Interview mit V.I.T.R.I.O.L. von Anaal Nathrakh

ANAAL NATHRAKH sind als Band bekannt, die immer alles gibt: Im Herbst waren sie ohne ihren erkrankten Gitarristen auf Tour und auch auf ihrem letzten Album, „The Whole Of The Law“, machen die Briten keine Kompromisse. Fronter V.I.T.R.I.O.L. über Iron-Maiden-Cover und die Schuld der Wacken-Crew an einem anderen Konzert ohne Irrumator.

Worum geht es auf eurem neuen Album, “The Whole Of The Law”?
Eine bestimmte hysterische Atmosphäre der Gewalt steckt in vielem, was unsere Welt am Laufen hält und ist dabei nichts als eine Umsetzung dessen, wie die Menschen eben so sind. Der Punkt, warum wir dem Aufmerksamkeit schenken, ist, dass das nichts ist, von dem man ständig mitbekommt, dass es da ist – obwohl es unsere Welt formt. Die Bedrohung gegenseitig zugesicherter Zerstörung durch nukleare Waffen, die Art, wie viele Probleme auf der Welt nicht effizienter gelöst werden, weil sich die Interessen der Supermächte entgegenstehen, die sich gegenseitig auf dem Schachbrett globaler Entscheidungen aus Angst vor einem Krieg bekämpfen… Wir haben einen neuen Kalten Krieg. Und auf niedrigerem Level steht hysterische politische Rhetorik an Stelle der Wahrheit – wir sagen zum Beispiel alltäglich so etwas wie “Ich werde ihn töten”, wenn wir sauer sind. Das Gesetz, auch auf dem Level, auf dem wir ihm als Individuen ausgeliefert sind, ist eher durch Macht als durch Überzeugung untermauert und diese Struktur wiederholt sich den ganzen Weg hinauf bis auf das Level, auf dem Staaten miteinander verhandeln. Teilnahmsvolle Gewaltandrohungen sind das ganze Gesetz – daher der Titel „The Whole Of The Law“. Um das klarzustellen: Ich sage nicht, dass ich oder wir das gutheißen oder dass es ist, wie es sein soll. Nur, dass es auf pragmatischem Level so ist. Der Homo Sapiens ist grundsätzlich eine widerliche Spezies.

Wie sind die Reaktionen auf das Album ausgefallen – seid ihr zufrieden mit den Reaktionen von Presse und Fans?
Das muss du sie fragen. Wir suchen nicht nach so etwas. Du könntest das beste Album in der Geschichte veröffentlichen, und es würde sich trotzdem jemand finden, der es scheiße findet – andersherum betrachtet gibt es viele Künstler und Veröffentlichungen, die ich scheiße finde, die andere aber trotzdem abfeiern. Sich darauf zu konzentrieren führt dich also entweder zu einem aufgeblasenen Verständnis deiner eigenen Brillanz, oder in eine Neurose und absolute Verzweiflung. Da ist es besser, sich darauf zu konzentrieren, der Beste zu sein, der du sein kannst.

Das Album klingt etwas vielseitiger als euer letztes. War das eine absichtliche Entwicklung?
Nein. Wir machen einfach, was sich richtig anfühlt, Ende der Geschichte. Wir planen nicht. Alles, was wir machen, ist rein instinktiv. Wir denken natürlich nach und haben unsere Erfahrung, die Musik zu machen, die wir machen, aber worauf wir konkret abzielen ist immer eine Frage danach, was sich richtig anfühlt.

Als Bonus-Material habt ihr zwei Cover-Songs auf das Album gepackt, „Powerslave“ (Iron Maiden) und „Man at C&A“ (The Specials). Warum ausgerechnet diese beiden Stücke?
Das Kerrang-Magazin hat uns gebeten, einen Maiden-Song auszuwählen. Wir fanden die Idee gut, und so haben wir uns “Powerslave” ausgesucht, weil wir dachten, das hier der Stilwechsel gut passen würde. Sonst hätten wir vermutlich keinen Maiden-Song gewählt, das ist für eine Metal-Band etwas arg naheliegend – wir hätten etwas Unerwarteteres und deswegen Interessanteres vorgezogen. Deswegen haben wir noch The Specials gewählt. Die Wahl mag verrückt wirken, aber sie sind ein Teil unseres musikalischen Hintergrundes und der Song, um den es geht, handelt von genau dieser Dummheit, die zu einem Atomkrieg führt und von der Machtlosigkeit von Abschaum wie uns, all das zu beeinflussen. Das kommt unserer Sichtweise auf die Dinge sehr nahe, aber von einem sehr unerwarteten Blickwinkel.

Die Songs klingen jetzt etwas anders als im Original. Habt ihr auch negatives Feedback bekommen?
Etwas? Ich würde sagen, sie klingen mehr als nur etwas anders. Aber nein, wir haben niemanden getroffen, der zu uns gekommen ist, nur um uns zu sagen, dass die Versionen scheiße sind. Um ehrlich zu sein, würde ich aber auch die Motivation von jemandem, der das tun würde, hinterfragen. Warum sollten sie nicht lieber etwas anderes machen, was ihnen Spaß macht?

