CD-Review: Rome - Parlez-Vous Hate?

Besetzung

Jerome Reuter - Gesang und Akustikgitarren
Eric Becker - E-GItarren
Tom Gatti - Bass, Keyboards und Programming
Laurent Fuchs - Schlagzeug und Percussion

Tracklist

01. Shangri-Fa
02. Parlez-Vous Hate?
03. Born In The E.U.
04. Death From Above
05. Panzerschokolade
06. Der Adler trägt kein Lied
07. Toll In The Great Death
08. Feral Agents
09. You Owe Me A Whole World
10. Blood For All
11. Alesia


(Neofolk/Darkfolk/Folk Rock) So schnell veröffentlicht und doch so anders: Nur gut fünf Monate nach „The Lone Furrow“ meldet sich ROME mit dem nächsten Album, „Parlez-Vous Hate?“, zurück. Nach dem eher introvertierten bis düster-schwelenden Vorgänger liefert das Projekt regelrecht krachenden Folk Rock mit Punk-Schlagseite ab, eine gehörige Portion Sarkasmus in den Texten inklusive. Zu gut passt es ins Bild, dass die zuckrigen Gesänge im Opener „Shangri Fa“ Christian Anders‘ (ja, der Schlagerstar!) trashigem Softporno-Spielfilm „Die Todesgöttin des Liebescamps“ entnommen sind – und schließlich von einer stimmlichen Imitation von Maschinengewehr-Salven niedergemetzelt werden.

„Sprechen Sie Hass?“, fragt Mastermind Jerome Reuter mit dem Albumtitel. Und es genügt dieser Tage, einen Blick in die Kommentarspalten der sozialen Medien zu werfen oder politische Debatten zu verfolgen, um zu wissen, dass die Antwort recht vieler Zeitgenossen ein deutliches „Oui“ sein muss. So ist es mittlerweile eine Binse, dass wir in einer Welt im Kulturkampf leben, in der die verschiedenen Seiten immer mehr die Fähigkeit verlieren, einander zuzuhören und sachlich auszutauschen. Die Corona-Pandemie fungiert in diesem Prozess als weiterer Katalysator. Kein Wunder, dass Reuter im Lockdown eine konstruktive Form der Wut überkommen haben muss und der kreative Prozess noch schneller von der Hand ging als ohnehin schon gewohnt. Schließlich hat es sich der Musiker spätestens seit „Le Ceneri di Heliodoro“ (2019) zur Aufgabe gemacht, die „scheinbar konträren Realitäten zu spiegeln“, wie er im Interview zu diesem Album unserem Magazin erklärte.

So ist es im eröffnenden Titeltrack, der musikalisch mit ungewohnt wuchtiger, ins Dissonante gleitender Zerrgitarre und straighten Rockdrums mitreißt, die Gewalt aus dem linksextremen Milieu, die Reuter aus der Ich-Perspektive eines Aktivisten erzählt. Das lyrische Ich erfüllt hier also eine ähnlich distanzierende Funktion wie etwa das lyrische Wir in „Who Only Europe Know“, das sich an den Narrativen rechter Migrationskritik abarbeitete. Das folgende „Born In The E.U.“ wendet ebenfalls einen lyrischen Kunstgriff an, um seine Botschaft zu vermitteln: einen, den schon Bruce Springsteen beherrschte, an dessen „Born In The USA“ sich die ROME-Nummer mit einem bitteren Augenzwinkern anlehnt. Veröffentlichte der „Boss“ einen als patriotische Hymne getarnten Abgesang auf den American Dream, gilt Reuters Sarkasmus der immer deutlich zutage tretenden Unzufriedenheit der einzelnen Mitgliedsstaaten mit der Europäischen Union, die sich letztlich nicht einmal auf gemeinsame Werte einigen können: „Some are piling up the barricades or sharpening the cross. But whichever way the wind will turn, it’ll be our loss.“ In der im Klangbild vergleichsweise düsteren, harten Industrial-Nummer „Panzerschokolade“ ist die Rede vom Methamphetamin, das die Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu immerwachen Kampfmaschinen machen sollte.

Womit die inhaltlich wie musikalisch griffigsten – man könnte auch sagen: plakativsten – Nummern des Albums in dessen erster Hälfte stehen. Die zweite Hälfte ist insgesamt subtiler, abstrakter, interpretationsoffener und auch musikalisch vielfältiger. In der Mitte des Werks steht mit „Der Adler trägt kein Lied“ eine so typische wie fantastische ROME-Ballade – melancholisch, pathetisch und erhaben – im Stil von Songs wie „Coriolan“, „Uropia O Morte“ oder „Stillwell“. Mit „Feral Agents“ folgt später eine kraftvolle Wave-Nummer, auf die mit „You Owe Me A Whole World“ wieder ein Gitarren-Rocker folgt. Das zunächst eher unscheinbare „Blood For All“ setzt sich mit Phänomenen wie Hetzkampagnen, moralischen Überlegenheitsansprüchen und Cancel Culture auseinander.

„Parlez-Vous Hate?“ ist also trotz seiner kurzen Entstehungszeit alles andere als ein Schnellschuss geworden. Vielmehr zeigt die Platte ROME gewohnt provokant, pointiert sowie in Sachen Arrangements und Melodien auf höchstem Level agierend – und offenbart zugleich eine in diesem Ausmaß ungekannte Facette: eine trotzige, schnörkellos rockende. Somit hat man es hier mit dem wohl direktesten Album der bisherigen Diskografie zu tun, was auch die Tatasache unterstreicht, dass diesmal – anders als zuletzt – keine Armada an Gastsängern beteiligt ist. Ist „Parlez Vous Hate?“ damit auch die beste ROME-Platte? Das nun nicht unbedingt. Unter den zahlreichen Alben und Mini-Alben des Projekts finden sich solche mit mehr Facettenreichtum und poetischer Tiefe, die eine bessere Langzeitwirkung entfalten dürften als das nun vorliegende Werk – das nichtsdestotrotz eine famose, weit überdurchschnittliche Scheibe ist.

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Bewertung: 8.5 / 10

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3 Kommentare zu “Rome – Parlez-Vous Hate?”

  1. Dennis

    „Das lyrische Ich erfüllt hier also eine ähnlich distanzierende Funktion wie etwa das lyrische Wir in „Who Only Europe Know“, das sich an den Narrativen rechter Migrationskritik abarbeitete.“
    Da wäre ich mir nicht so sicher. In „Who only Europe knows“ wird klar der damalige konservative ParlamentarierEnoch Powell referenziert und die Rivers of Blood-Rede, in der ein aufkommender Konflikt zwischen Einheimischen und Migranten skizziert wird.
    Es sei denn, für dich ist konservativ und rechts synonym. Dann habe ich nichts gesagt.

    1. kratistos

      konservativ ist auch rechts, was aber keineswegs rechtsextrem ist. heutzutage wird leider vielerorts rechts mit rechtsextrem gleichgesetzt

      1. Nico Schwappacher Post Author

        Ja! Wenn ich „rechts“ schreibe, meine ich nicht gleich rechtsextrem, sondern das gesamte politische Spektrum rechts der Mitte. So wie es etwa Migrationskritik in der CSU gibt, gibt es sie in der AfD, gibt es sie in der NPD.

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