CD-Review: Motörhead - The Wörld Is Yours

Besetzung

Ian “Lemmy” Kilmister – Gesang, Bass
Philip “Wizzo” Campbell – Gitarre
Mikkey Dee – Schlagzeug

Tracklist

01. Born To Lose
02. I Know How To Die
03. Get Back In Line
04. Devils In My Head
05. Rock 'N' Roll Music
06. Waiting For The Snake
07. Brotherhood Of Man
08. Outlaw
09. I Know What You Need
10. Bye Bye Bitch Bye Bye


Böse Zungen behaupten ja, dass die größte kreative Leistung, die Lemmy, Wizzo und Mikkey leisten, wenn sie ein neues MOTÖRHEAD-Album schreiben, das „Hide an Ö“-Spiel ist: Je eleganter das Ö im Titelvorschlag versteckt ist, umso mehr Punkte gibts. Und wer sich auch immer für „The Wörld Is Yours“ verantwortlich zeigt… er muss dafür ordentlich abgesahnt haben.
Ganz kann man das mit der kreativen Leistung natürlich auch nicht abstreiten – dürfte das MOTÖRHEAD-Songs-Schreiben für die Jungs nach mittlerweile stolzen 19 Studioalben doch reine Routine geworden sein. Doch dass dies den Alben je zum Nachteil gereicht hätte, kann man nicht unbedingt sagen – gilt für diese doch nach wie vor: Uninspiriert ja, aber mit Stil.

Auch auf „The Wörld Is Yours“ hütet sich das Triö, mit dieser Tradition zu brechen und fährt damit alles andere als schlecht: Zwar kann das Album nicht ganz mit dem nicht zuletzt seiner Songvielfalt wegen herausragenden „Kiss Of Death“ mithalten und vermag auch nicht ganz die Power einer „Inferno“ zu bündeln – mit dem für meinen Geschmack arg gesichtslosen „Motörizer“ vermag das Werk jedoch spielend mitzuhalten: Zwar geht man auch diesmal alles in allem gemäßigter (Ausnahmen wie der Rausschmeißer mit dem alliterationsstarken Titel „Bye Bye Bitch Bye Bye“ bestätigen die Regel) zur Sache, jedoch steht diese, ich nenne es nach 35 Jahren Bandgeschichte einmal ganz kess: Altersweisheit den Briten gut zu Gesicht. Sie haben sich in diese Rolle gefunden und wissen, anders als auf dem uninspirierten Vorgänger mit dieser Attitüde zu spielen. Wem könnte die Rolle des abgeklärten Altrockers schließlich besser stehen, als Mr. abgeklärter Altrocker persönlich?
Da die Klassiker-Platten aus den Jugendtagen der Rock-Legenden ehrlicherweise nicht als Vergleich herangezogen werden können, erringt das Werk nach den genannten („Kiss Of Death“ und „Inferno“) immerhin einen achtbaren dritten Platz in der Kategorie „2000-2010“ – und wird diesen wohl auch nicht wieder hergeben müssen, ist vor Ablauf des Jahres wohl nicht mit Nummer 21 zu rechnen…
Allein Fans der gediegenen Ästhetik werden hier gleich doppelt enttäuscht: Ist schon der kitschige Titel eher von zweifelhafter Genialität, hat man es bei dem Artwork mit einem astreinen Fehlgriff zu tun. Zwar versucht sich „The Wörld Is Yours“ wenigstens nicht wieder mit SOS-Kinderdorf-Spendenaufruf-Postkarten-Ästhetik wie sein Vorgänger, doch ob die gefundene Alternative wirklich besser ist, ist wohl Ansichtssache: Die mäßig elegante Symbiose aus Erde und Snaggletooth B. Motörhead wirkt mehr wie ein grausames Photoshop-Verschmelzungsexperiment und dabei gleichermaßen modern wie trashig – zwei Attribute, die man so nicht unbedingt gleich der Musik auf dem Album zuschreiben würde. Gerade in Gedenken an die wirklich prächtigen Bilder, die sich schon auf MOTÖRHEAD-CDs wiederfanden, sei es nun ein „1916“ oder ein „Kiss Of Death“, wirklich schade…

„Wer hier die rotzrock’sche Revolution oder MOTÖRHEAD’sche Innovation erwartet, hätte schon Ende der Neunziger eine Ausfahrt nehmen sollen und hat das Konzept MOTÖRHEAD nach all den Jahren noch immer nicht verstanden. schrieb Kollege Piller im Review zum Vorgängeralbum – und recht hat er damit nach wie vor.
Wer also vom neuen MOTÖRHEAD-Album mehr erwartet als ein neues MOTÖRHEAD-Album, den muss ich enttäuschen – denn das wird er selbstverständlich nicht bekommen.
Statt dessen liefern MOTÖRHEAD mit „The Wörld Is Yours“ wie gehabt genau das ab, was man von ihnen gewohnt ist und hören möchte: Ein Album, das bezogen auf den Vorgänger so gleich wie möglich und so verschieden wie nötig ist – „Never change a running system“, um mit dem Techniker zu sprechen… oder auch, eher biologisch gesehen: Wofür Evolution, wenn die perfekte Adaption an die eingenommene Nische bereits erfolgt ist?

Bewertung: 8 / 10

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