CD-Review: Paradise Lost - Gothic

Besetzung

Nick Holmes - Gesang
Gregor Mackintosh - Gitarre
Aaron Aedy - Gitarre
Stephen Edmondson - Bass
Matthew Archer - Schlagzeug
Gastmusiker:
Sarah Marrion - Gesang
The Raptured Symphony Orchestra - Orchester

Tracklist

01. Gothic
02. Dead Emotion
03. Shattered
04. Rapture
05. Eternal
06. Falling Forever
07. Angel Tears
08. Silent
09. The Painless
10. Desolate


Manchmal ist es interessant, wie eine Band zu dem geworden ist, was sie heute darstellt. Gerade das Peaceville-Trio Anathema, My Dying Bride und PARADISE LOST haben sich von sehr ähnlichen Wurzeln doch in sehr unterschiedliche Richtungen bewegt und die genauere Beleuchtung der Frühphase fördert bei allen Dreien doch mitunter Überraschendes zu Tage.

Je weiter man in der Historie einer Band zurückgeht, desto qualitativ ärmer werden die Alben in der Regel. Zu den rühmlichen Ausnahmen kann sich PARADISE LOST nicht zählen und so landete man, um es schonunglos vorweg zu sagen, mit „Gothic“ nicht den Hit, den der Titel vielleicht impliziert. Sicher, „Gothic“ ist immerhin der Name einer ganzen Szene, die auch nicht wirklich klein ist und ebenso richtig ist, dass PARADISE LOST seit vielen, vielen Jahren Teil dieser Szene sind.
Dieses Album ist aber doch eher ein mittelmäßig ausgegorenes Stück Death Metal, bei dem die Versuche, mit Hilfe von Akustikgitarren und vereinzelten weiblichen Vocals atmosphärischen Boden gut zu machen, doch in ziemlicher Belanglosigkeit verschwinden. Vieles wirkt wie Stückwerk, die im Ansatz vorhandenen guten Ideen bleiben in einem Sumpf der Unentschlossenheit hängen, die entscheidenden Gedanken werden nur zu einem kleinen Teil wirklich umgesetzt. Aus heutiger Sicht würden Tips vielleicht lauten „investiert mehr Zeit ins Songwriting“ oder sogar, man verzeihe mir die musikalische Blasphemie, „schmeißt den Sänger raus“. Ja, ganz recht, Nick Holmes, lange Jahre eine der charismatischsten Personen der Szene, präsentiert sich hier noch arg schwach auf der Brust, den geschätzten Klargesang lässt er hier noch komplett in der Tasche, die deathmetallische Geschreie haben aber damals auch viele andere schon viel besser hinbekommen. Möglicherweise ein entscheidender Fingerzeig für die stilistische Neuausrichtung, die mit dem Nachfolger „Shades Of God“ begann.
Aber auch seine Kollegen bekleckern sich nicht mit dem allerfeinsten Ruhm. Man ahnt die Talente zwar, aber alleine aufgrund des mageren Songwritings entfalten sie sich nicht entsprechend. Sicher ist das ein Jammern mit Niveau, aber wenn man heute eben Songs wie „Hallowed Land“, „Ember`s Fire“ oder (um nur mal drei zu nennen) „Forever Failure“ kennt, dann hält man sich nicht unbedingt lange mit den Songs auf „Gothic“ auf.

PARADISE LOST sind eine Band, die sich stetig, aber bis zum „Icon“-Album doch recht langsam entwickelt haben. Den Riesenschritt nach vorne, den sie Mitte der 90er gemacht haben, hätte ich ihnen, da muss man ehrlich sein, nach „Gothic“ nicht zugetraut, glücklicherweise konnten sie den Gegenbeweis antreten. Als langjähriger Fan hat man die Diskographie im Schrank, als Neuentdecker sollte man um „Gothic“ aber lieber einen Bogen machen. Mit späterer Musik hat es wenig bis nichts zu tun und im Death Metal gibt es schlicht bessere Platten.

Bewertung: 5 / 10

Geschrieben am

8 Kommentare zu “Paradise Lost – Gothic”

    1. Moritz Grütz

      Vielleicht muss man auch einfach zwischen Kult und Kunst differenzieren. Nicht jedes Album, das heute Kult ist, ist schließlich deshalb automatisch auch aus heutiger Sicht noch gut.

      1. Yussuf al Said

        Gothic ist aber so ein Album, dass heute immer noch mehr als gut ist. Es ist eine Jahrhundertscheibe und eins der einflussreichsten Alben im Hartwurstsektor. Wenn’s denn so scheiße ist, dann würden wir 23Jahre später wohl kaum noch ein Wort darüber verlieren, oder? Dead Emotion, Shattered, Eternal(!), Silent, alles super Lieder, bei denen mehr als Einer hohldrehen würde, wenn sie die mal live spielen würden.

  1. Sebastian Heiter

    Oha, mein Kommentar wurde entfernt und die Stilrichtung noch mal schnell geändert (doch kein Alternative Rock mehr…). Trotzdem bitte ich alle, einfach mal bei Youtube in Gothic und dann in die neue Crematory-Platte reinzuhören und sich zu verdeutlichen, dass letztere vom Verfasser dieses Reviews zwei Punkte mehr bekommen hat. Mehr braucht man nicht zu sagen.

  2. Moritz Grütz

    Alternative ist bei alphabetischer Sortierung die erste Stilrichtung und deshalb „voreingestellt“. Unser Redakteur hatte das schlicht einzustellen vergessen – danke aber für den Hinweis.

  3. Marius Mutz

    Jetzt habe ich mir das Album auch mal angehört – immerhin, das hätte ich ohne diese Kommentare wohl nie getan. Ich muss sagen, obwohl ich vielleicht 4,5 oder was gegeben hätte, trifft es Jans Argument, dass das Songwriting total Banane ist, schon ganz gut. Einige Leadmelodien find ich ganz cool, den Rest kann und konnte man meiner Meinung nach in den letzten 23 Jahren öfters auch mal besser hören. Würde als Underground-Demo heutzutage sicher nicht besser wegkommen, und das mit Recht. Wie insgesamt viele Alben der frühen 90er nicht unsympathisch, aber ob man die Scheibe allein deswegen heute haben muss, ich weiß nicht…

  4. zacher

    Gothic ist und bleibt eine Jahrhundertscheibe.! In Anbetracht des Alters der Akteure damals und dem Vergleich des heutigen Materials von sogenannten aufstrebenden Bands , sollte die Ausnahmestellung dieses Albums jedem musikalisch Interessierten klar sein.Punkt,aus.

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