Review Powerwolf – Blessed & Possessed

POWERWOLF sind ohne Zweifel eines der Phänomene der deutschen Metalszene. Im letzten Jahrzehnt hat ihr überdrehter, stets auf maximalen Pathos gemünzter Power Metal mit seinen sakralen Texten in der Szene ordentlich polarisiert. Er sorgt entweder für verzückt in die Höhe gereckte Fäuste oder für konsterniertes Kopfschütteln. POWERWOLF sind eine dieser Bands, die man entweder hasst oder liebt – um im Stil der Band zu bleiben: tertium non datur (lat. sinngemäß für: „Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.“). Nachdem ihr letztes Album „Preachers Of The Night“ überraschend sogar Platz 1 der deutschen Albencharts erobert hat, sind die Erwartungen an die sechste Langscheibe „Blessed & Possessed“ entsprechend hoch – können POWERWOLF liefern?

Nehmen wir es vorweg: ja und nein. Denn was den Mannen um Sänger Attila Dorn hier auf jeden Fall gelungen ist, ist ein eingängiges, wuchtiges Power-Metal-Album. Songs wie „Army Of The Night“, „Armata Strigoi“ oder auch der Titeltrack „Blessed & Possessed“ geben dem Affen ordentlich Zucker – ach, was rede ich, schütten wahre Zuckerberge auf. Die ganze CD atmet die Trademarks der Bands: Attilas markanter und technisch einwandfreier Gesang, die wuchtigen Drums, markante Gitarrenriffs und immer wieder die überdrehende Orgel, die vielleicht das Alleinstellungsmerkmal der Band ist. Innerhalb ihres Bandspektrums spielen POWERWOLF zudem geschickt auf der Abwechslungsklaviatur. Neben den genannten Hymnen ziehen Songs wie „Christ & Combat“ das Tempo ordentlich an, gibt es auf „Let There Be Night“ ruhige und orchestrale Anklänge und auf „Sacramental Sister“ traut sich der Schlagzeuger zudem für einige Takte in den Offbeat. Kurz: Das ganze ist ein rundes Vergnügen für jeden, der Geschmack an der Band hat!

Und doch: Nach einigen Durchläufen stellt sich in etwa derselbe Effekt ein wie auf dem fünften POWERWOLF-Konzert, das man besucht. Genau wie es dem eigentlich charismatischen Fronter Attila Show für Show schwerer fällt, sich nicht immerzu in den Ansagen zu wiederholen, scheinen auch die Songwriter der Band langsam mit sich ringen zu müssen, um Wiederholungen zu vermeiden. Die Pfade, auf denen die Wölfe wandeln, sind inzwischen ordentlich ausgetreten – und das ist schlecht, wenn man auf Jagd ist. Es klingt härter, als es gemeint ist, aber Entwicklung und kreativen Fortschritt gab es bei POWERWOLF streng genommen seit dem dritten Album „Bible Of The Beast“ nicht mehr. Seitdem ziehen sie mit großem Nachdruck und viel Liebe ihr Ding durch, aber das war es dann eben auch.

Erinnert sich noch wer an die Black-Sabbath-Anleihen auf dem Debütalbum? An den reduzierteren Klang des zweiten Knallers „Lupus Dei“? Keiner will, dass die Band Rückschritte macht. Aber vielleicht sollten POWERWOLF sich überlegen, auf dem nächsten Album mal wieder etwas mutiger zu werden. Es gäbe so viel Passendes, an dem man sich bedienen könnte, wie den Lavasound der 70er oder den Occult Rock der Gegenwart. Die beigelegte Bonus-CD mit Coverversionen metallischer Ikonen weist da eventuell in die richtige Richtung. Andernfalls droht der Band dasselbe Schicksal wie so mancher andere Power-Metal-Spaß-Kombo – und mal ehrlich, für ein zweites Alestorm sind POWERWOLF einfach viel zu gut.

Wertung: 8 / 10

Publiziert am von Marc Lengowski

2 Kommentare zu “Powerwolf – Blessed & Possessed

  1. Eigentlich wollte ich ja meinem Vorsatz gerecht werden mehr gehässige Kommentare auf metal1.info zu hinterlassen (Hallo liebe Redakteure!) aber dieses Album ist eigentlich garnicht sooo schlecht.

    Relativ vorhersehbarer Power Metal, wo aber nach einigen durchläufen viele Songs doch irgendwie im Gehörgang hängen bleiben. Man könnte sich durchaus wünschen, dass Powerwolf bisschen mutiger dahergehen was ihr Songwriting anbelangt, aber das macht das was sie hier abliefern keineswegs schlecht.

    Das eigentlich spannende an diesem Release ist aber die Deluxe Edition mit den Coverversionen (wurde im Review ja bereits kurz erwähnt). Klar, Coverbands die irgendwelche Rock und Metal Klassiker rauf und runter spielen gibt es wie Sand am Meer – Powerwolf geben den Songs aber dann doch ihre eigene Note und die abwechslungsreiche Auswahl hebelt auch direkt meine Hauptkritik am eigentlichen Album aus.

    Da geht noch was!

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