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Deth Crux – Mutant Flesh

Ein greller Neonschein. Der Geruch von billigem Parfüm, ein allzu leicht durchschaubarer Versuch, den Gestank von Lust und Verdorbenheit zu übertünchen. Und dann von irgendwo ein beinahe unmenschlicher Schrei – der Verzückung oder des Entsetzens? Schauplatz dieser Szenerie ist die Unterwelt von Los Angeles und die Band, die uns an diesen auf morbide Weise faszinierenden Ort lockt, nennt sich DETH CRUX. „Mutant Flesh“, das Debüt der amerikanischen Death-Rocker, versteht sich als Hommage an die finsteren Seiten ihrer Heimatstadt, scheint aber auch mit dem gefährlichen Sex-And-Crime-Charme von Filmen wie Sin City zu liebäugeln. Wer könnte einer solch verführerischen Einladung widerstehen?

Die Stilmittel, derer sich DETH CRUX bei der Vertonung ihrer urbanen Gruselgeschichten bedienen, sind denen ihrer musikalischen Vorbilder, zu welchen etwa Fields Of The Nephilim, Bauhaus und Christian Death gehören, gar nicht so unähnlich. Dass einige Mitglieder des Quintetts zuvor in Buried At Sea und Lightning Swords Of Death im extremen Metal unterwegs waren, merkt man „Mutant Flesh“ kaum an. Kurz gesagt: DETH CRUX spielen astreinen Post-Punk, mit allem was dazugehört. Der überwiegend stoische Gesang, der nur gelegentlich stärkere Emotionen zum Ausdruck bringt, hat eine subtil unheimliche Note an sich, wohingegen die Gitarren durchwegs unheilvoll klingen und die simplen, schmissigen Drums einen treibenden Rhythmus vorgeben.

Es braucht eine Weile, bis die Post-Punker voll in die Gänge kommen, doch spätestens als zu Beginn von „Black Abominable Lust“ die schauderhaften Keyboards einsetzen, wird klar, dass DETH CRUX es vortrefflich verstehen, ihr unterhaltsames Narrativ mit der passenden Musik zu untermalen. „Chrome Lips“ und „Yellow Sky“ überraschen beispielsweise mit schrillen Saxophon-Einlagen, der Titeltrack und „Xenophilia“ begeistern hingegen mit ihren verspielten, beinahe dramatischen Leadmelodien und ihren dynamischen Arrangements, die auf Anhieb ins Ohr gehen.

Mithilfe der kalten Keyboard-Schauer wie etwa auf „Lycanthropic Prostitution“ vermitteln DETH CRUX indes ein unbehagliches Gefühl der Paranoia, fast so, als würde man im Drogenrausch durch ein Rotlichtviertel irren – immer auf der Flucht vor etwas, das schon längst kein Mensch mehr ist. Der einzige Aspekt, hinsichtlich dessen „Mutant Flesh“ kein absolut stimmiges Bild abgibt, ist die etwas zu verwaschene Produktion – obwohl man durchaus auch argumentieren kann, dass ein gestochen scharfer Sound gar nicht so gut zur Grundstimmung des Albums gepasst hätte.

„Mutant Flesh“ hat durchaus seine Schwachpunkte: Die leicht unscharfe Produktion ist sicher nicht jedermanns Sache und DETH CRUX hätten ihre kleinen Experimente ruhig noch ein wenig weiter treiben können. Was die Amerikaner jedoch vielen ihrer Post-Punk-Revival-Kollegen voraus haben, ist die in sämtlichen Punkten konsistente Umsetzung ihres Konzepts. Schon auf ihrem Erstwerk haben die Death-Rocker durch die stimmige Verknüpfung der Texte, des Artworks und des Klangs der Musik ihre eigene, kleine, verruchte Welt geschaffen, in der die Grenzen zwischen Begierde und Gefahr zu verschwimmen scheinen.

