Review Wintersun – Time I

Nun haben nach Guns n‘ Roses‘ „Chinese Democracy“ auch die Witze über WINTERSUN ein Ende. Wollen wir mal besser nicht all die Geschichten rund um die Entstehung von „Time I“ herunterleiern, es ist jetzt einfach da. Acht Jahre hat es ungefähr gebraucht, das darf man nicht vergessen. Der Perfektionismus des Bandkopfes Jari Mäenpää trieb die Fangemeinde zum Wahnsinn, aber wie gesagt, „Time I“ ist nun da. Wie ist es geworden?

Sehr knapp liest sich die Tracklist, gerade einmal fünf Songs sind auf dem Album, das magere 40 Minuten umfasst. Beim ersten Anhören merkt man gar, dass zwei davon („When Time Fades Away“ und „Darkness And Frost“ ) nur instrumentale Stücke sind, sodass wir es mit drei echten Songs zu tun haben. Die sind zwar in sich wiederum in mehrere Teile aufgespalten, aber da bot der Vorgänger „Wintersun“ zumindest quantitativ deutlich mehr. Allerdings handelt es sich ja um den ersten Teil, auf Teil zwei wird sich die Fangemeinde noch wohl ein Jahr gedulden müssen. Den Termin nennen wir mal unter Vorbehalt, wir kennen ja unsere Pappenheimer.

Gut, Jari Mäenpää wäre nicht er selbst, wenn er nicht ein Album voller Facetten erzeugt hätte. Die drei Kernstücke von „Time I“ strotzen vor Ideen, vor Bombast und auch, das muss man ihm lassen, vor Atmosphäre. Seine kernige Stimme hat nichts an Charme verloren, seit er bei Ensiferum ausstieg. Harmonische, epische Passagen wechseln sich mit rasendem Melodic Black/Death Metal ab, alles auf den Punkt gebracht, dass es eine Wohltat ist. Ein leichter asiatischer Touch ist nicht nur auf dem Cover zu finden, vor allem das vierminütige Intro deutet auf eine neue Vorliebe der Finnen hin. Über weite Strecken riecht man aber förmlich den Schnee und die frostige Luft, die doch immer von Hoffnung durchsetzt ist. Ja, der Mann und seine Crew verstehen ihr Handwerk. Ein Refrain wie „Sons Of Winter And Stars“ geht tief ins Ohr und beißt sich dort fest.

Doch wenn nach „Time“ plötzlich Schluss ist, lassen WINTERSUN so manchen Hörer ratlos zurück. War es das wirklich? Haben wir darauf acht Jahre gewartet? „Time I“ lässt sich nur sehr schwer losgelöst von der Vorgeschichte bewerten. Wer so lange versucht, die Vorfreude aufrecht zu erhalten, kann kaum etwas anderes als scheitern. WINTERSUN haben in verdammt vielen Jahren ein packendes Album geschaffen, aber der große Wurf ist nicht gelungen. Zu wenig, einfach zu wenig, da nützen auch die Aussicht auf den irgendwann erscheinenden zweiten Teil und wasweißichnichtwieviele Tonspuren nichts. Im Gegenteil, der Vorgänger funktionierte noch so gut auf kleinerem Fuß, warum der ganze orchestrale Ballast? Ein Mehrwert ist damit nicht zu erkennen.

So ist das geschehen, was im Grunde geschehen musste. „Time I“ kann die Erwartungen nicht erfüllen, selbst wenn jeder vernünftige Fan sie selbst schon runterschraubte. Wäre das Album vor drei, vier Jahren erschienen, hätte es mich noch wirklich ergriffen. So aber trifft Jari selbst am besten den Ton, wenn er singt: „When time fades away / And I’ll never feel the same“.

Wertung: 7 / 10

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