Interview mit Jerome Reuter von Rome

Punk, Brecht, das geheime Europa und Lyotard: Jerome Reuter, der Kopf hinter ROME, schreibt nicht nur gehaltvolle Songtexte, sondern antwortet ebenso intelligent und reflektiert auf unsere Fragen. Warum er sich nicht vor einen politischen Karren spannen lassen wird, warum wir uns in spiritueller Leere befinden und wie er sich dem grassierenden Populismus unserer Zeit entgegenstellt, erklärt der Musiker und Literatur-Liebhaber in den folgenden Zeilen.

Hallo Jerome und vielen Dank, dass du dir die Zeit für unsere Fragen nimmst! Wie geht es dir? Wie gestaltet sich deine aktuelle Tour?
Mir geht’s gut, danke! Die Tour läuft soweit auch ganz gut, ja.


Dein wievieltes Interview ist das mit einem Metal-Magazin? Ich kann mir vorstellen, dass man mit Chanson-Noir/
Post-Folk ein bunt gemischtes Publikum anspricht, aber weniger aus der Metal-Szene stammend.
Die Metal-Szene ist mir keineswegs fremd und dann und wann führen wir da auch Interviews. Das ergibt auch Sinn, weil ich glaube, dass es da schon große (potenzielle) Überschneidungen gibt hinsichtlich des Publikums. Wir haben immerhin allein zwei Metaller in der Crew.

Du kommst aus der Punk-Szene, was sich – rein mit der Komplexität eines durchschnittlichen Punkalbums und deinen Veröffentlichungen verglichen – nur schwer glauben lässt. Wie kam es zu dem Schritt, die Akustikgitarre in die Hand zu nehmen und zu singen?
Na gut, ich hab meine letzte Punk-Band mit 16 gegründet, das liegt jetzt schon ’ne Weile zurück. Zudem kam ich ursprünglich aus der (Black)-Metal-Welt. Ich war damals 13 und Drummer. Aber qualitativ unterirdisch natürlich. Und irgendwann bewegte ich mich halt eher in Richtung Songwriter wie Cave, Cash, Cohen und andere. Da war es ein für mich logischer Schritt.

Manche Künstler setzen auf Clips mit Kinofilm-Charme, manch andere sehen in ihrer Musik ein Ventil zum Kanalisieren schlechter Gefühle, andere wiederum füllen Arenen dank ihres geöffneten Laptops. Du hingegen setzt mit Rome auf Kultur, auf intelligente Inhalte. Hast du das Gefühl, dass du damit zunehmend allein auf weiter Flur stehst?
Also wenn man Geld verdienen will, ist es sicherlich die schlechteste Wahl, die man treffen kann. Aber ich könnte andersrum auch nicht in den Spiegel schauen. Ich mach halt solange weiter, bis sich die Welt mir anpasst.

Wie findest du die Inhalte für deine Konzeptalben? Und wie lange benötigst du, um aus diesen Gedanken einen Kontext zu erarbeiten, den du dann auch noch instrumental verpackst?
Das läuft einem über den Weg. Das ist nicht wirklich mit einer Suche verbunden. Ich lese gerne und das ist eigentlich ein ständiges Finden und Sortieren. Und wenn dann mal das Konzept steht, kann ich in der Arbeit alles gebrauchen. Die Dinge finden dann zu mir, völlig egal, was ich gerade aufschlage. Ich setze mir da auch keine Deadline oder so. Die Sache ist halt fertig, wenn keine weitere Änderung oder Ergänzung wirklich nötig scheint.

Angelehnt an die Henne-Ei-Problematik: Was ist bei dir zuerst da, die Musik oder die Texte? Falls letzteres, ist Musik für dich Mittel zum Zweck?
Es kommt bei mir sicherlich mehr über den Text zustande – oder sagen wir über kleine Wortfolgen – als über fertige Kompositionen. Es gibt dennoch sicherlich eine gewisse Gleichzeitigkeit von Henne und Ei. Ich glaube, Gott hat die Henne samt Eiern im Arsch so hingebeamt. Und die Gute hat dann gleich mit Brüten angefangen. So ist das auch beim Schreiben. Das eine ergibt sich aus dem anderen.

