Review Worm – Necropalace

Unscharf, mit Glitches und verwaschenen Farben: So kennt man die Klassiker des Black-Metal-Musikvideos, ob nun zu „Mother North“ von SATYRICON, „Mourning Palace“ von DIMMU BORGIR oder IMMORTALs „Blashyrkh“. Neben dem schrammeligen Sound und den über die Maßen kitschigen Keyboards gehört diese oft unfreiwillig komische Ästhetik quasi zur DNA des Genres. Insofern ist es fast schon überraschend, dass dieses Stilmittel, um die passende Atmosphäre zur Musik zu schaffen, quasi in der Versenkung verschwunden war. Bis ausgerechnet ein amerikanisches Duo dieses – und viele weitere – Stilmittel des Melodic Black Metal der 1990er nun wieder herauskramt: WORM.

Doch nicht nur das Video zum Titeltrack (siehe unten) bedient bis ins kleinste Detail jene längst vergessen geglaubte Ästhetik: Sieht man sich deren neuestes Album an – im Übrigen kein Underground-Release, sondern durchaus reichweitenstark bei Century Media Records veröffentlicht –, könnte man meinen, man habe im Second-Hand-Plattenladen einen alten Schatz geborgen: In der so grauenhaften wie traditionsreichen Farb-Kombination Magenta-Lila-Weiß (man denke nur zurück an NECROPHOBICs Debüt „The Nocturnal Silence“ oder „Kiss The Goat“ von LORD BELIAL) präsentiert sich ein an Kitsch kaum zu überbietendes Szenario aus Blitzen und Burgen, Drachen und grimmigen Herrschaften, wahlweise auf steinernem Thron (Cover) oder einer düsteren Kutsche (Back-Cover). Der Albumtitel ist natürlich genauso wenig zu entziffern wie das aus Flügeln, Pentagrammen, invertierten Kreuzen und sonstigen Schnörkeln zusammengesetzte Bandlogo, weshalb der zuständige Produktmanager von Century Media wohlwissend einen Hypesticker hat aufbringen lassen, der beides nochmal verständlich macht: „WORM – Necropalace.“

Dass das Booklet anstelle von Texten Porträtfotos in klassischem Corpsepaint (selbstverständlich mit Ornament in Sargform), trashige Aktfotografie oder – natürlich – beides vereint in einem klage-triefenden Bandfoto enthält, versteht sich an dieser Stelle von selbst. Alles andere wäre aber auch ein Stilbruch und damit eine herbe Enttäuschung gewesen. Denn damit sind wir beim Kern der Sache angekommen: WORM beherrschen das „Reenactment“ des ’90er Black Metals nahezu perfekt. Und das impliziert, neben all dem Visuellen, beeindruckenderweise auch die Musik: Wo das Intro „Gates To The Shadowzone“ noch eher an WATAIN denken lässt, entführen WORM die Hörerschaft gleich mit dem Titeltrack tief in die visuell bereits angekündigte Epoche: Gefauchter Gesang, geschwungene Leadgitarren, einen Tick zu dominante Keyboards und, nach einem kurzen Break, Nähmaschinenschlagzeug vereinen sich zusammen zu einer perfekten Reminiszenz an die frühen DIMMU BORGIR oder TROLL.

Beeindruckend ist, neben dem Fakt, dass WORM auf ihren bisherigen drei Alben waschechten Funeral Doom ohne jedwede Black-Metal-Anleihen fabriziert haben, dass WORM dieses Spiel gleich bei diesem Opener über 10:04 Minuten spielen können, ohne zu langweilen: Tempowechsel, perlende Cleangitarren, aber auch Samples (aufeinanderschlagende Schwerter) sorgen gleichermaßen für Erheiterung wie Begeisterung, weil all das natürlich völlig übertrieben ist – aber eben, ähnlich wie beim aktuellen Heavy-Doom-Revival, auch beeindruckend gut gemacht. Mindestens so kitschresistent wie für die Bands dieses Genres muss man aber auch sein, um WORM etwas abgewinnen zu können: Schon „Halls Of The Weeping“ ist mit seinem pathetischen Chor und furiosen Gitarrensoli nur schwer auszuhalten.

Überhaupt ist die Gitarrenarbeit wohl das Alleinstellungsmerkmal von WORM schlechthin: Immer wieder schwingt sich über die guten, aber auch im Sound verwobenen Riffs eine epische Leadgitarre auf, um in einem virtuosen Solo zu erstrahlen. „The Night Has Fangs“ etwa füllt Gitarrist Wroth Septentrion in Summe rund drei Minuten mit Soli auf, und für den monumentalen 14-Minüter „Witchmoon: The Infernal Masquerade“ als Albumabschluss haben sich WORM zudem noch Verstärkung von Marty Friedman (ex-MEGADETH) als Lead-Gitarrist geholt.

Kombiniert mit den Keyboards macht die herausragende Gitarrenarbeit das Album so melodisch, dass „Necropalace“ längst nicht nur für Black-Metal-Enthusiasten interessant ist. Für solche machen sich WORM aber durch ihre wirklich detailverliebte Art und Weise, in der sie nach einem bemerkenswerten Stilwechsel nun die musikalische und visuelle Black-Metal-Ästhetik längst vergangener Tage wieder aufleben lassen, besonders interessant. Dass ein im besten Sinne „trues“ Album wie „Necropalace“ ausgerechnet aus den USA kommt, dürfte so manchem Gatekeeper einen Stich versetzen. Even better!

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Wertung: 9 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

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