Review Minsitry – Hopiumforthemasses

Al Jourgensen hat es wieder getan – das Ende von MINISTRY ausgerufen. Nicht für jetzt, nicht sofort, aber doch absehbar: Das gerade erst veröffentlichte „Hopiumforthemasses“ soll das vorletzte Album der Industrial-Metal-Legende sein – und nach einem weiteren Album (das mit Paul Barker entstehen soll) soll mit MINISTRY dann wirklich Schluss sein. Dass Onkel Al im Guardian seinen Rückzug ankündigt, während sich eine neuerliche US-Präsidentschaft von Donald Trump zusammenbraut, mag nicht so recht zusammenpassen – andererseits ist Al Jourgensen nun 65 Jahre alt und sieht man sich die Gesamtwetterlage an, müsste der Mann wohl weit über eine wissenschaftlich erklärbare Lebenserwartung hinaus aktiv bleiben, um in ruhigeren Zeiten abdanken zu können.

Für den Moment jedenfalls scheint es Al Jourgensen ernst zu meinen mit seinem Bestreben, „erwachsen zu werden“, wie er es ausdrückt: Die Dreads sind ausgekämmt, die Piercings sind rausgenommen, der ganze Mann kaum wiederzuerkennen. Politisch jedoch verfolgt der Amerikaner weiter seine Agenda als Streiter für soziale Gerechtigkeit und Demokratie: Mit seiner Mutter hat Al gebrochen, seit diese Trump unterstützt – und mit „Hopiumforthemasses“ veröffentlicht er ein Album, auf dem er sich thematisch breiter denn je engagiert zeigt.

Los geht es direkt mit „B.D.E.“, was für „Big Dick Energy“ steht und im besten Sinne als feministische Abrechnung mit dem Patriarchiat gewertet weden kann. Es folgen „White Trash“ (selbsterklärend), „Just Stop Oil“ (Klimawandel) und „Aryan Embarressment“ (Antisemitismus). Weiter hinten auf dem Album findet sich mit „Cult Of Suffering“ noch ein Song gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, in dem Eugene Hütz (Gogol Bordello) singt – und zum Abschluss covern MINISTRY noch „Ricky’s Hand“ von Fad Gadget, der textlich vor Alkohol am Steuer warnt. Thematisch könnte „Hopiumforthemasses“ also kaum breiter aufgestellt sein – und kaum relevantere Themen ansprechen. Musikalisch sieht es leider anders aus.

Dabei ist MINISTRY-Album Nummer 16, das sei vorweggeschickt, keineswegs missraten. Insbesondere bei den Vocals gibt es mit unterschiedlichsten Gesangsstilen und Samples, sowie zwei Gastsängern (neben Eugene Hütz sind auch Dead-Kennedys-Mitbegründer Jello Biafra und Pepper Keenan von Coorosion Of Conformity zu hören) viel Abwechslungsreichtum. Erwartbar stumpf fällt hingegen das Drumming aus – egal, ob programmiert oder bei drei immerhin Tracks von Roy Mayorga (ex-Soulfly, Stone Sour, Hellyeah) gespielt. Dazu liefern MINISTRY in Sachen Songwriting und Gitarrenarbeit ziemlich genau das, was man von MINISTRY eben erwartet: Einige Midtempo-Stampfer („B.D.E.“), einige Ausbrüche in wilde Industrial-Madness („TV Song 1/6 Edition“), thrashiges Riffing („Goddamn White Trash“) und ein paar auflockernde Nummern wie das rockige „Cult Of Suffering“ ergeben zusammen ein MINISTRY-Album in a nutshell.

Dass am Ende ausgerechnet der letztgenannte, für MINISTRY untypischste Song, sowie das bereits erwähnte Fad-Gadget-Cover hängen bleiben, während die restliche halbe Stunde vorbeizieht, ohne sonderlich Eindruck zu schinden, ist bezeichnend: Zwar machen MINISTRY auf „Hopiumforthemasses“ nichts falsch – allein, es fehlt dem Album musikalisch etwas an Profil.

„Irgendwann kommt der Punkt, an dem es musikalisch nur noch bergab geht“, begründete Al Jourgensen das absehbare Ende von MINISTRY weiter. „Hopiumforthemasses“ dürfte er damit vermutlich nicht gemeint haben – und doch muss man MINISTRY auf ihrem neuesten Werk eine ungewohnte Stagnation attestieren: Dabei ist das Album stilistisch zwar näher bei den Alben der frühen 2000er („Houses Of The Molé“ oder „Animositisomina“) zu verorten als alle späteren Alben und dürfte Oldschool-Fans darum eventuell besser gefallen als die Werke aus der darauffolgenden Dekade. Einen so unverwechselbaren, eigenständigen Charakter wie zuletzt das düstere „Amerikkkant“ (2018) und dessen erfrischend andersartiger Nachfolger „Moral Hygiene“ (2021) lässt „Hopiumforthemasses“ jedoch vermissen. Das ist bei einer Band, die sich über respekteinflößende 43 Jahre hinweg unzählige Male neu erfunden hat und die trotzdem einen unverwechselbaren Stil kreiert hat, keine Schande – aber schade.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wertung: 7 / 10

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert