Interview mit V.I.T.R.I.O.L. (Dave Hunt) von Anaal Nathrakh

Read the English version

Mit „A New Kind Of Horror“ hat das britische Duo ANAAL NATHRAKH ein spektakuläres Album veröffentlicht, mit dem sie nach einigen Jahren des Auf-der-Stelle-Tretens neue Maßstäbe im Extreme-Metal gesetzt haben. Sänger Dave Hunt erklärt, auf welchen Horror sich der Titel bezieht, was King Diamond mit ANAAL NATHRAKH zu tun hat und was er vom Brexit hält.

Euer neues Album trägt den Titel “A New Kind Of Horror” – bezieht sich dieser Titel auf den in einigen Aspekten „erneuerten“ Stil eurer Musik?
Das war nicht die Absicht, aber man kann es durchaus so sehen, wenn man will.  Es war eher eine Aussage über die Art und Weise, wie sich die Welt entwickelt.  Es gibt immer eine neue Art von Horror, oft in irgendeiner Weise auf einem Niveau, das vorher ungeahnt oder – genauso entscheidend – unrealisiert war.  Von den ewig eskalierenden Schrecken der Kriege im Laufe der Geschichte bis hin zu den schockierenden Erkenntnissen, die uns durch Dinge wie das Milgram-Experiment oder die Ereignisse während der Inquisition oder bei S-21 oder Abu Ghraib gebracht wurden.  Erst kürzlich wurde der Welt eine neue Entwicklungsstufe der ICBM-Technologie [Interkontinentalraketen (englisch: Intercontinental Ballistic Missile)] vorgestellt und wir haben noch keine Ahnung von den Dingen, die vor der Tür stehen.  Philippa Foots Trolley-Problem ist berühmt und wird heute noch immer diskutiert und diskutiert, aber wir wissen nicht einmal, wie wir es im Kontext von fahrerlosen Autos anwenden sollen.  Also, was zum Teufel werden wir als nächstes machen?  Insofern: Ja, man kann das “neuartig” so lesen, dass es sich auf die Musik im stilistischen Sinne bezieht, aber das ist nicht unbedingt der Hintergedanke für den Titel gewesen.

Das Album ist merklich anders als die Vorgänger. War das ein konkreter Ansatz, diesmal etwas Neues zu machen?
Lass uns etwas Neues machen, ja, natürlich.  Aber wir haben nicht versucht, uns von anderen Alben zu distanzieren, die wir gemacht haben.  „A New Kind of Horror“ steht für sich selbst, wir hatten nicht das Ziel, es genau so zu machen, wie es ist oder anders als alles andere.  Aber wir entwickeln uns natürlich mit der Zeit weiter, und damit auch die Musik.

Diese Entwicklung verjüngt ANAAL NATHRAKH wirklich – die letzten Alben waren musikalisch etwas zu nahe beieinander, finde ich. Würdest du das unterschreiben?
Wenn du denkst, dass es eine Verjüngung ist, dann ist das großartig, und ja, wir spüren genau das selbst. Aber nein, ich würde bezüglich unserer letzten Alben nicht zustimmen. Und ich bin mir nicht sicher, ob viele Leute deine Meinung teilen.  Aber es ist quasi unmöglich, das zu wissen, da es sich um eine so subjektive Sache handelt, und jeder schätzt etwas anderes an dieser Musik. Wenn ich zum Beispiel vermeintlich neuen Metal höre, höre ich da oft nur Elemente von alten Morbid Angel oder At The Gates oder Entombed oder Slayer oder was auch immer. Und dann bin ich etwas enttäuscht, weil es für mich nicht neu ist. Weil mein Hintergrund als Zuhörer diese Parallelen ausfindig macht, aber auch, weil mein Musikgeschmack durch das, was ich als Teenager gehört habe, geprägt wurde, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist. Aber es gibt viele Leute, die noch nie etwas von diesen Bands gehört haben und für die das neue Zeug unglaublich aufregend ist.  Sie sehen darin etwas Neues, das für mich nicht immer offensichtlich ist, zumindest nicht gleich. Deswegen ist ihre Erfahrung aber nicht weniger richtig als meine. Das Fazit ist: Nein, ich denke, dass die letzten Alben, die wir gemacht haben, beide sehr stark und auch sehr verschieden voneinander waren.  Es ist nicht falsch, dem nicht zuzustimmen, aber für mich ist das ganz offensichtlich der Fall.  Jeder Mensch ist anders.

