Interview mit V.I.T.R.I.O.L. (Dave Hunt) von Anaal Nathrakh

Dass hinter dem Cover des aktuellen Albums „Desideratum“ mehr steckt als nur ein Kreis, erklärt uns Dave Hunt von ANAAL NATHRAKH im Interview sehr genau, aber nicht nur das: Ihr erfahrt in den folgenden Zeilen außerdem, warum das Duo solange keine Konzerte gab, wie gut die Fernbeziehung von Hunt und Kenney läuft und was Ozzy mit der Birminghamer Metalszene zu tun hat.

ybfageqg

>> Zum Interview im O-Ton …

Anaal-Nathrakh-Vanitas-Large-800x800„Desideratum“ ist erneut ein sehr raues und brutales Album geworden, aber meiner Meinung nach verlor es etwas an der Aufgeräumtheit, an Strukturiertheit, wie sie „Vanitas“ besitzt. Im direkten Vergleich sind beide Alben unterschiedlich: „Vanitas“ hat einen spürbar roten Faden, hingegen „Desideratum“ deutlich chaotischer wirkt. Steckt dahinter eine Absicht?
Seltsam eigentlich, denn ich sehe ich es genau umgekehrt als du. „Desideratum“ wirkt auf mich viel fokussierter. Würdest du sagen, dass diese Aufgeräumtheit eine gute oder eine schlechte Sache war? Es wirkt so, als würdest du das als schlecht empfinden, sonst hättest du gesagt, dass es an Chaos gewonnen anstatt seine Aufgeräumtheit verloren hat. Alles, worum ich mich kümmere, ist, ob ich ein Stück Musik genießen kann, ungeachtet dessen, welche Art des Klanges sie hat oder wie jemand sie vielleicht beschreibt. Also sind sie für mich lediglich verschieden. Aber generell ist unsere Musik ziemlich stark chaotisch, das ist Teil ihrer Intensität. Das ist eine gute Sache, wenn du mich fragst – Intensität ist gut für jede Art von Musik und „Desideratum“ klingt für mich ziemlich intensiv.

Anaal Nathrakh - Desideratum - ArtworkWas zeigt das Artwork des Covers, wer kreierte es und wofür steht der Name „Desideratum“? Warum habt ihr euch für ihn entschieden?
Mick erschuf es, basierend auf Ideen, die ich ihm gab. Wir machen alles selbst, die Aufnahmen, die Produktion und so weiter und das Artwork bildet da keine Ausnahme. Es steht im Zusammenhang mit einem Teil der Idee hinter dem Albumtitel, die Ursprünge des Wortes desideratum. Eine Definition, die ich las, besagt, dass das Wort die Verbindung von de-, welches sowas bedeutet wie „herunter“, und sidere, „Stern“, ist. Ich finde es überzeugend, an etwas wie einen Erwerb zu denken, welcher gewünscht wird ähnlich wie der Fall eines Sterns. In Bezug auf die Dinge, die du dir zutiefst wünschst, ist der Fakt zu nennen, dass deren Erwerb einen elementaren Teil deines persönlichen Firmaments entfernt und der Ausblick somit abimmt. Außerdem ist da noch der Fakt, dass es gefährlich ist, etwas so Kraftvolles in deiner Nähe zu schöpfen, selbst wenn du es als die Zerstörung von dem „ich“ verstehst, welches du zuvor warst. Also basiert die Artwork-Idee auf Sternen, aber auf Sternen, die eine böse Vorahnung zu sein scheinen, Sterne, welche anscheinend eine dunkle Schwere besitzen. Ein desideratum, richtig verstanden, kann bedrohlich und mysteriös sein. Und somit ist das Artwork subtil oder zumindest ist das der Effekt, den wir erreichen wollten. Es ist einfach, aber ich mag diese Art und Weise wirklich sehr, wie es die Ideen dahinter zusammenfassen kann ohne diese zu erklären.