Als Artwork für das Album habt ihr das Gemälde „Dante and Virgil in Hell“ von William-Adolphe Bouguereau genutzt, das auch Gorgoroth bereits vor zehn Jahren für ihr Album „Ad Majorem Sathanas Gloriam“ verwendet hatten. Warum habt ihr euch auch für dieses Bild entschieden, warum ist es die perfekte Visualisierung für euer Album?
Wir wussten nicht, dass irgendeine andere Band dieses Bild zuvor schon verwendet hatte, aber ich glaube auch nicht, dass das wichtig ist. Um ehrlich zu sein, war ich sehr froh, dass das Bild nur knapp über 110 Jahre alt ist, weil das bedeutet, dass es noch nicht so lang Copyright-frei ist – deswegen dachten wir, dass es noch niemand benutzt hätte. (lacht) Wir wollten das Bild zu einem zeitlosen Monument machen, einem archetypischen Zeugnis der Themen, die ich vorher angesprochen habe, als du nach dem Albumtitel gefragt hast. Natürlich ist es subjektiv, wie die Leute darüber denken, aber ich denke, wie Mick das Bild bearbeitet hat, vervollständigt das. Es ist ein starkes, beeindruckendes Bild mit vielen Denkanstößen, wenn du selbstständig darüber nachdenken willst.

Vor ein paar Monaten habt ihr eine kurze Tour gespielt, die Irrumator aus Krankheitsgründen aussetzen musste. War es das erste Mal, dass ihr ohne ihn gespielt habt?
Nein, nicht das erste Mal. Wir haben Wacken ohne ihn gespielt. Obwohl es in dem Fall nicht wegen einer Krankheit war, sondern weil sie ihn nicht reingelassen haben.

Sie haben ihn nicht reingelassen? Wie ist das zu verstehen?
Wir sind damals separat angereist, weil er damals aus den USA kam und nicht aus den UK. Dann gab es eine hässliche Verzögerung für seinen Flug, so dass er seinen Anschlussflug zum Festival verpasst hat. Also haben wir einen Freund aufgetrieben, der bereit war, ihn von Kopenhagen nach Wacken zu fahren – ein riesiger, riesiger Gefallen, für den wir sehr dankbar waren. Als der Rest von uns dann angekommen war, bin ich herumgelaufen, um die Verantwortlichen am Einlass zu finden, um ihnen zu erklären, dass unser Gitarrist unvermeidbar verspätet ist und dass sie ihn, wenn er kommt, unbedingt so schnell als möglich hineinlassen und zu uns bringen müssen, da er sonst vielleicht die Show verpasst. Das haben sie komplett verstanden und gesagt, sie würden sich darum kümmern. Dann kam er am Festival an, ein paar Minuten, bevor unsere Show beginnen sollte und ich bin mir sicher, du kannst dir schon vorstellen, wie es weitergeht. Sie haben ihn am Eingang so lang festgehalten, dass er tatsächlich erst über eine Stunde, nachdem wir mit unserer Show fertig waren, in die Backstage-Area eingelassen wurde. Nun gut.

Was die aktuellen Shows angeht, war er einfach krank. Natürlich hoffst du, wenn du so etwas machst wie wir, immer, dass du für die Shows gesund bist, und natürlich marschierst du weiter, wenn du dir normalerweise einen Tag frei nehmen würdest, wenn du in einem Büro arbeitest oder dergleichen. Aber er war in diesem Fall einfach zu krank, um die Shows zu spielen, und obwohl das natürlich suboptimal ist, war es keine Option für uns, alle im Stich zu lassen, indem wir es nicht durchziehen.

Wie ist es für euch, ohne ihn aufzutreten – persönlich, aber auch musikalisch? Findest du, eure Musik funktioniert auch mit einer Gitarre?
Es natürlich bei weitem nicht ideal. Aber Scheiße passiert. Manchmal werden Leute Krank, und was machst du dann? Die Show absagen, den Fans gar nichts geben, all das Geld verschwenden, das für Flüge ausgegeben wurde, für Hotels, Essen und so weiter, den lokalen Promotor in die Scheiße reiten und so weiter? Oder machst du das Beste draus? Klar ist es besser, die komplette Band dazuhaben, und ich spiele nicht gerne ohne Mick, auf dem persönlichen Level. Aber ja, ich denke, es kann funktionieren. Vielleicht sind die Leute bei so einer Show etwas verwirrt, aber als ich ihnen erklärt hatte, dass es unvermeidlich war, und wir uns entschieden haben, das durchzuziehen und niemanden im Stich zu lassen, haben sie sehr positiv reagiert. Die Leute sind für gewöhnlich keine Idioten, und sie verstehen, dass Scheiße passiert und wissen es zu schätzen, wenn man sich trotz Rückschlägen reinhängt. Wenn der Orkan dann einschlägt, verlieren sich die meisten Leute sowieso im Moment und werden so oder so mitgerissen. Mir geht es zumindest so.