Diesmal hast du einige verrückte Experimente beim Gesang gewagt – sehr erfolgreich übrigens. Was hat dich inspiriert, diese Art von Powermetal-inspiriertem Gesang auszuprobieren?
Danke! Es freut mich, dass dir die Mischung der Stile gefallen hat.  Wir haben das eigentlich seit unseren Demos gemacht, aber es kommt mir oft so vor, als hätten die Leute es nur bei unseren neueren Sachen bemerkt.  Egal, solange es gut klingt, bin ich froh!  Die Grundidee war, frei zu sein, alles zu tun, was sich richtig anfühlt, um auf das Musikstück zu reagieren, über das man singt.  Ich bin wohl ein wenig wie ein Chamäleon und es gibt viele verschiedene Ideen und Dinge, die bestimmte Teile der Musik inspirieren, so dass das Endergebnis oft sehr vielfältig ist.  Das ist cool, zumindest für uns. Das ist etwas, das wir beide an den King-Diamond-Klassikern schätzen – sie waren schon alt, als wir sie kennengelernt haben, aber die Art und Weise, wie er die ganze Zeit verschiedene Gesangsstile einsetzte, wirkte auf uns frisch und innovativ. Hör dir einfach mal “Abigail” an und du wirst es selbst merken. Ich will damit nicht sagen, dass wir seinen Ansatz kopieren, aber wir teilen ihn in gewissem Maße.  Es ist das, was sich für uns richtig anfühlt. Und das ist immer, was uns leitet.

Ganz allgemein ist das Album vielfältiger als das davor – ist das einfach so gekommen oder war es beabsichtigt?
Es ist, wie ich gerade gesagt habe: Wir machen, was sich richtig anfühlt.  Also nein, das ist nichts, was wir geplant hätten. Denn wenn wir es geplant hätten, hätte das unsere Herangehensweise an das Album fast paradoxerweise eingeschränkt. Und wir lassen uns nicht einschränken.  Aber es ist auch nicht überraschend – unsere Alben enthalten in der Regel eine ganze Reihe von Stilen und Stimmungen.  Es geht darum, eine Fülle von Ideen und Gefühlen herauszulassen.

Was gefällt dir an diesem Album am besten, warum denkst du, es ist die bisher beste ANAAL-NATHRAKH-Veröffentlichung?
Wir sind zu nah dran, um einzelne Aspekte als favorisiert hervorzuheben. Das Album ist für uns eine Einheit. Und es ist das Beste, das wir je gemacht haben, weil es uns am besten gefällt. Das ist nichts, was man mit einer Skala bewerten kann, oder für das wir uns rechtfertigen würden, als wäre es eine Behauptung oder als gäbe es einen Kläger. Es geht um das Gefühl und für uns fühlt es sich wie das Dynamischste, Eindringlichste und Spannendste an, was wir je geschrieben haben.

Seid ihr selbst mit dem Ergebnis rundum zufrieden?
Ja und nein.  Ja, weil wir es geschaffen haben, und wir dafür verantwortlich sind, dass es so ist, wie wir es wollten.  Aber nein, denn wenn man so etwas macht, wird es immer etwas Kleines geben, von dem man später merkt, dass man es noch hätte ändern können.  Aber das liegt nur daran, dass du so nah dran bist. Die Kunst ist nicht, Dinge zu entdecken, an denen man noch herumbasteln kann, sondern zu wissen, wann man aufhören muss.

