CD-Review: Pure Reason Revolution - Amor Vincit Omnia

Besetzung

Jon Courtney – Gesang, Keyboards, Gitarre
Chloe Alper – Gesang, Bass, Keyboards
Jamie Willcox – Gesang, Gitarre
Paul Glover – Schlagzeug

Tracklist

01. Les Malheurs
02. Victorious Cupid
03. I. Keep Me Sane / Insane
04. II. Apogee; III. Requiem For Lovers
05. Deus Ex Machina
06. Bloodless
07. Disconnect
08. The Gloaming
09. AVO


PURE REASON REVOLUTION haben mit ihrem Debütalbum „The Dark Third“ vor zwei Jahren den Sound von Pink Floyd ins 21. Jahrhundert transportiert und dem New Artrock-Genre einen weiteren Meilenstein hinzugefügt. Auch, wenn man seitenweise über das Album schreiben könnte: Das war und ist das Fazit. Ihre Melange aus betörenden Chorgesängen, mal stürmischen, mal ganz ruhigen Alternative-Gitarren, schleppend-atmosphärischem Bass- und Schlagzeugspiel und intelligent eingesetzten Keyboardsounds überzeugte Kritiker, Genre-Fans, Plattenfirmen und Musikerkollegen gleichermaßen. Ein Majorvertrag mit Sony BMG für Amerika und England, Konzerte im Vorprogramm von Porcupine Tree, Blackfield und den Editors, sowie der Auftritt im WDR Rockpalast machen eindeutig klar: PURE REASON REVOLUTION waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und hatten auch noch die richtige Musik dabei.

Nun steht der Nachfolger zu diesem Überwerk in den Plattenregalen, und für alle Fans des Erstlings heißt es: Gut festhalten, tapfer sein, Augen zu und durch! Die inzwischen zum Vierer geschrumpfte Combo – die Multiinstrumentalisten Greg Jones und James Dobson sind nicht mehr dabei – versucht gar nicht erst, an „The Dark Third“ anzuschließen. Vielmehr hat man eine Kehrtwende vollzogen, mit der man Progressive Rock-Fans ziemlich vor den Kopf stoßen sollte – und dabei mit Paul Glover auch gleich einen neuen Schlagzeuger an Bord geholt. Vorbei ist die Zeit der sphärischen Traumreisen und Wohlfühlgesänge, Anno 2009 heißt es: Hip, Hipper, Elektro!

Vom Opener „Les Malheurs“ bis zum neunten und letzten Track „AVO“ ziehen die Engländer hier kompromisslos ihre neue Linie durch: Topmoderne, harsche Elektrosounds und tanzbare Beats treffen auf ohrwurmige, aber immer noch hochkomplexe Gesangsmelodien und – teilweise – brettharte Gitarren. Echtes Schlagzeug? Ein Ausnahmefall. Postrock-Flair? Fehlanzeige! Den Sound, den „Amor Vincit Omnia“ serviert, gibt es so noch nicht. Vergleiche können höchstens als grobe Eckpfeiler dienen, die dem Material dieses Silberlings nicht gerecht werden können.

Vielleicht ist es das Prog-Album, das Muse so gerne aufnehmen würden. Zumindest der Neunminüter „The Gloaming“ klingt ganz genau so und ist übrigens die einzige Nummer, die in diese Längengrade vorstößt, denn auch das Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ haben PURE REASON REVOLUTION auf ihrem neuesten Machwerk beherzigt. Mit noch nicht einmal 45 Minuten Spielzeit ist es fast 20 Minuten kürzer als das Debüt. Für den neuen Stil ist diese knackige Songschreibweise nur von Vorteil: Man kommt schnell auf den Punkt, das Album wirkt rasant, treibend und hypnotisch.

