Review pg.lost – Oscillate

Kann es in einem weitestgehend klar definierten Genre wie Post-Rock im Jahr 2020 noch Innovation geben? Ist Innovation überhaupt der richtige Ansatz oder wäre nicht eine Evolution sinnvoller? PG.LOST beantworten diese Frage mit ihrem Werk kontinuierlich mit Letzterem. Der Band aus Schweden ging es noch nie darum, das Rad neu zu erfinden. Stattdessen haben die vier Musiker seit ihrer Gründung im Jahr 2006 klar auf eine eigene Interpretation und behutsame Weiterentwicklung der zentralen Strukturelemente von Post-Rock gesetzt: das Wechselspiel von Dynamiken, intensive Crescendi, lang ausgedehnte Songstrukturen und eine große Portion Emotionalität. Mit „Key“ haben PG.LOST die Großmeister dieser klassischen Spielart des Genres, Explosions In The Sky, quasi abgelöst. Mit „Versus“ räumte die schwedische Band elektronischen Elemente einen deutlich größeren Raum ein. Auf ihrem neuen Album „Oscillate“ führen PG.LOST diesen Weg konsequent fort, knien sich allerdings gleichzeitig noch tiefer in den Post-Rock.

Wo Bands wie God Is An Astronaut häufig am Versuch scheitern, simple Songstrukturen mit der epischen Breite von Post-Rock zu vermengen, treffen PG.LOST auf „Oscillate“ fast durchgehend ins Schwarze. Besonders sticht hier das simpel gehaltene, mit textlosem Gesang versehene und so treibend wie mitreißende „E22“ hervor. Darin, so wie auch auf dem gesamten Album, dominiert Tribal-Drumming. Nach drei Minuten öffnet sich der Song, offene Gitarren und der verstärkte Einsatz von Becken übernehmen. Daran anschließend türmen PG.LOST immer neue Melodielinien übereinander und lassen den Song in einem epischen Crescendo enden. Das ist, wie erwähnt, sicherlich nichts Neues und alle der acht neuen Stücke auf „Oscillate“ verfolgen dieses Prinzip, manche mehr, manche weniger. Die vier Schweden haben diese Struktur allerdings so perfektioniert, dass sie damit auch auf ihrem fünften Longplayer begeistern können.

Beim ersten Hören gerät das Album dennoch fast etwas unspektakulär. Bei einem bewussten Hördurchgang, und dem Klischee von Post-Rock als Hintergrundmusik aktiv widersprechend, offenbaren sich feine Nuancen im Songwriting, die PG.LOST zu einer der führenden Bands des Genres machen. Die Einflüsse der kühlen Keyboard-Sounds wecken beispielsweise in „Mindtrip“ oder „Eraser“ Erinnerungen an 80s-New-Wave, was von der warmen und vollen Produktion von Magnus Lindberg bewusst kontrastiert wird. Im etwas zügigeren „Eraser“ lassen PG.LOST ihre (Post-)Metal-Einflüsse stärker durchscheinen und im abschließenden „The Headless Man“ klingen sie beinahe versöhnlich, indem sie auf schier endlose Klangteppiche aus Synthietönen, verwischten Beckenschlägen und flirrenden Gitarren setzen. Es ist beeindruckend, wie die vier Musiker die Schönheit und das Versöhnliche, das Warme und Hoffnungsvolle unter den kalten Synthieflächen und den polternden Rhythmen ausgraben und sich immer wieder Bahn brechen lassen.

Wer mit Post-Rock bisher nichts anfangen konnte, wird mit „Oscillate“ nicht warm werden, zu sehr spielen PG.LOST darauf ein (komplexes) Malen-nach-Zahlen des Genres. Die Extravaganzen von Bands wie Godspeed You! Black Emperor, das Orchestrale von Mono oder auch das Verträumte von Sigur Rós sind hier nicht zu finden, und die Songstrukturen sind weitestgehend miteinander identisch. Durch ihr unglaubliches Melodiegespür, ihr durchdachtes Songwriting und eine mächtige Produktion zementieren PG.LOST aber auch auf ihrem fünften Album ihren Ruf als eine der besten Bands des Genres.

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Wertung: 8 / 10

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