Wenn man über die Geschichte des Punkrock spricht, kommt man an SOCIAL DISTORTION nicht vorbei – auch wenn sich Mike Ness und seine Truppe über Jahrzehnte hinweg tief im Dunstkreis von Country, Blues und Rockabilly bewegt haben, anstatt reines, klassisches Drei-Akkorde-Geballer abzuliefern. Nachdem die Band mit „Somewhere Between Heaven And Hell“ (1992) bereits kräftig am Mainstream-Kuchen schnupperte, markierte „White Light White Heat White Trash“ 1996 eine Zäsur. Produziert von Michael Beinhorn (u. a. KORN, OZZY, SOUNDGARDEN) im legendären Bearsville Studio, war das fünfte Album der Band vor allem eines: ein wütender Blick zurück. Es war das letzte Album mit Gründungsmitglied Dennis Danell an der Gitarre vor dessen plötzlichem Tod im Jahr 2000 und stieg – trotz der bewussten Abkehr vom damals populären, poppigen California-Sound – bis auf Platz 27 der Billboard-Charts ein.
Hört man „White Light White Heat White Trash“, wird schnell klar, dass hier kein Platz für sonnige Skate-Hymnen oder hedonistische Boardshorts-Attitüde ist. Mike Ness klingt so, als hätte er die letzten vier Jahre damit verbracht, seine Dämonen in einer dunklen Kammer mit einer Eisenstange zu bearbeiten. Der Opener „Dear Lover“ tritt die Tür direkt mit einem bleiernen, beinahe doomigen Riff ein und setzt den Ton für eine Platte, die sich musikalisch wieder deutlich näher am (Hardcore-)Punk der frühen Achtziger bewegt, ohne die mühsam erarbeitete Melodieseligkeit der Neunziger zu opfern.
Die Analyse der Songs gleicht einer ungeschönten Therapiestunde auf offener Straße. „I Was Wrong“ ist nicht nur die bekannteste Single, sondern ein intimer Moment echter Reflexion in einem Genre, das oft lieber mit dem Finger auf andere zeigt. Ness singt über Selbsthass und falsche Stolz-Momente – das ist in seiner schlichten Ehrlichkeit authentischer als vieles, was Genre-Mitstreiter zu diesem Zeitpunkt auf Platte bannten. Doch das Album kann auch anders: „Don’t Drag Me Down“ und „Down On The World Again“ sind regelrechte High-Speed-Abrechnungen. Hier blitzt der alte Punk-Geist auf – schnell, direkt und mit einer textlichen Kante gegen Intoleranz, die heute leider wieder viel zu aktuell ist. Die Gitarrenarbeit von Ness und Danell verzichtet dabei auf unnötiges Gefrickel und setzt stattdessen auf den typisch sägenden, bratigen Sound, der wie eine Mischung aus Vintage-Marshall-Amps und einer alten Harley durch die Gehörgänge röhrt.
Ein oft unterschätztes Highlight ist „Untitled“, das mit seiner Melancholie und zugleich stampfenden Rhythmik zeigt, wie viel Dynamik in diesem Line-up steckte. Hier beweisen die Rhythmus- und die Gitarrenfraktion gleichermaßen, dass Punk nicht immer nur stumpfes Draufhauen bedeutet. Dass der im Booklet nicht benannte Session-Musiker Deen Castronovo (JOURNEY, damals u. a. bereits OZZY, BAD ENGLISH) die Drums im Studio einspielte, gibt dem Ganzen eine technische Wucht und Präzision, die den eher locker-flockigen Vorgängerwerken fehlte. Besonders emotional wird es bei „When The Angels Sing“: Ness schrieb das Stück nach dem Tod seiner Großmutter, und man hört jeder Note den aufrichtigen Schmerz an. Hier verbindet sich der Schwermut des Delta-Blues perfekt mit der rohen Energie des Punk. Als tatsächlicher Abschluss nach dem episch-trotzigen „Down Here (W/ The Rest Of Us)“ fungiert ein Cover des ROLLING-STONES-Klassikers „Under My Thumb“: ein Hidden Track, den SOCIAL DISTORTION so sehr nach sich selbst klingen lassen, dass man fast vergisst, wer das Original eigentlich geschrieben hat. Die Band nimmt den Song, zieht ihn durch die Gosse und lässt ihn im neuen, räudigen Glanz erstrahlen.
„White Light White Heat White Trash“ ist auch nach fast drei Jahrzehnten kein Stück gealtert oder gar verstaubt. Während so manche Bands aus derselben Ära heute wie schlecht konservierte Relikte einer verblassten Jugendkultur wirken, atmet diese Platte pure, staubige Echtheit. Mike Ness hat den perfekten Hybrid aus Punk-Wut, Rock-’n’-Roll-Eleganz und einer Prise Hardcore-Dreck geschaffen. Wer mit verzerrten Gitarren und Texten über das Scheitern, das Leiden und das anschließende Wiederaufstehen auch nur im Entferntesten etwas anfangen kann, kommt an diesem Schlüsselwerk von SOCIAL DISTORTION schlichtweg nicht vorbei.
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