Bullhead – Tough Luck

„A Lot Of Toys… Senseless Communication Everywhere…“ Tagtäglich sind wir der Reizüberflutung einer übertechnisierten Welt ausgesetzt und manchmal sind drei Akkorde und vielleicht noch ein Bier genug, um sich davon eine Auszeit zu verschaffen. BULLHEAD sind angetreten, diese Auszeiten mit Musik zu füllen – und mit einem Hauch von Nostalgie; Erinnerungen an eine Zeit, in der es noch keine Smartphones gab und Festnetztelefonnummern (ohne Ortsvorwahl) aus vier Ziffern bestehen konnten.

„Tough Luck“ ist BULLHEADS erster Longplayer, allerdings hat die Band seit 2016 zwei EPs in Eigenregie produziert und veröffentlicht. Im Sommer 2015 in Olching bei München gegründet, hat sich das Quartett einer durchaus unterhaltsamen Mischung aus Punkrock und Grunge verschrieben. Nun steht man beim kleinen Indielabel Boersma-Records unter Vertrag, von der DIY-Attitüde ist aber nichts verloren gegangen: In klassischer Punkrock-Manier wurden große Teile des Albums im heimischen Keller aufgenommen und Sänger und Gitarrist Stefan Strauch hat gleich mal seinen Nachwuchs die Backing-Vocals mitgröhlen lassen. Eine echte generationenübergreifende Zusammenarbeit, nix mit „Punk Is Dead“ oder so.

Musikalisch bedienen BULLHEAD die komplette Bandbreite aus den zuvor genannten Musikrichtungen – garniert mit schönen Alternative-Rock-Momenten. Innovativ ist das sicher nicht, macht aber trotzdem Spaß, da die Attitüde stimmt und sich unter den 13 Songs von „Tough Luck“ ein paar echte Perlen und Ohrwürmer befinden: „The Rust“ weckt durch die effektbeladenen Gitarren, die düstere Strophe und die eine oder andere Gesangsharmonie Erinnerungen an die legendäre Seattle-Band Alice In Chains, während „Torn Inside“ mit einem großartigen Ohrwurmchorus zu überzeugen weiß. „Break The Rules“ ist dahingehend erwähnenswert, dass der Song eine äußerst offensichtliche Verbeugung vor Nirvana ist: Die rhythmische Struktur und die erste halbe Minute des Arrangements erinnern schon sehr an „Smells Like Teen Spirit“ – was soll’s, die Grunge-Götter haben „Come As You Are“ schließlich auch von Killing Joke geklaut.

Textlich gibt man sich genre-typisch mal persönlich, mal politisch oder gesellschaftskritisch. Titel wie „Throwing Stones“ oder „Needles & Pills“ sprechen dabei für sich. Tempomäßig treten BULLHEAD auf ihrem Albumdebüt die meiste Zeit aufs Gas und lassen mit energetischen Songs wie „Tomorrow“ die Live-Qualitäten der Band erahnen, die in den letzten Jahren ziemlich viel Zeit auf Bühnen in Deutschland, Österreich und Tschechien verbracht hat – BULLHEAD sehen sich primär als Live-Band, die auf der Bühne die Sau rauslassen will.

Während die Produktion von Vocals, Gitarre und Bass (den man ruhig etwas präsenter hätte abmischen dürfen) in Anbetracht des Umstandes, dass man bei der Aufnahme auf eine professionelle Studioumgebung verzichtet hat, völlig in Ordnung geht, ist der Schlagzeugsound leider nicht ganz so geglückt und tönt recht flach, charakterlos und bisweilen sogar künstlich aus den Boxen. Auch wenn das nicht über die komplette Länge von „Tough Luck“ hinweg negativ auffällt, hätte man das auch mit den vorhandenen Mitteln sicherlich schöner lösen können.

„Tough Luck“ ist ein cooler Soundtrack für besagte Momente im Leben, in denen drei Akkorde und vielleicht noch ein Bier völlig ausreichend sind, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer etwas für die Seattle-Szene und den Skatepark-kompatiblen Punkrock der frühen Neunziger übrig hat, darf gerne zugreifen.

Betontod – Vamos!

