Thorondir - Wächter des Waldes Coverartwork

Review Thorondir – Wächter des Waldes

Nicht im Bayrischen Wald, sondern inmitten vieler kleinerer Wälder in der Oberpfalz sind THORONDIR beheimatet. Auch auf dem vierten Album der Pagan-Metaller dreht sich alles um Mythen, Sagen und die ungeschliffene Schönheit der Natur. All diese Themen greift schon das wundervolle Cover-Artwork auf, in dessen Zentrum ein grantig dreinblickendes Baumwesen einen Wanderer beäugt. Der potenziell titelgebende „Wächter des Waldes“ kann nicht vorsichtig genug sein.

„In der Tiefe des Waldes“ erklingt ein atmosphärisches Intro. Unheilvolle Klavierklänge und Trommeln sowie ein bedrohliches Orchesterarrangement entführen die Hörer direkt in das akustische Dickicht. Wenn THORONDIR mit dem ersten Song „Drudenfluch“ loslegen, sind sofort bedeutende Verbesserungen hörbar: Die Musik klingt fokussierter, härter und düsterer als auf den Vorgängeralben. Früher musizierten die Oberpfälzer oft schunkelig und nicht besonders zielstrebig, dafür sitzt der „Drudenfluch“ wie eine saftige Schelle. Als ob beim Waldspaziergang plötzlich ein dicker Ast ins Gesicht schnalzt. Diese End-90er-Melodic-Black-Metal-Vibes, die vor allem wegen der klug eingesetzten Keyboards an DIMMU BORGIR erinnern, sind eine wahre Wonne für Genrefans. Dass der Song mit flirrenden Gitarren, dem treibenden Rhythmus und dem überraschend eingängigen Refrain auch noch gut ins Ohr geht, fällt zusätzlich positiv ins Gewicht.

Mit „Blut und Ruhm“ zeigen THORONDIR danach ihre melodischere Seite: Der melodiöse Einstieg erinnert an MÅNEGARM, die galoppierenden Riffs an ENSIFERUM und die erzeugte Atmosphäre dürfte Fans von WALDGEFLÜSTER, XIV DARK CENTURIES oder MENHIR Freudentränen in die Augen treiben. Das ist Viking/Pagan Metal, der perfekt die frühen 2000er wieder aufleben lässt. Dazu gehören natürlich auch heldenhafte Chöre, die erstmals bei „Rübezahl“ zum Einsatz kommen. Zum Old-School-Vibe passt auch, dass die Orchester- und Keyboard-Elemente manchmal etwas zu billig wirken – das stört grundsätzlich aber überhaupt nicht, da es den rauen, klassischen Charakter des Albums wunderbar unterstreicht. Auch ein „Morast“, das wie eine schwarzmetallische Variante von AMON AMARTH herüberkommt, reiht sich hier ein, da es eher nach AMON AMARTH in ihren Anfangstagen erinnert. Frei nach dem weißen Zauberer Gandalf könnte man auch sagen: THORONDIR sind, was EQUILIBRIUM sein sollten.

Die angenehm rohe Produktion rundet das musikalische Gesamtbild ab. Hier ist nichts überproduziert oder glatt geschliffen. Die nötigen Ecken und Kanten sind da, die Abmischung der Instrumente ist hervorragend gelungen und trotz der Rauheit hat „Wächter des Waldes“ noch angenehm Druck. Auch Kevin Wienerl am Gesang hat sich verbessert: Seine Schreie und sein Gekeife sind garstig und dennoch relativ gut verständlich, seine tiefen Growls sind ebenfalls überzeugend. Als Beispiel für seine variable Leistung am Mikrofon dient das knackige „Perchtas Schatten“, bei dem Wienerl stets passend zu rasenden, schleppenden und melodischen Momenten seine Stimmlage ändert.

Wenn das emotional aufgeladene „Baldurs Ruf“ das Album nach 55 Minuten beschließt, ist der Weg zum Neustart oft nicht weit – „Wächter des Waldes“ entpuppt sich als wahrer Dauerbrenner mit Langzeitspaßgarantie. Allen Anhängern des melodischen Black und Pagan Metal der frühen 2000er Jahre ist das vierte THORONDIR-Album ganz fest ans Herz gelegt.

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Wertung: 8.5 / 10

Stefan Popp

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