Und seid ihr mit dem bisherigen Feedback zufrieden?
Es gab es ein paar 10/10 Rezensionen und dergleichen, aber offensichtlich sind die auch nicht die ganze Geschichte – so funktioniert es nicht.  Wir versuchen, dem nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn es hilft aus Künstlersicht nicht: Entweder du siehst großartige Rezensionen und denkst, dass du etwas ganz besonderes bist, was nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass du eingebildet wirst und ein Opfer deiner Hybris. Oder du liest schlechte Kritiken und denkst, dass du Scheiße bist, obwohl in Wirklichkeit der einzige Weg, künstlerisch wertvolle Arbeit zu leisten, darin besteht, deiner eigenen Vision zu folgen und es die Leute selbst nachfühlen zu lassen. Aus Bandsicht ist Feedback deshalb am besten als wenig beachtenswert zu betrachten. Für andere ist es aus vielen Gründen nützlich, aber man selbst sollte nicht zu viel darüber nachdenken.

Worum geht es auf dem Album textlich?
Diese Frage ist etwas zu vage: Es gibt viele Dinge, die in den Texten thematisiert warden. Das ist ein Grund, warum wir einige Ideen in den  Liner Notes erklären, die man dazubekommt, wenn man sich das Album kauft. Zu Beginn des Interviews habe ich ja schon einige der Themen erwähnt. Aber Gedichte aus dem Ersten Weltkrieg von Leuten wie Wilfred Owen hatten großen Einfluss auf die Texte. Und Kunst von Leuten wie Otto Dix.

Und wie wichtig sind die Texte im Gesamtkonzept?
Wie wichtig die Texte für das Konzept sind? Ich bin mir nicht sicher, ob man mit einer solchen Musik wirklich ein Konzept haben kann, das die Texte nicht mit einbezieht – zumindest, wenn der Gesang etwas ausdrücken soll. Und sonst ware ja jedes extreme Metal-Album konzeptionell einfach nur verschieden emotional reflektiertes, sich wiederholendes Geprügel. Vielleicht stimmt das auch nicht, vielleicht steckt auch mehr Leben in der Musik.  Eigentlich ist das oft der Fall.  Aber sicherlich ist zumindest bei uns, über ein generelles Gefühl hinaus das Konzeot wohl in den Texten am offensichtlichsten, obwohl sie auch nur ein Teil des Pakets und der Gesamtstimmung der Musik sind.  Texte sollten der Musik etwas hinzufügen, das ohne sie nicht möglich wäre, oder warum sollte man sich sonst die Mühe machen?  Und wenn es nur darum geht, etwas auszudrücken, das für den Zuhörer zwar unverständlich ist, das aber den Antrieb für die emotionale oder ausdrucksstarke Performance liefert, die der dann Zuhörer erlebt.

Warum ist das Artwork die perfekte Visualisierung für dieses Album, wo ist der Link zu Texten oder Titeln?
Das Kunstwerk zeigt Mars, den alten Kriegsgott, der Gas über ein Schlachtfeld aus der Zeit des Ersten Weltkriegs treibt, während im Hintergrund moderne Nuklarraketen herunterregnen. Das greift eine Reihe der kriegsbezogenen Themen auf.  Und das alles in stimmungsvollen, giftigen, dunkelgrünen und schwarzen Farben.  Ich denke, das stellt eine ausreichende Verbindung zur Musik und zur Stimmung des Albums her, und zu einigen der Dinge, die in den Texten vor sich gehen.  Obwohl du wahrscheinlich mehr davon hast, wenn du selbst ein wenig darüber nachdenkst.  Es gibt auf dem Album mehr als nur diese Atmosphäre. Aber ein gutes Album-Cover setzt das Gesamterlebnis eines Albums in einen Kontext, und ich denke, das tut es.

Und last but not least: Wann können wir dich wieder auf deutschen Bühnen erwarten, um „A New Kind Of Horror“ live zu bewerben?
Wir haben vor ein paar Wochen bei Party-San gespielt und wir werden im November wieder kurz in Deutschland sein. Hoffentlich haben wir danach die Chance, im nächsten Jahr noch andere Teile des Landes zu erreichen. Wir haben viel mit unseren Bookern an Shows in diesem und im nächsten Jahr gearbeitet und werden bald mehr verkünden können. Leider funktionieren die Verträge oft so, dass man nicht darüber sprechen kann, was gerade passiert. Frustrierend, aber das ist ein guter Grund dafür, Booker zu haben, die diese Dinge klären! Ich betrachte Auftritte aber nicht als Werbung für unsere Alben – das scheint mir eine zynische und auch von der Zeit überholte Sichtweise zu sein, da der Verkauf von Alben nicht mehr so im Vordergrund steht, wie es vor 20 Jahren der Fall war. Ich betrachte Shows als Ereignisse, die für sich selbst stehen.