In Promoschreiben oder Rezensionen werden Künstler gerne mit anderen Bands verglichen, um dem Hörer eine Idee davon zu geben, was ihn auf dem Album erwartet. Was war der Vergleich mit einer Band, der dir am meisten schmeichelte und warum?
Das ist immer so eine Art vergiftetes Geschenk. Man will ja eigenständig sein. Und letztlich verrät der Vergleich mehr über den, der vergleicht, als das, was verglichen wird.

Apropos Vergleiche mit anderen Bands: „Fliegen wie Vögel“ erinnert mich beispielsweise stark an Death In Junes „Operation Hummingbird“. Ist das Zufall, oder hast du hier einen Einfluss verarbeitet, den Death In June auf dich gehabt haben könnten?
Ich habe dem, als ich mir darüber bewusst wurde, jedenfalls nicht Einhalt geboten. Death In June sind für mich nicht das Maß der Dinge, aber natürlich hatte das Werk von Douglas P. großen Einfluss auf meine musikalische Entwicklung. Ich denke, ich habe mich in den vergangenen 13 Jahren nach und nach von den Großvätern freigeschwommen, sodass solche Assoziationen mittlerweile verdaut werden können, ohne was von der hart erkämpften Eigenständigkeit und Identität abtreten zu müssen.

Lass uns im Folgenden etwas tiefer gehen. Einmal mehr reflektierst du auf „Le Ceneri di Heliodoro“ auch Themen des politischen Zeitgeschehens. Dennoch entziehen sich deine Texte einer eindeutigen Interpretation. Deine eigene Position im politischen Spektrum bleibt weitgehend unklar. Worum geht es dir also in deiner Kunst, die nun wirklich nicht unpolitisch ist?
Meine eigene Position habe ich für mein Empfinden auf anderen Alben zur Genüge ausgelotet und präsentiert, sodass ich hier nun die Dinge aufeinanderprallen lassen konnte, ohne eine bestimmte politische Couleur zu bedienen. Um mit Brecht zu reden: Wir leben in schwierigen Zeiten. Ich halte nichts davon, die Leute in ihren Meinungen nur zu unterstützen. Mir ist das Hinterfragen wichtig und dass man, wenn möglich, auch die Leute auf der anderen Seite erreicht. Ich meine, nur den eigenen Fanblock zu bedienen, ist doch nicht sportlich. Dann kann ich auch zu Hause bleiben. Was das aktuelle Album angeht, so habe ich gesehen, dass das schon auch alles richtig verstanden worden ist. Wir leben in einer Zeit der einfachen Antworten. Diese Kultur möchte ich nicht bedienen.

In Deutschland schreiben politisch ganz verschieden gelagerte Publikationen über deine Band. Ich habe Texte über Rome von Rechts- wie Linksradikalen gelesen und beide Lager können deiner Musik, ihren Inhalten und ihrer Ästhetik etwas abgewinnen. Ist es dir egal, wer deine Songs hört und wie er sie interpretiert?
Nun, ich habe noch keine Rezension über meine Veröffentlichungen von Rechtsradikalen gelesen oder gefunden (die neurechte Zeitschrift „Sezession“ veröffentlichte anlässlich des neuesten Rome-Albums „Le Ceneri di Heliodoro“ einen wohlwollenden Kommentar – Anm. d. Red.), aber gehen wir trotzdem mal davon aus, dass es die gibt. Da bleibt es dann noch zu unterscheiden, inwiefern eine etwaige Vereinnahmung eines Kunstausdrucks dem betreffenden politischen Lager nutzt. Solch eine Kaperung passiert doch oft ohne die eigentlich nötige Entsprechung im Werk. Da will vielleicht jemand sich unbedingt Bestätigung in der Welt holen, um die eigene Lebenshaltung durch einen äußeren Bezugspunkt rechtfertigen zu können. Ich glaube, bisher ist meine Kunst nicht missverstanden worden – allein schon wegen meiner Vergangenheit, in der ich mich zur Genüge positioniert habe.

