hymnen auszuufern. Auffällig sind dabei vor allem zwei neue Elemente: Zum einen werden die Songs von jeder Menge Sprachsamples begleitet, ja geradezu vorangetrieben. Sie sorgen für die atmosphärische Dichte und setzen die Grundstimmung. Zum anderen haben LONG DISTANCE CALLING ihren Sound um viele elektronisch erzeugte Klänge erweitert, was die Musik sehr sphärisch und schwebend wirken lässt.
All das passt sehr gut zum Konzept des Albums. Es beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine; mit der Frage, wie technologischer Fortschritt, künstliche Intelligenz und persönliche Freiheit in Zukunft vereinbar sind und wie viele unserer Grundwerte wir dafür aufgeben müssen oder wollen.

Mit „How Do We Want To Live?“ lassen die vier Herren auch eine alte Tradition wieder aufleben: Es gibt genau einen Song mit einem Gastsänger. Dieses Mal ist es „Beyond Your Limits“ mit Eric A. Pulverich von der Band Kyles Tolone. Und der klingt gut. Schön, dass LONG DISTANCE CALLING kein Namedropping mehr nötig haben.

Die ersten Hördurchgänge machen richtig Spaß. Es gelingt der Band sofort, den Hörer in den Bann zu ziehen. Der Einsatz von Sprachsamples in dieser Dichte und Konsequenz ist neuartig und faszinierend. Leider verpufft dieser Effekt mit der Zeit. Die Musik hinter dem Sounddesign ist gut, aber nicht immer spannend genug, um die Aufmerksamkeit durchgehend aufrechtzuerhalten. Das liegt auch daran, dass LONG DISTANCE CALLING anno 2020 nur noch selten richtig laut und hart werden. Ein wenig mehr Biss und Zug hätte der Musik durchaus gutgetan. Insgesamt ist „How Do We Want To Live?“ eine Scheibe, die vor allem mit ihrem Sounddesign und Konzept punktet. Das Songwriting kann leider nicht immer mithalten.

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Bewertung: 7 / 10

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