Auf dem Brutal Assault Open Air habt ihr letztes Mal eine absolut wahnsinnige Performance abgeliefert – spielt ihr lieber auf Festivals oder in Clubs?
Danke, es freut mich, dass dir die Show gefallen hat. Es ist ein cooles Festival, das uns jedes Mal Spaß macht zu spielen. Das selbe gilt für das Obscene Extreme. Was die Debatte Club-Shows gegen Festivals angeht: Es sind einfach zwei unterschiedliche Dinge: Eine gute Club-Show kann eine intimere, intensivere Erfahrung sein, als Festival-Shows für gewöhnlich sind, weil manchmal auf Festivals alles etwas zu weit weg und unpersönlich wirkt. Aber auch Festival-Shows können wirklich gut sein, das hängt oft einfach auch mit dem Bühnenaufbau zusammen und ob die Menge den richtigen Zugang zu extremer Musik findet. Beide Arten von Show können auf ihre Art grandios sein.

Ihr habt für eine lange Zeit eurer Karriere gar keine Shows gespielt, jetzt spielt ihr nicht oft, aber doch kontinuierlich live. Habt ihr euch daran gewöhnt? Bereut ihr, dass ihr nicht früher damit angefangen habt?
Nein, keine Reue. Wir haben gemacht, was sich zu der Zeit richtig angefühlt hat, und das ist alles, was du je tun kannst im Leben. Und nein, wir haben uns immer noch nicht richtig daran gewöhnt. Zumindest ich habe das ganz gewiss nicht. Es ist mir mittlerweile etwas vertrauter, in andere Länder zu reisen und so weiter, aber es fühlt sich ganz sicher nicht normal an. Ich denke, es wäre ein Zeichen von Arroganz, wenn sich das normal anfühlen würde, und so sind wir als Leute nicht. Ich scheiße mich vor jeder Show ein, und nach jeder Show bin ich erschöpft und weiß nicht, wie ich das ganze am nächsten Tag nochmal hinbekommen soll. Das heißt, es ist alles eine sehr stressige Angelegenheit, aber das bedeutet auch, dass es sich sehr real anfühlt. Das ist nichts, worüber wir uns je erlauben würden, gleichgültig zu denken. Die Fans, die kommen, um uns zu sehen, verdienen mehr als das, und das ist, was wir ihnen bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten zu geben versuchen.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten – zum Abschluss ein Brainstorming:
Donald Trump: Ein Demagoge mit starken neofaschistischen Tendenzen. Aber immerhin ist er kein klassischer Neoliberaler. Was geschehen ist, ist geschehen, alles was bleibt ist die Hoffnung auf das Beste.
Deutschland: Von außen betrachtet eines der vernünftigeren Länder um dort im Moment zu wohnen. Ich habe so viel Zeit in Deutschland verbracht, dass es sich nicht wirklich für eine kurze Meinungsäußerung eignet, außer, dass ich dem Land generell wohlwollend gestimmt bin. Es fühlt sich normal an.
Gorgoroth: Eine Landschaft bei Tolkien. Ich lebe ungefähr eine Meile von einem der Orte, die als Inspiration für Teile von Mittelerde gedient haben. Was die Band angeht, haben wir beide Gefallen an den frühen Sachen von ihnen gefunden, aber seit Jahren nichts mehr gehört. Insofern kann ich das nicht wirklich kommentieren.
Brexit: Ähnlich wie bei Trump. Eine Katastrophe, vermutlich in vielerlei Hinsicht. Aber ein heftiger Schlag für eine Klasse, die von der Weltsicht getrieben ist, dass das gemeine Volk vor allem dafür da ist, die Dinge vorbehaltlos abzunicken und für Geld gefickt zu werden. In diesem Sinne wird vielleicht etwas Gutes dabei herauskommen. Ich zweifle trotzdem daran.
Iron Maiden: Eine legendäre Institution.
Dein Lieblingsalbum 2016: Nach dem, was mir im Kopf geblieben ist, “Grey Tickles, Black Pressure” von John Grant. Bezüglich Zeug, das für Leute, die Metal1.info lesen, von Relevanz ist, “Colored Sands” von Gorguts. Keine von beiden kam 2016 heraus, aber ich bin erst kürzlich darauf gestoßen. Die Neue Gorguts muss ich mir tatsächlich noch holen. Außerdem freue ich mich auf die Neue von Broken Note, die hoffentlich 2017 erscheint – der neue Song, den ich gehört habe, war großartig!
ANAAL NATHRAKH in zehn Jahrne: Keine Ahnung. Ich hätte, was das angeht, aber nie eine Ahnung, egal, wann du mich das gefragt hättest. Ich kann mir die Zukunft nicht wirklich vorstellen.

Die letzten Worte gehören dir:
Danke für euren Support. Ich hoffe, meine Antworten waren nicht langweilig.