Mir ist nicht egal, wer meine Musik hört, aber da hat man letztlich keine wirkliche Kontrolle darüber. Ich biedere mich jedenfalls keinem an und richte meine Interpretation des Weltgeschehens und meine künstlerische Form nicht nach den Ressentiments der Stunde. Mir ist die Großwetterlage viel wichtiger. Und vor den politischen Karren spannen, lass ich mich bestimmt nicht.

Die Interpretation meines Werks kann natürlich mal anders ausfallen, als von mir gewünscht. Aber damit muss ich leben, da ich diesen Weg gewählt habe. Ich will doch nicht wie ein wilder Teenager (und das hab ich in jungen Jahren zur Genüge gemacht) die vermeintlichen Lösungen für die Probleme der Welt in leicht verdaulichen, simplistischen, komprimierten Slogans rausschmettern. Ich habe solche Lösungen leider nicht parat. Ich kann nur scheinbar konträre Realitäten spiegeln und höchstens die Wunden genau lokalisieren. Auch darin steckt Hoffnung. Man kann Denkanstöße geben, und letztlich funktioniert das nur in Grauzonen. Wenn man die Welt in Schwarz/Weiß, Gut/Böse einteilt, bleibt die Wahrheit oft auf der Strecke.

Und nur als Beispiel, auf welch vielfältige Art der Mensch in der Lage ist, Dinge misszuverstehen: Mir ist noch gut in Erinnerung, wie mein Vater mir als Teenager einst erklärte, dass es unter Studenten auch den Vorwurf gab, das Werk des jüdischen Zen-Buddhisten Leonard Cohen sei wegen dessen über allem thronender, apokalyptischer Stimme als faschistisch einzustufen und deshalb höchst umstritten. Ich wusste deshalb damals schon, dass man einen Dreck darauf geben soll, was Leute so denken und von sich geben, und dass sich das Wahre letztlich doch durchsetzen wird. Wenn auch manchmal recht spät.

Immer wieder beziehst du dich in deinen Songs auf ein „geheimes Europa“, einen verklärten Ort, den es in der Geschichte so nie gegeben hat. Was macht diesen Ort für dich aus? Glaubst du, dass ein solcher Ort jemals Realität werden könnte?
Da muss man natürlich unterscheiden zwischen den Secret Sons Of Europe – im Kontext des Spanischen Bürgerkriegs der Platte Flowers From Exile und beispielsweise dem Secret Germany eines Stauffenbergs oder Georges, das ich in einem Song auf dem von Heiner Müller inspirierten Album The Hyperion Machine thematisiert habe. Beides zusammen ergibt noch kein „geheimes Europa“, nicht mal ansatzweise. Aber es stimmt natürlich schon, dass Europa als Kontinent und kulturelle Schicksalsgemeinschaft im Zentrum meiner Arbeit steht. Es gibt allerdings auf der letzten Platte die Wortneuschöpfung Uropia als Nichtort europäischer Prägung. Vielleicht ergibt sich dann daraus mal was.

Ich glaube, das beansprucht in der Ikonografie den Platz der Utopie, an die man zwar nicht glauben kann, nach der man sich trotzdem sehnt, und sei es nur als möglicher Ansporn fürs eigene Engagement. Uns sind ja nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Utopien ausgegangen und wir alle tappen im spirituell leergeräumten Raum.

Einer der hervorstechenden Songs auf „Le Ceneri di Heliodoro“ ist „The West Knows Best“, in dem du Europas Verhältnis zu den USA sarkastisch beleuchtest. Das Lied mündet in den markanten Appell: „Screw the rest, the west knows best“. Eine provokante Zeile. Was weiß der Westen denn am besten?
Meiner Meinung nach ist der Westen nur Meister der Selbstzerstörung. Mehr haben wir der Welt derzeit nicht zu bieten. Es ist natürlich schwierig, im Zeitalter des Ressentiments politisch zu navigieren. Man wollte uns ja nach dem Zusammenbruch des Ostblocks suggerieren, dass nun das Ende der Geschichte (also Geschichte im Sinne von Historie und Zeitgeschehen) erreicht sei, aber das Fehlen einer gegen den westlichen Liberalismus gerichteten universalistischen Ideologie bedeutete natürlich nicht das Ende aller Revolutionen. Derzeit befinden wir uns ja innenpolitisch gesehen in einer Revolte gegen die verwestlichten kosmopolitischen Eliten, wobei man noch nicht weiß, wie die Partie ausgeht. Das bleibt spannend.

