Review Neal Morse – Sola Scriptura & Beyond (DVD)

Vier Jahre und drei Studioalben nach seiner letzten Live-DVD „Testimony Live“ versorgt Neal Morse die Musikwelt erneut mit einem audiovisuellen Komplettpaket: „Sola Scriptura & Beyond“ heißt das Doppel-DVD-Set, mit dem Mr. Morse seinen Fans die Progressive Rock-Vollbedienung serviert. Die zwei Scheiben kommen zusammen auf gigantische sechs Stunden Material mit insgesamt mehr als 4 ½ Stunden Liveaufnahmen.

DVD 1 ist das Herzstück: Sie beinhaltet die komplette Show von Neal & Band auf dem letztjährigen IO Pages Festival im holländischen Zoetermeer. Auf dem Programm stehen u.a. die drei Longtracks seines letzten Studiowerks „Sola Scriptura“: „The Door“, „The Conflict“ und „The Conclusion“. Diese Stücke gewinnen gegenüber der Studioversion noch zusätzlich an Drive und Druck, sodass es eine wahre Freude ist, der Band beim Musizieren zuzuschauen. Dieser neue, etwas härtere Sound steht Neal hervorragend! Als Opener fungiert „The Creation“ vom „One“-Album. Die beiden anderen Prog-Soloarbeiten „Testimony“ und „?“ würdigt Neal mit jeweils über 20-minütigen Medleys, die die Highlights der Platten vorstellen. Aber auch Freunde von Transatlantic und alten Spock’s Beard kommen auf ihre Kosten: Mit „We All Need Some Light“, „Wind At My Back“ und „The Good Don’t Last / Open Wide The Flood Gates“ haben es Klassiker dieser beiden Bands ebenfalls auf die Setlist geschafft.

Die Performance der siebenköpfigen Band ist tadellos, vorallem vor dem Hintergrund, dass die Herren und die eine Dame sich lediglich zwei Tage zum gemeinsamen Proben trafen. Neal bereitete sich allein auf die Konzerte vor und Schlagzeuger Collin Leijenaar sorgte in der Zwischenzeit dafür, dass die von ihm zusammengestellten Musiker das Material zum Stichtag perfekt verinnerlicht hatten. Beeindruckend, wie fehlerfrei die versammelte Mannschaft die komplexen und langen Kompositionen des Amerikaners darbietet. Das Schlagzeugspiel von Collin Leijenaar muss hier speziell erwähnt werden, schließlich spielt er mit Bravour die Parts eines gewissen Mike Portnoy (Dream Theater) nach, die er sich nur durch Raushören und fleißiges Proben aneignen konnte. Backgroundsängerin Jessica Koomen verstärkt die enorm emotionale Wirkung von Neals Musik mit ihren engelsgleichen Gesängen noch zusätzlich, während Bassist Wilco zusammen mit Neal für reichlich Poserei und Rockfratzen sorgt. Ohne Frage, die Jungs hatten Spaß auf der Bühne!Klar wird beim Anschauen auch: An diesem Abend hat Neal den Wanderprediger daheim gelassen. Er lässt die Musik für sich sprechen, hält sich mit Ansagen sehr zurück. Das macht die DVD lange nicht so emotional wie noch „Testimony Live“, sorgt aber, gefördert durch die durch und durch progressive Setlist, für ein enorm mitreißendes und rasantes Konzerterlebnis, bei dem die Ohren einmal so richtig durchgespült werden. Also: Diese DVD richtet sich ganz klar an die Prog-Fraktion.

Bild und Ton des 2 ¾-stündigen Konzertes sind top, allerdings fehlt ein 5.1. Mix. Den hat Neals Ex-Band Spock’s Beard, die ihre aktuelle DVD „Live“ einen Abend zuvor auf dem gleichen Festival aufgenommen haben, allerdings geboten. Dafür triumphiert Neal mit dem deutlich üppigeren Bonusmaterial: Die zweite DVD bietet nicht nur weitere, nicht ganz so professionelle Liveaufnahmen aus Berlin von der 2006er „?“-Tour, sondern auch eine umfassende, 100-minütige „Behind The Scences“-Dokumentation, die den Touralltag genauso beleuchtet, wie die Proben und lustige Zwischenfälle „on the road“. Allerdings gibt es hier viel von der Musik zu sehen, die man schon auf DVD1 erlebt hat. Etwas weniger Aufnahmen von den Proben und Soundchecks und etwas mehr Hintergrundinfos aus erster Hand oder Gesprächsmitschnitte wären hier sicher schön gewesen. Allerdings reisten die Bandmitglieder auf dieser Tour viel allein, sodass es vielleicht schlichtweg auch nicht die Gelegenheit gab, solche Bilder einzufangen. Dennoch: Da ist die „Testimony Live“-Backstage-Reportage deutlich spannender, interessanter und unterhaltsamer. Als letztes Extra erwartet den Zuschauer dann noch eine Akustikversion der Transatlantic-Ballade „Bridge Across Forever“, aufgenommen auf einem Worship-Event von Neal in Holland. Dies ist dann auch tatsächlich der einzige Moment in den gesamten sechs Stunden, der einen klaren christlichen Beigeschmack hat, auch wenn Ausschnitte des Konzerts auf der Bonus-DVD etwas spiritueller ausfallen als die Show auf DVD1.

Insgesamt bietet Neal hier einiges fürs Geld und beweist der Progszene, dass er es noch immer richtig draufhat, wenn er nur will. Da Neal Morse-Abende mit voller Band und epischen Kompositionen in letzter Zeit eher seltener im Tourkalender stehen als Lobpreisabende, ist diese DVD gleich doppelt so wertvoll. Eine absolute Kaufempfehlung und eine Pflichtanschaffung für Neal Morse-Jünger!

Wertung: 9 / 10

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