Auch dieses Mal ist der Trip spannend, unheimlich unterhaltsam und führt uns vorbei an grandiosen Mini-Epen wie „Keep Me Sane / Insane / Apogee / Requiem For Lovers“, in denen kurzzeitig sogar vertraute Klänge mit Pianobegleitung auftauchen und die Ursprünge der Band deutlich werden; wir treffen aber auch auf „Deus Ex Machina“, das mit seinen fetten Beats einen optimalen Singlekandidaten abgibt und mit Vocallines zum Niederknien aufwartet. Die wabernden Synthieklänge von „AVO“ lassen an Depeche Mode denken, eine der Lieblingsbands von Sänger und Gitarrist Jon Courtney. Der Track beendet das Album mit starkem Achtziger-Flair und der grandios-hypnotisch-aufrüttelnd intonierten Textzeile „Amor Vincit Omnia“, wie immer wunderschön gesungen von Jon und Bandbassistin Chloe Alper und – stilgerecht – etliche Male durchs Effektgerät gejagt. Spitze! Auffällig auch: Herrschte auf „The Dark Third“ beinahe durchgehend Chorgesang vor, so ergänzen sich auf dem neuen Material die drei Stimmen gegenseitig, werfen sich die Gesangsmelodien zu, singen versetzt, aber nur selten gemeinsam.

Aber auch ruhigere, gar poppigere Töne haben die Jungs und das Mädel parat, z.B. im vielleicht etwas zu süßlich-balladesk geratenen „Bloodless“ mit gewöhnungsbedürftigen Keyboard-Bläsern, aber einem absolut genial-repetativen „And more and more love…“-Gesangspart. Ganz sicher über das Ziel hinausgeschossen aber ist „Disconnect“, das auch von den abscheulichen Daft Punk stammen könnte und mit einem verzerrt-geshouteten „Disconnect“ als Rhythmusmittel spielt, dabei aber grandios nervt – auch Dank der gräßlichen C64- und Dark Wave-Sounds, die später noch für zahlreiche Überraschungen sorgen. Da hilft auch die kindgerechte Spielplatz-Melodie nicht mehr. Totalausfall!

Neben diesen zwei schwächeren Nummern bietet der Vierer allerdings gewohnt hohe Qualität, soll heißen: Die Stil-Transformation hat an den sagenhaften Songwriterqualitäten von Jon Courtney nichts geändert. Songs wie „Victorious Cupid“, „Les Malheurs“ und „Deus Ex Machina“ sind nicht bloß großartige Kompositionen, sondern auch absolut auf der Höhe der Zeit – nicht nur dank der fetten Produktion, bei der Paul Northfield als „Chief Mentor“ Beistand leistete, sondern auch aufgrund der gewählten Sounds. Würden wir in einer gerechten Welt leben, würden diese Nummern bei MTV rauf und runter laufen. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass es PURE REASON REVOLUTION auch auf einem solch merklich kommerzieller ausgerichteten Werk schaffen, eine Albumatmosphäre zu kreieren und mit Rückbezügen innerhalb der Songs für inneren Zusammenhalt zu sorgen.

Für das seltsame, aber gelungene Artwork zeichnet sich übrigens Bassistin und Sängerin Chloe Alper verantwortlich, die sich auf die Dekonstruktion und Wiederzusammensetzung photographischer Bilder spezialisiert hat.

Fazit: Auch der Zweitling der aufstrebenden Band, die sich einst an einer Uni in England gründete, ist ein Volltreffer – nicht ganz so konsistent und fehlerlos wie der Erstling und dank der starken Electro-Bezüge an ein ganz anderes Publikum gerichtet. Ob sich die Band damit eine weitere Hörergruppe ins Fanlager holt, ohne allzu viele alte Anhänger zu verlieren, bleibt abzuwarten. Das Rockpalast-Konzert, bei dem die neuen Songs bereits vorgestellt wurden und mit den Nummern vom Debüt auf der Setlist standen, hat jedenfalls gezeigt, dass beide Stile live wunderbar harmonieren und sich keineswegs ausschließen. In diesem Sinne: Gebt „Amor Vincit Omnia“ eine Chance, egal, ob ihr neu dazustößt oder gespannt seid, was Euch da nach „The Dark Third“ Komisches erwartet. Es lohnt sich!

PS: Die Special Edition bietet eine Bonus-DVD mit 5 Live-Titeln, darunter auch „The Gloaming“ und „Les Malheurs“ vom Rockpalast-Gig.

Bewertung: 9 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: