Als Geigerin von SUBWAY TO SALLY kennt Ally Storch das Leben zwischen Tourbus, Festivalbühnen und Autobahnraststätten. Doch während viele Musiker ihre wildesten Geschichten hinter den Kulissen erleben, findet ein Großteil ihrer persönlichen Abenteuer auf deutschen Bahnsteigen statt. Über Jahre hinweg dokumentierte sie Verspätungen, Streckensperrungen, absurde Durchsagen und skurrile Begegnungen auf Social Media und entwickelte sich damit fast ungewollt zur Chronistin des deutschen Bahnwahnsinns. Aus den gesammelten Erlebnissen ist nun das Buch „Ally fährt Bahn“ entstanden, das irgendwo zwischen Reisetagebuch, Satire und Überlebensratgeber für Bahnreisende angesiedelt ist. Wir sprachen mit Ally über schlechtes Bahn-Karma, Humor als Selbstverteidigung, prominente Leidensgenossen und die Frage, warum manche Zugfahrt chaotischer verläuft als jedes Metal-Festival.

Deine Fans kennen dich als Geigerin bei SUBWAY TO SALLY. Wann hast du gemerkt, dass deine Bahn-Erlebnisse mindestens genauso erzählenswert sind wie deine Tour-Geschichten?
Ich habe über mehrere Jahre meinem Ärger bei Facebook Luft gemacht, habe immer gleich brühwarm vom Bahnsteig oder aus dem Zug berichtet. Und das wurde irgendwann zum „Running Gag“ – die Fans und Freunde fingen an zu kommentieren, ich solle daraus ein Buch und den Führerschein machen.
Die Deutsche Bahn ist für viele eher ein Reizthema. Du hast daraus ein ganzes Buch gemacht. Was war der Moment, in dem aus Frust plötzlich Humor wurde?
Tatsächlich hat man dem Buch am Anfang sehr angemerkt, in welcher Lebensphase ich mich gerade befand. Irgendwann stumpft man tatsächlich ein bisschen ab, zumal die Bahn gefühlt immer chaotischer wird: Die Verspätungen sind inzwischen beinahe Selbstverständlichkeit, Wagennummern und Sitzplätze werden oft nicht mehr richtig angezeigt oder ständig fährt der Zug mit geänderter Wagenreihung. Ich bin nach langen Jahren wieder zu dem Credo zurückgekehrt, mein ganzes Leben nicht so ernst anzuschauen, sondern lieber vieles mit Humor zu nehmen. Und so habe ich im Buch auch der ein oder anderen älteren Geschichte noch ein Augenzwinkern verliehen.
Wenn deine Zugfahrten ein Metal-Genre wären, welches wäre es: Black Metal, Doom oder eher Comedy Metal?
In erster Linie natürlich Comedy Metal. Vielleicht erfinde ich eine neue Spielart dafür: Sarcasm Metal vielleicht.

Gab es eine Fahrt, die so absurd war, dass sie es fast unverändert ins Buch geschafft hätte, weil jede Übertreibung sie schlechter gemacht hätte?
Ich musste tatsächlich nur eine Geschichte übertreiben, bzw. richtig karikieren. Die wohl chaotischste wird die Geschichte sein, bei der ich zu einem Videodreh zur Band XANDRIA wollte, wo hinter Hannover – einem wichtigen Knotenpunkt für die Deutsche Bahn – eine Stellwerksstörung auftrat. Dort ging nichts mehr, für jede nicht funktionierende Verbindung kam eine andere „Ausrede“ per Ansage, auf meiner Strecke wurde ein Halt nach dem anderen weggestrichen und ich musste aus dem Zug springen, um mich nach einer alternativen Lösung umzusehen. Ohne Führerschein. Zufällig war auch noch das ZDF da und machte ein kurzes Interview mit mir.
Du bist als Musikerin viel unterwegs. Wie sehr unterscheidet sich Tour-Life Chaos von Bahn-Alltag Chaos, oder ist das im Kern eigentlich dasselbe nur mit anderem Soundtrack?
Zu meinem Glück reise ich mit einer Band, die gut organisiert ist. Da passieren selten Katastrophen. Aber stimmt, ich bin viele Jahre mit einer Metal Band unterwegs gewesen, bei der ich ähnliches Chaos erlebt habe. Da passt der Vergleich mit dem anderen Soundtrack ganz gut.
Stell dir vor, die Deutsche Bahn würde ein Konzeptalbum veröffentlichen. Welchen Titel hätte es und wer würde es produzieren?
„Lost In Absurdistan“ wäre der Titel. Ich würde es von Simon Michael Schmitt produzieren lassen. Simon ist der Drummer meiner Band, aber auch Produzent für viele Metalbands in und außerhalb unserer Szene. Da er aus Bayern kommt, habe ich in ihm einen Bahn-Leidensgenossen gefunden. Er weiß also nicht nur musikalisch, wovon er spricht.
Hast du beim Schreiben irgendwann gemerkt, dass du ein sehr feines Gespür für Timing und Dramaturgie hast, weil Bahnfahrten genau das ständig liefern oder zerstören?
Interessante Theorie. Oder ich habe in der vielen Wartezeit auf verspätete Züge inzwischen so viele Bücher gelesen, dass mich das günstig geprägt hat. Wahrscheinlich ist es beides.
Gibt es eine Bahnfigur aus deinen Geschichten, die fast schon eine Art wiederkehrender Side Character geworden ist?
Da ich das alles tatsächlich so wie beschrieben erlebt habe, ist mein Sidekick mein Sohn, der manchmal mitkommt. Er gibt mir inzwischen sogar Tipps, wenn wir irgendwo hängenbleiben. Auch er ist also bereits von der Deutschen Bahn geschult und könnte später Berater am Infopoint werden. Ohne Berufsausbildung.
Wie viel Musikerin steckt im Beobachten solcher Situationen: hörst du eher zu, analysierst du oder eskalierst du innerlich schon in Richtung Text?
Alles beginnt mit einer Vorahnung: Ich habe schlechtes Bahn-Karma und es wird wieder irgendetwas sein, wenn ich reise. Dann kommt die Gewissheit und damit die innere Aufregung, der Bluthochdruck, das innere „typisch Deutsche Bahn“-Augenrollen. Dann das retardierende Moment: Holt der Zugführer oder die Zugführerin vielleicht doch noch die verspäteten Minuten auf? Aber dann die Endgültigkeit: Nee, wir kommen viel zu spät. Ich war in meinem früheren Leben einmal Karikaturistin. Nachdem also die Bahn mal wieder diese Oper geschrieben hat, springt in mir die Karikaturistin an, die das anschließend in Worte fasst. Somit eskaliere ich inzwischen recht schnell in Richtung Text.

