Manchmal muss es das Rüschenhemd sein. Manchmal muss auch der zivilisierteste Büroangestellte den Zweihänder ergreifen, die Louis XIV.-Locken schmachtvoll nach hinten werfen, einen Drachen erschlagen und eine Prinzessin retten. Wenn es dazu noch einen Chianti Classico, ein komplettes Symphonieorchester sowie Ruhm und Ehre gibt, umso besser. Um diese nur allzu verständlichen Wünsche zu befriedigen, gibt es zum Glück seit 1997 RHAPSODY (OF FIRE). Unter geringfügig verändertem Namen und mittlerweile aufgespalten in eine etwas komplizierte Anzahl an Line-Ups, erschaffen die Italiener bis heute äußerst bildhaften, euphorisch-verspielten Power Metal irgendwo zwischen Rossini-Oper, Vivaldi-Streichern und „Galoppel-Galoppel“-Doublebass. Bei dieser Kombination wenden sich die einen mit Grausen ab, andere vergehen vor Verzücken.
1998 gelang es den ursympathischen Italienern, das Musiktheater ihrer Heimat vorbildhaft mit schnellem Power Metal der Marke Helloween zu verbinden und dabei ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, das bis heute auch von der Band unerreicht geblieben ist. Klugerweise wird der Hörer mit den gar nicht so simplen Mitsinghymnen „Emerald Sword“ und „Wisdom Of The Kings“ mitgenommen um sich bei dem facettenreichen „Eternal Glory“ zum ersten Mal erstaunt umzusehen. Was hier nicht alles passiert! Pompöse Trompeten ergeben sich schnellen Riffs, lyrische Passagen werden von cineastisch inszenierten Duellen an Gitarre und Keyboard abgelöst, dazu steigen Drachen auf und Melodien hernieder. Beim anschließenden „Beyond The Gates Of Infinity“ deutet die Band zum ersten Mal an, dass in Zukunft auch progressivere Töne nicht ausgeschlossen sind, doch ist dies noch in weiter Ferne.
Nach der obligatorischen, aber stimmigen Ballade „Wings Of Destiny“ erreicht die Verbindung Metal/Klassik ihren Höhepunkt: „The Dark Towers Of Abbys“ zitiert ausgiebig italienische Barockmusik und lässt streckenweise den Metal völlig hinter sich. Spätestens hier wird für einige Hörer das Maß des Erträglichen voll sein, doch rein musikalisch gesehen waren RHAPSODY (OF FIRE) nie wieder so nahe an der gelungenen Verbindung alter und neuer Musik dran wie im Mittelteil dieses Songs. Nach dem schwungvollen „Winds Of Eternity“ folgt mit dem Titeltrack eine gute Viertelstunde lang all das in Perfektion, was RHAPSODY (OF FIRE) auszeichnet: Eine geradezu cineastische, dramaturgisch stimmige Reise durch eine Symphonie im Kleinen, mit dem emotionalen Höhepunkt nicht im Metal, sondern in einer ruhigen Sopran-Passage.
Die nachfolgenden Alben mögen härter gewesen sein, mehr Hits beinhalten und einfach mehr von der Erinnerung an eine tolle, Plastikschwert-umwölkte Zeit unbeschwerter Jugend haben: Musikalisch auf dem Höhepunkt ihrer Kunst waren RHAPSODY (OF FIRE) bereits mit ihrem zweiten Album. Die Schwierigkeiten, in welche die Band Ende der Nuller-Jahre geriet, und die nach Querelen mit dem Management und unterschiedlichen Ansichten über die musikalische Ausrichtung zu der heutigen, etwas verwirrenden Situation geführt haben, sind hier noch in großer Ferne. Es triumphiert eine barocke Lebensfreude, ein Überschwang an Ideen und der Lust am ganz großen Bild. Selten so überzeugend und selten so sympathisch präsentiert wie auf diesem Album, dessen objektiv besehen hyperkitschiges Cover voller Stolz auf zahlreichen Brüsten der Jahrtausendwende getragen wurde.
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Wertung: 10 / 10