Man kann ja von den Toten Hosen halten was man will, aber in Sachen eingängiger Punk-Rock mit Mainstream-Potenzial kommt einfach niemand an die Jungs heran. Stattdessen entstehen oft genug Alben mit Riffs aus dem Baukasten und überschwänglich pathetischen Texten, die dann aber unverständlicherweise trotzdem häufig in den oberen Chartpositionen auftauchen. Nach der letzten BETONTOD-Scheibe „Revolution“ war es irgendwie vorhersehbar, dass sich auch die Rheinberger der Verlockung des Mainstreams zumindest ein Stück weit ergeben werden. Nach 28 Jahren harter Arbeit kann man es ihnen nicht einmal komplett verübeln. Schade ist nur, dass dabei ein so halbgares Album wie „Vamos!“ herauskommt.

Trotz des kämpferischen Titels scheinen BETONTOD nämlich alles andere als auf Krawall aus zu sein. Wirklich wild wird es auf „Vamos!“ nur bei zwei Songs: „Niemals untergehen“ und „Stück für Stück“, wobei gerade letzterer durch sein fettes trashiges-Riff und bissige Lyrics glänzen kann. Ansonsten ergehen sich die Jungs in den immer gleichen Plattitüden von ewiger Freundschaft („Zusammen“), gebrochenen Herzen („Es ist vorbei“) oder nostalgischen Erinnerungen („Diese Zeit“). Das alles hat man dieses Jahr und allgemein schon hunderte Male gehört und meistens dabei oft genug den Kopf über so viel Pathos geschüttelt. Den Vogel schießen BETONTOD aber mit „Nie wieder Alkohol“ ab. Die Nummer klingt wie eine Resteverwertung bekannter BETONTOD-Songzeilen und peinlichen neuen Lyrics wie „Alkohol – hol – hol ma noch ein Bier“. Nicht mal am Ballermann könnten die Musiker damit überzeugen.

Auch musikalisch ist auf „Vamos!“ nahezu alles glatt gebügelt und ohne Ecken und Kanten. Spätestens jetzt sind BETONTOD mehr weichgespülter Deutschrock denn Punk. Und das von einer Band, deren wilde Mischung aus dreckigem Punk mit Metal- und Hardcore-Elementen selbst bei Hörern härterer Genres gut ankam. Da hilft auch das groovende Riff des Titeltracks nicht viel. An Glanztaten wie „Schwarzes Blut“ oder „Glück auf“ reichen die Jungs nicht mehr heran.

Veränderungen sind gut und begrüßenswert und auch der Erfolg sei den Bands gegönnt, aber die nahezu immer damit einhergehende Anbiederung an den Mainstream nervt einfach nur noch. Wenn aus Punk-Heroen wie BETONTOD plötzlich handzahme Stadionrocker werden, muss die Frage erlaubt sein, ob der Erfolg das wert ist.

The Casualties – Written In Blood

Als Jorge Herrera seinen 2017 seinen Ausstieg bei THE CASUALTIES verkündete, war das kaum weniger als ein Paukenschlag in der Punk-Welt. Schließlich war Herrera das einzige verbliebene Gründungsmitglied der 1990 gegründeten Streetpunk-Instanz. Nun, anderthalb Jahre später, erscheint mit „Written In Blood“ also das erste Album der CASUALTIES, auf dem man nicht den sympathischen Ecuadorianer singen hört.

An seine Stelle ist mit dem „Texikaner“ David Rodriguez erneut ein Fronter mit lateinamerikanischen Wurzeln getreten. Das hat direkte Auswirkungen auf „Written In Blood“: So wechselt Rodrigues immer wieder ins Spanische und verleiht dem Album damit einen eigenen Flair. Ungewohnt ist auch die Attitüde des Albums: Der Albumtitel, das Artwork und die Tatsache, dass THE CASUALTIES nun in Amerika mit Goatwhore auf „Metal Alliance Tour“ gehen, untermauern den Eindruck, dass THE CASUALTIES sich mit „Written In Blood“ etwas mehr in Richtung Metal orientieren.