Zum Abschluss noch eine Frage zu BENEDICTION: Mit Dan Bate habt ihr einen neuen Bassisten in euren Reihen – ist das ein Hinweis darauf, dass wir auch bald neue Musik erwarten können?
Ja, wir schreiben sehr eifrig an dem neuen Album.  Wir haben diesen Sommer auf dem With Full Force zum ersten Mal ein paar brandneue Songs gespielt und wir haben einen neuen Track, der bald auf einer Nuclear-Blast-Compilation erscheinen wird.  Ich will keine voreiligen Versprechungen machen, weil der Veröffentlichungstermin noch nicht feststeht, aber endlich passiert es wirklich!  Wir haben ein wirklich gutes Gefühl, was das neue Material angeht, und ich werde mich später in dieser Woche mit Daz und Rewy treffen, um etwas von dem Material und den Ideen, die wir als Demos aufgenommen haben, durchzuspechen. Das ist alles ziemlich aufregend!

Lass uns das Interview mit einem kurzen Brainstorming abschließen:
Cancer:
  Eine Band, die ich mochte, als ich mich zum ersten Mal mit dem “richtigen” Heavy Metal auseinandergesetzt habe, den ich seltsamerweise mit Deutschland verbinde. Ich war während meiner Schulzeit auf einem Schüleraustausch in Hamburg und eines der deutschen Kinder spielte mir eine Kassette mit Dead Shall Rise vor, was eine meiner ersten Metal-Erfahrungen war.  Und Jahre später habe ich in Deutschland mit BENEDICTION eine Bühne mit ihnen geteilt.
Brexit:  Fick den Brexit. Und fick die abscheulichen Arschlöcher, die sich durch die Kampagne dazu gelogen und betrogen haben und gutgläubige Truthähne davon überzeugt haben, für Weihnachten zu stimmen. Der Brexit ist eine schlimme Krankheit, unter der die konservative Partei seit Jahrzehnten leidet … und jetzt haben sie ein ganzes Land infiziert.  Im Namen der „Demokratie“ wurde die Demokratie im Vereinigten Königreich ausgesetzt.  So ernst ist die Lage.
Chöre: “Carols from King’s” an Weihnachten – eine seltsame, schmerzhafte bürgerliche Tradition, von der ich erst vor ein paar Jahren gehört habe, die aber zu Weihnachten irgendwie angemessen erscheint, auch wenn ich es eigentlich ablehne. Und die Tatsache, dass ich in einem Schulchor war, der von einem Lehrer geleitet wurde, der Jahre später wegen Pädophilie verurteilt wurde. Ich war nie betroffen und war eigentlich schockiert zu hören, dass es passiert war, aber es ist immer noch eine seltsame Kombination von Erinnerungen und Gedanken.
Eine Band, noch extremer als ANAAL NATHRAKH: Skullflower („Fucked On A Pile Of Corpses“).  Consumer Electronics („Estuary English“). Masonna (alles, aber ich mag „Frequency LSD“).
Theresa May: Eine unbeholfene, verfluchte Vogelscheuche.  Auf der einen Seite tut sie mir fast leid.  Dann erinnere ich mich wieder daran, wie sehr ich sie verachte.  Alles, was sie tun kann, ist, vor den Bastarden zu katzbuckeln und sich um ihrer selbst willen an die Macht zu klammern, zum großen Nachteil des Landes.
Dein derzeitiges Lieblingsalbum:  Wahrscheinlich das neue Aphex-Twin-Album, „Collapse“.
ANAAL NATHRAKH in 10 Jahren:  Älter. Nicht klüger.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

Geschrieben am

Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: