Obwohl MARATON bereits 2010 gegründet wurden, konnten sie erst 2019 ihr in der Prog-Welt vielbeachtetes Debütalbum „Meta“ veröffentlichen und wurden direkt von Bands wie Leprous mit auf Europatournee genommen. Dass ihr neuestes Werk „Unseen Color“ bereits nach drei weiteren Jahren fertiggestellt war, war sicher auch den Corona-Restriktionen mit Zwangs-Tourpause geschuldet. Aber an Selbstbewusstsein mangelt es den Norwegern nicht, und so haben es die Herren aus Oslo gewagt, das Album zu einem Zeitpunkt auf den Markt zu werfen, als dieser eigentlich mit neuen Releases übersättigt war. Trotzdem schaffte es „Unseen Color“ in die eine oder andere Top-Ten-Liste der Prog-Magazine zum Jahreswechsel.
MARATON sind eher eine Live-Band, die auf der Bühne mit unglaublichen Emotionen beim Gesang, berührenden Melodien und außergewöhnlich intensiver Interaktion mit dem Publikum punktet. Da letzteres auf einem Studioalbum selbstredend keine Rolle spielt, bleiben nur Melodie und Gesang, um auf „Unseen Color“ zu punkten: Die Musik ist mit kniffligen, avantgardistischen Sequenzen gespickt, die das Herz jedes Prog-Fans höherschlagen lassen. Die Arrangements der Instrumente stehen denen bekannterer Bands in nichts nach. Aber trotzdem schaffen es MARATON, im Kern ihrem alten Stil treu zu bleiben: Mit höchster Emotionalität stellt die Band die Gesangslinien in den Vordergrund, sodass das, was Texter Simen Hundere Ruud zu sagen hat, in jedem Fall Gehör findet. Die englischsprachigen Texte handeln wie üblich von allem, was einen Menschen bewegen kann: Liebe und jedes Gefühl, was damit früher oder später einhergeht; das Verhalten der Menschen und das Hinterfragen, warum so viel davon Fake ist; Gedanken voller Konflikte und ein daraus resultierender Versuch der Selbstfindung, um dem Leben vor dem Ende zumindest einen Sinn abgerungen zu haben.
Die sanfte, aber trotzdem geübte Stimme von Frontmann Fredrik tut ihr Übriges dazu, um die Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen. Er säuselt sich an manchen Stellen gekonnt durch die Melodielinien, um dann beim Höhepunkt des jeweiligen Tracks stimmlich richtig aus dem Vollen zu schöpfen und satt und kraftvoll die Klimax zu schmettern.
Auch wird auf „Unseen Color“ nicht an Gastmusikern für Percussions, Violinen, Violas, zusätzlichen Gitarren und einem Cello gespart. Letzteres wird von Raphael Weinroth-Browne gespielt.
Abschließend kann man nur dazu gratulieren, dass MARATON es erneut geschafft haben, dass die Prog-Fans ihr Album mit offenen Armen begrüßt haben. „Unseen Color“ brilliert mit zehn abwechslungsreichen Stücken. MARATON haben an nichts gespart und sind wie gewohnt die „All-in“-Schiene gefahren. Auch in Sachen Mix und Produktion kann man keine Unterschiede zu den Alben der Genregrößen feststellen. Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass sie einen geeigneten Tour-Partner finden, sowie freie Slots inmitten all der vielen Touren anderer Künstler, damit auch ihre europäischen Fans demnächst in den Genuss von Livekonzerten kommen.
Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Wertung: 8.5 / 10