Ansonsten geben sich THE CASUALTIES aber auch 2018 noch unverkennbar als Punks zu erkennen: Gleich der Opener, „1312“, greift mit der numerischen Variante des Akronyms ACAB („all cops are bastards“) ein zentrales Genremotiv auf, und auch der Rest der Songs ist von Politik und linken Statements geprägt. Musikalisch bleibt – zum Glück! – ebenfalls alles mehr oder minder beim Alten: Zwar klingt der Gesang etwas weniger kratzig, von der Stimme her ist Rodrigues Herrera jedoch überraschend ähnlich. Und auch stilistisch sind die 15 Songs, die THE CASUALTIES gewohnt sportlich in nur 34 Minuten untergebracht haben, nach wie vor unverkennbar punkig: Brachialer Hardcore trifft auf eingängigen Streetpunk, simples Power-Chord-Riffing auf straighte Songstrukturen. Und zu alledem gesellen sich die für THE CASUALTIES charakteristischen Mitgröl-Chöre. Wenngleich diese in Ohrwürmern wie „So Much Hate“ aufgrund ihrer Eingängigkeit fast schon lästig sind.

Nicht nur mit dem Brecher „Ya Basta“ zeigen THE CASUALTIES auf ihrem zehnten Album, dass es zwar schade, aber auch verkraftbar ist, dass Wattie und seine The Exploited wohl kein Album mehr zustande bringen werden. Zumindest, solange THE CASUALTIES auf diesem Level weitermachen. Dass die Band Herreras Ausstieg so gut verwunden hat und Rodriguez mit „Written In Blood“ einen so gelungene Einstand feiern kann, darf dahingehend ohne Frage als positives Zeichen gewertet werden.

Night Birds – Roll Credits

NIGHT BIRDS können in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiern, was laut Aussage von Sänger Brian Gorsegner im Punk-Bereich nicht mehr viele Bands erreichen. Deshalb begeht die Band dieses Jubiläum mit dem acht Songs starken Mini-Album „Roll Credits“, für das sogar der erste Gitarrist Mike Hunchback an sein Instrument zurückgekehrt ist und drei Stücke mit seinen Ex-Kollegen eingespielt hat. Auf den ersten Blick ist das besondere Cover auffällig: Acht Freunde der Musiker haben für jeden Song jeweils ein anderes Artwork entworfen. Wenn sich die rund 17 Minuten Material ebenfalls so abwechslungsreich gestalten, könnte das ein kurzweiliger und mitreißender Trip werden.

Der Opener „Pull The String“ geht allerdings nicht ganz in die Vollen, präsentiert sich das Instrumental doch eher als Hybrid aus Punk und Surf Rock mit der entsprechend entspannten Atmosphäre. „Onward To Obscurity“ reicht dagegen weit in den rauen Old School Punk Rock, mit den dafür typischen und neben dem Takt scheinenden Vocals. Auch das kurzweilige Gitarrensolo reiht sich in den energiegeladenen Song mit seiner verschrobenen Art gut ein. Die Band aus New Jersey bietet aber auch melodischen Hardcore („My Dad Is The B.T.K.“) oder typisch US-amerikanischen, geradlinigen Punk („The Day I Beat My Brain“).

Gesanglich variiert Frontmann Gorsegner dabei nur minimal, aber die Energie der Songs steht sowieso weitgehend im Vordergrund von „Roll Credits“. Kleine Aufhorcher sind die Gesangseinlagen seiner Kollegen, die sich in einer Art Gangshout oder fast lieblichen Hintergrundchören manifestieren. Am spannendsten präsentiert sich allerdings das mit dezenten Country-Elementen versehene „Radium Girls“, während der abschließende Titelsong den Bogen zum Opener schlägt und eine Mischung aus Surf Rock und Stoner-Elementen darstellt.

NIGHT BIRDS haben mit „Roll Credits“ ein wirklich kurzweiliges Mini-Album geschaffen, das es trotz seiner kurzen Laufzeit schafft, diverse Stile mit dem zugrundeliegenden Punk Rock zu verbinden – und doch sind alle Titel erkennbar der Band zuzuordnen. Vor allem die oft rohe Energie der Songs macht den (fast) zu gleichförmigen Gesang wieder wett. Wer sich in den entspannten und rauen Sphären des Punk gleichermaßen wohlfühlt, der wird hier ein kurzes, aber nicht minder intensives und an einigen Stellen spannendes Release vorfinden.