Deine Social-Media-Posts zu den Bahn-Erlebnissen haben viele Fans erreicht. Was glaubst du, warum dieses Thema so universell funktioniert, sogar über Metal- und Rockgrenzen hinaus?
Gemeinsame Erlebnisse verbinden. Jede reisende Person erlebt meine Geschichten und kann mitempfinden. Und alle fühlen sich in gleicher Weise ohnmächtig, denn die Bahn kontert nur mit „Wir bitten, dies zu entschuldigen.“ Oder mit Keksen und Bonuspunkten.
Dr. Mark Benecke reist ebenfalls sehr viel mit der Bahn und berichtet über Social Media von seinen Erlebnissen, genau wie dein Bandkollege Simon. Habt ihr euch diesbezüglich ausgetauscht? Wenn ja, was hatten sie zu berichten?
Zu Dr. Mark Benecke hatte ich leider noch nie persönlichen Kontakt. Simon hat mir so einige Sachen erzählt, die auch in mein Buch eingeflossen sind. Z.B. dass er auf der Reise im Bordbistro nichts mehr zu essen bekam, obwohl das Personal vollständig zugegen war und vor ihnen noch so einige Kilometer lagen. Deren Schicht war aber bereits beendet und es gab weder einen Personalwechsel – aufgrund der Verspätung des Zuges – noch gab es auf Kulanz wenigstens ein Brötchen auf die Hand. Oder er blieb mit dem Zug im Tunnel stecken, was mir bisher erspart geblieben ist. Im übrigen hat er mir einen herrlichen Gastbeitrag zu meinem Buch beigesteuert. Das war ein Zufall. Er saß auf dem Bahnsteig und wartete auf einen verspäteten Zug. Die Zeit nutzte er dafür, die Abläufe in seinem Studio mit dem Gebaren der Deutschen Bahn zu vergleichen und das ist so lustig geworden, dass ich das unbedingt mit in mein Buch nehmen musste.
Wenn du eine deiner Bahn-Episoden mit einem Song von SUBWAY TO SALLY unterlegen müsstest, welcher würde am besten passen und warum?
„Ausgeträumt“ (Album „Hey!“). Es gab mal einen Moment, wo alle dachten, die Zustände bei der Bahn würden sich noch bessern.

Hat das Schreiben des Buchs deinen Blick auf Reisen insgesamt verändert, wirst du jetzt eher zur Chronistin des Alltags statt nur zur Reisenden?
Das kann man durchaus sagen, dass mein Blick sich verändert hat. Ich werde morgen früh wieder mit der Deutschen Bahn reisen und nehme ein Aufnahmegerät mit, um die Geräusche auf dem Bahnhof einzufangen, schließlich möchte ich meine kommenden Lesungen zu meinem Buch musikalisch untermalen. Es geht also nicht nur um das Reisen an sich.
Auch in anderen Verkehrsmitteln springt mein „Chronistensinn“ sofort an. Ich bin gespannt, welche Reisewege ich in Zukunft finde, denn die Deutsche Bahn, die schon immer unverschämt teuer war und die regelmäßig ihre Preise anhob, hat jetzt noch einmal einen richtig großen Sprung nach oben gemacht mit ihren Entgelten und ich will mir das nicht mehr leisten. Auf alle Fälle arbeitet in mir bereits ein Buch „Ally fährt Bus“.
Nach all den Geschichten im Buch: Gehst du noch entspannt zum Bahnsteig oder hat jeder Zug mittlerweile ein kleines Endboss-Potenzial?
Ich gehe entspannt. Denn ich weiß, wie enorm viel Zeit ich im Vorhinein einplanen muss und ich habe gefühlt bisher alles erlebt, da kann mich kaum noch etwas überraschen.
Aber ich sprach ja vorhin von meinem schlechten Bahn-Karma. Ich werde berichten, ob mich die morgige Bahnfahrt nicht doch noch an eine neue Grenze bringt.
Warum machst du nicht einfach deinen Führerschein?
Das ist mir ehrlich gesagt aktuell zu teuer.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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ich freue mich auf das Buch „Ally fährt Bahn“, als Schweizer kenn ich das nicht, das die Bahn nicht dort ankommt wo sie sollte.