anaal-nathrakh_photo02

Ist das, was ihr privat hört, ausschlaggebend für das Resultat eines Studioaufenthaltes? Werdet ihr von euren aktuellen musikalischen Favoriten tangiert und falls ja, was habt ihr gehört während ihr an „Desideratum“ gearbeitet habt?
Nicht speziell. Wir denken nicht an unsere Musik in Verbund zu anderer Musik, sie existiert in ihrem eigenen Bereich in unseren Köpfen. Abgesehen davon gibt es sicherlich eine unterbewusste Wirkung. Aber es ist sicherlich nicht der Fall, dass wir bewusst durch etwas Besonderes beeinflusst werden. Die meiste Zeit während der Aufnahmen von „Desideratum“, hörte ich Arvo Pärt, also eine Verbindung kann ich da nicht sehen! (lacht) ANAAL NATHRAKH ist eine Funktion eines gewissen Teils unserer Persönlichkeit und dem Inneren unseres Kopfes, als solches ist es ziemlich immun gegen das, was wir hören.

anaal-nathrakh_photo01Einer von euch lebt in Amerika, der andere in England. Wie funktioniert euer Austausch bezüglich neuen Materials, via Internet? Wie oft habt ihr die Möglichkeit zu proben?
Ja, meistens über das Internet. Bezüglich ANAAL NATHRAKH ist das aber nichts, was nicht zuvor schon so war. Wir können in Echtzeit reden, uns Lieder oder was auch immer schicken, es ist genau so wie es war, als Mick einige Meilen entfernt von hier wohnte. In sozialer Hinsicht ist es ganz anders, selbstverständlich, aber in Bezug auf ANAAL NATHRAKH ist es fast wie zuvor. Für die Proben stellen wir nur sicher, dass vor der Show jeder im selben Raum sein kann. Ich kann mit den Jungs proben, die mit uns live spielen, um bereit für den Auftritt zu sein und es ist nicht so, dass Mick viel Zeit benötigt um sicher gehen zu können, dass er die Lieder beherrscht, die er geschrieben hat. Wir gehören nicht zu der Sorte von Bands, welche ihre Songs während des Jammens schreibt, zu proben ist also wirklich nur eine Vorbereitung um eine Live-Show spielen zu können. Das würde bei vielen anderen Bands nicht funktionieren, aber für uns tut es das ganz gut.

anaal-nathrakh_photo03Hattet ihr jemals die Idee, mehr feste Musiker für ANAAL NATHRAKH zu verpflichten oder bist du der Meinung, dass eure Arbeit nur deswegen so gut funktioniert, weil Mick und du seit Jahren ein eingespieltes Team seit?
Nein, wir haben eigentlich niemals daran gedacht weitere feste Mitglieder mit ins Boot zu holen. Um ehrlich zu sein ist es aus unserer Sicht der Dinge eine seltsame Frage – du würdest keine fünfköpfige Band fragen, ob sie noch mehr Mitglieder hinzufügen wollen würden oder ob sie daran dachten, aus ihr ein Duo zu machen. Soweit es uns betrifft, funktioniert das, was wir haben. Jemanden mit in die Band zu holen, würde diese Balance durcheinander bringen und die Dinge ohne erkennbaren Gewinn verkomplizieren. Das bedeutet, dass wir unsere Meinung in Zukunft ändern könnten. Aber in diesem Moment kann ich das nicht absehen.

In welchen Bands oder Projekten seid ihr beide momentan noch aktiv?
Ich singe bei Benediction und Mick hat immer viele Dinge am Laufen. Ich verstehe, dass er in letzter Zeit meistens mit dem Produzieren von Bands beschäftigt ist.