Anti-Flag – American Reckoning

Die Punk-Ikonen von ANTI-FLAG tun es erneut. Nach der Benefiz-EP „Live & Acoustic In Vienna“, legen die Jungs nun ein ganzes Album mit Song im akustischen Gewand vor. „American Reckoning“ nennt sich das Ganze und ist, wie der Titel schon vermuten lässt, der dritte Teil der „American“-Albumreihe. Eben deshalb befinden sich auf der Scheibe auch nur Songs der letzten beiden Alben im neuen Look. Dazu servieren ANTI-FLAG drei elektronisch verstärkte Coversongs von Liedern, die sie beim schreiben der letzten Platten inspiriert haben. Man kann also im Falle von „American Reckoning“ keineswegs nur von einem Lückenfüller reden.

Besonders überzeugend an „American Reckoning“ ist, dass ANTI-FLAG durch die Reduktion der Instrumente die Texte ihrer Songs noch mehr in den Vordergrund stellen. Das die Pittsburgher nicht einfach nur übers saufen oder assozial sein singen, dürfte bekannt sein. Dennoch bietet die akustische Form der Songs die Gelegenheit, sich noch etwas genauer mit den Inhalten zu beschäftigen. Sei es nun der Kritik an der Zerstörung unserer Umwelt in „The Debate Is Over (If You Want It) (Acoustic)“, der Abrechnung mit der Alt-Right-Bewegung und bürgerlichem Rassismus in „Racist (Acoustic)“ oder die Ost-West-Hymne „Brandenburg Gate“.

Durch die Konzentrierung des Sounds auf Gitarre und Gesang, rücken ANTI-FLAG auch näher an ihre Singer-Songwriter-Vorbilder wie Woody Guthrie oder Bob Dylan heran und besinnen sich so auf die Wurzeln des Punk. Auf die Frage danach, ob eine Akustik-Platte überhaupt noch Punk ist, gibt es nur ein klares Ja als Antwort. Was bitte ist mehr Punk, als aggressiven Songs den Stecker zu ziehen und dennoch eine enorme Kraft mit ihnen zu transportieren?

Abgerundet wird „American Reckoning“ durch drei Coversongs. Den Anfang macht John Lennon’s „Gimme Some Truth“, welches ANTI-FLAG ganz bandtypisch interpretieren. Auch „For What It’s Worth“ von Buffalo Springfield erklingt in punkiger Manier. Besonderen Spaß hatten die Jungs aber wohl beim abschließenden Cheap Trick-Song „Surrender“, der herrlich schnodrig daherkommt. Das diese Künstler die Jungs inspiriert haben, ist kein Wunder.

Mit „American Reckoning“ legen ANTI-FLAG zwar kein neues Album vor, erweitern ihren Sound aber um ein paar spannende Facetten. Es heißt ja, ein Song zeigt seine wahre Qualität dann, wenn er auch im akustischen Gewand funktioniert. Nach „American Reckoning“ dürften auch die letzten Zweifel an den Songwriting-Künsten von ANTI-FLAG ausgeräumt sein.

Swingin‘ Utters – Peace And Love

Frieden und Liebe wie zu Woodstock-Zeiten propagieren SWINGIN‘ UTTERS mir ihrem neuesten Album „Peace And Love“. Die beiden Primaten auf dem Artwork grinsen einem entsprechend freundlich entgegen. Die Band aus der Bay Area hat sich seit mittlerweile 30 Jahren allerdings dem Punk Rock versprochen. In den Nu-Tone Studios Pittsburg, Kalifornien nahmen sie die 15 Titel mit Chris Dugan (Green Day, Iggy Pop) auf. Die Musiker selbst bezeichnen den Longplayer als ihre bisher politischste Platte, die knappe 40 Minuten Laufzeit erreicht.