Ernst Jünger schreibt in seinem Roman „Auf den Marmorklippen“ die Worte: „Die Menschenordnung gleicht dem Kosmos darin, dass sie von Zeit zu Zeiten, um sich von neuem zu gebären, ins Feuer tauchen muss.“ Daran musste ich denken, als ich die Texte auf „Le Ceneri di Heliodoro“ gelesen habe. Muss es deiner Meinung nach erst zu einer Katastrophe, in welcher Form auch immer, kommen, damit eine bessere Welt entstehen kann?
Das wäre doch verklärend romantisch, meiner Meinung nach. Aber man muss ja feststellen, dass so ein Sterben auch eine Neugeburt bedeuten kann. Letztere sehe ich zwar noch nicht, aber der Verfall hat zumindest schon eingesetzt. Was mir persönlich eher Sorgen macht, ist die völlige Unfähigkeit unserer Zeitgenossen, die Fragilität unseres politischen Models zu erkennen. Die Demokratie ist natürlich ein Allesfresser, der so manches verdauen mag, aber dieses europäische Projekt war eine hochriskante Wette darauf, dass die Menschheit sich in Richtung einer demokratischeren und aufgeklärteren Gesellschaft entwickelt. Und natürlich gibt es eine Migrationskrise, es ist aber vor allem eine Migration der Argumente, der Emotionen und Wählerstimmen.

Du beziehst dich im Booklet von „Le Ceneri di Heliodoro“ auf ein Zitat Dostojewskis: „Schönheit wird die Welt retten.“ Was hat reine Ästhetik Klimawandel, Datenklau, Kapitalismus und Hunger entgegenzusetzen?
Zuerst einmal eine erfrischende und scheinbare Sinnlosigkeit. Die moderne Welt lässt ja bekanntlich alles ins Funktionale rutschen. Die Kunst war mit das erste Opfer dieses Mechanismus. Da empfiehlt es sich, der spirituellen Dimension zu huldigen, indem man seine Kunst vom Markt soweit abschottet wie möglich. Ferner bleibt zu vermerken, um Lyotard mal ungeschickt zu paraphrasieren, dass der Sphäre des Erhabenen (und damit einhergehend auch der Schönheit an sich) allein die  Möglichkeit innewohnt, das Totalitäre zu überwinden.

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?

Wandelbarstes Musikgenre: Klassik

Glaubwürdigster Politiker (weltweit): Da fallen mir nur die aktuellen Despoten ein. Da weiß man zumindest, woran man ist. Die lügen natürlich wie gedruckt – gehört wohl weltweit zum Job – aber letztlich weiß man, was die Jungs wollen und dass sie alles tun werden, um ihr Ziel zu erreichen. In der Hinsicht sind die für mich glaubwürdiger als die anderen. Wenn man in der Politik mal auf eine ehrliche Haut trifft, muss man nur mit ansehen, wie sie sich nach und nach zersetzt, verrät, verkauft. Bluthunde sind da zuverlässiger, und deshalb werden die auch immer wieder gewählt (wobei die da auch oft nachhelfen).

Die Rome-Platte, auf der alles stimmt (wenn ja, warum): Die nächste. Da werd ich bestimmt mal alles richtig machen.

Die Rome-Platte, an der du heute etwas auszusetzen hast: Ich habe meinen Frieden mit allen geschlossen und möchte nicht schlecht über die Kinder reden.

Studioaufnahme oder auf Tour gehen? Studio muss sein, Tour aus diversen Gründen auch, aber ohne Studioarbeit würd ich das Ganze nicht machen wollen.