anaal-nathrakh_photo04Warum hat es jahrelang gedauert, ehe ihr euch entschieden habt, Konzerte spielen zu wollen? Standen dem andere berufliche oder persönliche Verpflichtungen im Wege?
Ganz einfach, wir haben einfach nicht daran gedacht es zu machen. Tatsächlich haben wir nicht geglaubt, dass es möglich wäre, besonders wegen dem Schlagzeug. Jetzt existieren mittlerweile viel mehr schnelle Blastbeat-Spieler, aber zu dieser Zeit gab es kaum jemanden, der ein gesamtes Set unserer Songs hätte spielen können. Und wir kannten niemanden von den Leuten, die es hätten schaffen können. Zuletzt dachten wir, dass wir das nie tun würden. Aber wir lagen falsch, denn Nick Barker und Danny Herrera waren gewillt und bereit, dem Ganzen eine Chance zu geben. Als uns das BBC nach einer Live-Session fragte, experimentierten wir damit eine Live-Band mit Barker, Shane Embury und unserem langjährigen Mitarbeiter Ventnor zusammenzustellen. Wir waren begeistert, wie gut das funktionierte und als uns das Terrorizer-Magazin fragte, ob wir eine Show spielen wollen würden, dachten wir, dass wir dazu in der Lage seien. Dieses Mal war Danny am Schlagzeug und erneut waren wir beeindruckt davon, wie gut es lief. Es gibt eine Live-Aufnahme von dieser Show auf, wie ich denke, einer japanischen Version eines unserer älteren Alben. Dann kamen wir überein, dass Steve unser neuer Live-Drummer ist und von da an ging alles seinen Weg. Steve ist unglaublich, aber er besitzt fast gar kein Ego, sodass er nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die ein bekannterer Schlagzeuger erhält. Aber er verdient sie trotzdem.

Warum habt ihr das Label gewechselt und euch für Metal Blade entschieden?
Unser Vertrag mit Candlelight Records lief aus und wir dachten, dass wir uns nach dem umsehen sollten, was es noch so an Möglichkeiten gibt. Nicht wegen negativer Gründe, wir dachten nur, dass es gut sein würde, etwas Neues zu probieren. Wir sprachen mit einigen Labels und Metal Blade schienen die beste Wahl zu sein. Sie sind ziemlich groß, sicherlich größer als die Labels, mit denen wir in der Vergangenheit zusammenarbeiteten, aber gleichzeitig ist Metal Blade noch immer eng mit Musik wie unserer verbunden. Also machte es einfach nur Sinn.

anaal-nathrakh_photo06Ist eine Europa-Tour geplant mit einem Zwischenstopp in Deutschland?
Ja. Wir haben die Termine bisher noch nicht gebucht, aber wir streben etwas im neuen Jahr an und verschiedene Möglichkeiten werden gerade diskutiert. Aber wir planen einige Europa-Auftritte, darunter auch in Deutschland. Und wir werden im nächsten Jahr auf ein paar Festivals spielen, von denen einige in Deutschland stattfinden. Eines davon habe ich vor wenigen Tagen bekannt gegeben. Obwohl ich jetzt noch keine weiteren Informationen geben kann, werden wir hier irgendwo sein.

Ich möchte das Interview mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir ein beim Lesen der folgenden Begriffe:
Birmingham’s Metal-Szene: Napalm Death, selbstverständlich. Ich denke dabei nicht an Bands wie Black Sabbath als tatsächlicher Teil von dem Birmingham wie ich es kenne, da es nicht so ist, dass du mit ihnen hier in Kontakt kommst. Ich würde Ozzy nicht durch die Läden laufen sehen. Aber ich stieß mit Danny von Napalm Death zusammen und einer Menge anderer Leute von lokalen Bands, während ich mit Daz von Benediction am Samstagabend unterwegs war. Das ist die wirkliche Szene von Birmingham für mich.
Misanthropie: Ozymandias. Und die Szene aus „Matrix“, in der Agent Smith Morpheus seine Motivation erklärt während dieser unter Drogen steht.
Schlechtester Song in eurer Discographie: Ich mag alle.
Situation mit Israel und Palästina: Zu kompliziert um es hier zu diskutieren. Ich denke, dass die meisten Menschen dort, die breite Öffentlichkeit, nicht die Politiker oder das Militär, sich nur wünschen, dass sich die Interessenvertreter aus dem Gebiet verpissen. Zu denken, dass es nur eine religiös motivierte Reihe von Fragen ist, ist kindlich-naiv.
Lieblingsalbum für alle Zeit: Die Antwort würde sich ständig ändern. Aktuell würde ich sagen der Soundtrack zu „Der Pianist“. Er wird von den Fans vielleicht nicht als die größte Aufnahme von Chopin gefeiert, aber für mich ist sie es definitiv.

Danke für die Zeit, meine Fragen zu beantworten, wenn du etwas hinzufügen möchtest, gehören die letzten Worte dir!
Danke für die Unterstützung, sowohl an dich persönlich für die Interview-Anfrage als auch an jeden Fan, der es mit dem Lesen bis zu dieser Stelle schaffte!