Der Opener „Undertaker, Undertake“ positioniert sich dabei als kurzweilige und flotte Nummer, die sehr kernig daherkommt. Der Punk Rock von SWINGIN‘ UTTERS ist aber glücklicherweise vielschichtiger und bedient sich mal an Elementen aus Indie und Surf Rock („Sirens“, „Louise And Her Spider“), setzt aber auch Motive ein, die an den Punk der 70er-Jahre erinnern („Dubstep“). Trotz dieser Abwechslung ist der Stil von SWINGIN‘ UTTERS in sich sehr schlüssig gehalten. Als bester Song präsentiert sich aber das locker-flockige „Demons Of Springtime“, dass dezent in den Horror Punk schielt und sich im Ohr festsetzt.

Entsprechend variabel zeigt sich auch der Gesang von Fronter John Bonnel, der sich entweder entsprechend räudig positioniert oder in melodischer Weise agiert. Die Unterstützung seiner Bandkollegen tut ihr übriges, um diese variable Herangehensweise zu prägen. Die Produktion ist für eine Punk-Platte angemessen geraten und pendelt sich zwischen der nötigen Street Credibility und Melodik gut ein. Die hervorgehobenen Instrumente variieren je nach Song, um die jeweils zugrundeliegende Stimmung hervorzuheben bzw. zu beeinflussen.

Insgesamt ist „Peace And Love“ ein kurzweiliges Album geworden, was vorrangig an den Songlängen zwischen zwei und drei Minuten liegt. Zu jeder Sekunde versprüht die seit 30 Jahren aktive Band spritzigen Charme und eine gewisse Leichtigkeit. Dies wird vor allem dadurch begünstigt, dass sich SWINGIN‘ UTTERS nicht auf reinen Punk Rock fokussieren. Spaß macht die Platte dazu auch noch, das steht außer Frage. Insgesamt ein ansprechender Longplayer, dem ein oder zwei Ohrwürmer mehr gut gestanden hätten.

Suicidal Tendencies – STill Cyco Punk After All These Years

Werden die SUICIDAL TENDENCIES nach einer bald 40 Jahre andauernden Karriere nostalgisch? Ihr neues Album „STill Cyco Punk After All These Years” könnte das fast schon nahelegen. So spielt der Titel überdeutlich auf ihre Raritätencollection „STill Cyco After All These Years“ an. Darüber hinaus ist der Großteil des Materials auf dem 13. Album der Band aus Venice Beach eine neu vertonte Version des Soloalbums „Lost My Brain…Once Again!“ von Sänger Mike Muir aus dem Jahr 1995.

Trotz des Alters der Stücke auf „STill Cyco After All These Years“ wirkt das Album überraschend frisch und unverbraucht. Ein Grund dafür ist sicherlich das Schlagzeugspiel von Dave Lombardo, der zwischenzeitlich festes Bandmitglied der SUICIDAL TENDENCIES geworden ist. Zwar hält er sich dieses Mal mit seinem Drumming schon fast etwas zurück, ist aber unfassbar tight und verleiht den Songs mit seinen Breaks und Fills einen modernen Anstrich. Leider ist die Produktion des Albums, getreu der DIY-Attitüde der Band, doch arg scheppernd und insgesamt recht dünn geraten. Die an sich treibenden Songs werden so etwas ihres Drives beraubt.

Dennoch sind selbstverständlich alle Trademarks der SUICIDAL TENDENCIES vertreten: Ein groovender Bass, sich nahezu überschlagende Schlagzeugsoli und Mike Muirs hoher, euphorischer, teilweise schon fast übertriebener Gesang. Da es eben auch alte Songs sind, erfinden die SUICIDAL TENDENCIES das Rad nicht neu, machen aber gewaltig Spaß. Über eine für das Genre doch amtliche Spielzeit von 42 Minuten wirkt das Material auf „STill Cyco After All These Years“ allerdings stellenweise schon etwas redundant.

Insgesamt ist „STill Cyco Punk After All These Years” ein solides Album zwischen Punk und Hardcore, das nicht so klingt, als läge sein Ursprung in den frühen 90ern. SUICIDAL TENDENCIES mögen nicht mehr die Jüngsten sein und tun sich mit einigen Entscheidungen wie Produktion und Albumlänge keinen Gefallen, stellen aber immer noch eine der Spitzen ihres Genres dar.