Review Wintersun – The Forest Seasons

(Melodic Death Metal / Folk Metal / Melodic Black Metal) Jari Mäenpää vs. Nuclear Blast und die Entstehungsgeschichte eines Albums, die inzwischen fast schon unterhaltsamer ist als das Werk selbst: Es geht natürlich um WINTERSUN. Was einst als Warten auf das versprochene Opus magnum „Time“ begann, endete in einer Trennung in zwei separate Teile und dem Beinahe-Scheitern des Projekts. Doch plötzlich: eine Einigung zwischen Band und Label.

Jari durfte nun per Crowdfunding sein gewünschtes Studio finanzieren lassen. Gesagt, getan und so kam es dann zur Albumankündigung. Zur großen Überraschung war es jedoch nicht „Time II“, das erscheinen sollte, sondern ein anderes Werk namens „The Forest Seasons“, bei dem Jari ganz dem Vorbild Vivaldi nacheifernd die vier Jahreszeiten vertonen will – nur eben nicht klassisch, sondern mit Metal-Musik.

Die Besonderheit: Das Album ist so komponiert, dass Jaris persönliche Ausrüstung ausreichend war, um es nach seinem Geschmack zu produzieren. Sprich, anders als bei „Time I“ verzichtet Jari auf „The Forest Seasons“ auf ausladende Orchesterbegleitungen mit unzähligen Spuren. Das Ergebnis ist ein Album, das erstaunlich neue Pfade beschreitet und dabei trotzdem typische WINTERSUN-Elemente nutzt.

Statt wie auf den vorherigen Alben auf ohrwurmtaugliche, wundervolle Melodien zu setzen, funktioniert das Songwriting auf „The Forest Seasons“ etwas anders. Die Basis bilden meist eher rhythmische, vorantreibende Riffs, über die Jari zahlreiche ausgeklügelte, detaillierte Keyboardarrangements jagt, die dem Ganzen eher einen Ambient-Stil verleihen und dem Hörer nur sehr wenige mitsing- und mitsummbare Parts gönnen. Das ist nicht nur erfrischend, sondern auch überwiegend sehr stark umgesetzt.

Um der Thematik der wechselnden Jahreszeiten gerecht zu werden, muss logischerweise auch die Musik von Stück zu Stück drastisch wechseln. Ungewöhnlich düster gehalten wurden dabei der Frühling mit dem Namen „Awaken From The Dark Slumber (Spring)“ sowie das Herbststück „Eternal Darkness (Autumn)“. Die Truppe stürzt sich in diesen beiden grandios komponierten Liedern in Gefilde melodischen Black Metals, der auch so von Dimmu Borgir aus ihrer „Enthrone-Darkness-Triumphant“- und „Spiritual-Black-Dimensions“-Ära hätte stammen können. Wie sich zeigt, hat Jari inzwischen nur noch wenig Interesse an ausladenden Soli, lässt sich doch im Herbst das einzige wirkliche Gitarrensolo auf dem ganzen Album finden.

Eher fröhlich, bombastisch, martialisch und stark an Ensiferum erinnernd zeigt sich dagegen „The Forest That Weeps (Summer)“ als stimmige und musikalisch niveauvolle, lediglich entwicklungstechnisch eher ernüchternd rückschrittliche Umsetzung. „Loneliness (Winter)“ imitiert zwar gekonnt, aber ebenfalls etwas mutlos den Stil früherer Stücke wie „Time“, „Sleeping Stars“ oder „Land Of Snow And Sorrow“ anstatt progressiv den Sound WINTERSUNs weiterzuentwickeln. Durch eine leicht missratene, übertrieben kitschige und pathetische Refrain-Melodie in einem ansonsten grundsoliden Song stellt er die einzige, kleine Enttäuschung auf dem Album dar.

Etwas ratlos lässt auch der Albumsound zurück. Viele Fans bemängelten schon anhand der Vorab-Clips die sehr schneidenden, an Death-Metal-Platten aus den 90ern erinnernden Gitarren sowie das zu vordergründig platzierte Schlagzeug. Stören tut das allerdings wenig, denn die Stücke funktionieren trotzdem über die meiste Zeit problemlos und der etwas ungewohnte Sound verleiht der Platte auch einen angenehm überraschenden Charakter. Auch die Songlängen, die allesamt zwölf Minuten nicht unterschreiten, machten im Vorhinein Sorgen, jedoch zeigt Jari, dass er selbst mit einer sehr geringen Anzahl an Riffs Musik über lange Zeit wahnsinnig unterhaltsam gestalten kann.

„The Forest Seasons“ ist sicherlich kein neues Meisterwerk, so wie das Debüt von WINTERSUN eines ist. Auch die emotionale Tiefe und Epik von „Time I“ erreicht das Werk nicht. Trotzdem beweist Jari Mäenpää hier erneut, dass er noch immer zu den herausragendsten und begabtesten Metal-Komponisten unserer Zeit gehört. Mit seinen Bandkollegen liefert er – entgegen der Befürchtungen, dass „The Forest Seasons“ sich selbst lediglich als uninspirierter Job mit dem Zweck der Geldbeschaffung für das eigentliche Herzensprojekt „Time II“ entlarven wird – ein sehr gutes Konzeptalbum ab, das, wie jedes WINTERSUN-Werk bisher, mit jedem Durchgang wächst.

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Wertung: 8 / 10

Publiziert am von Simon Bodesheim

3 Kommentare zu “Wintersun – The Forest Seasons

  1. Sehr schön. Aber hör unbedingt noch in die Vorgänger rein. Der Großteil der Fans, inklusive mir selbst, sind der Meinung, dass die erste beiden Album noch ein Stück besser sind. Aber sie sind alle drei sehr unterschiedlich, könnte dir trotzdem gefallen. ;)

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