Interview mit Markus Grosskopf von Helloween

Wenn es auch aufgrund zahlreicher Komplikationen beinahe nie zustande gekommen wäre, gelang es uns, während der Tour mit HELLOWEEN-Bassist Markus Großkopf ein paar Worte über das aktuelle Album „7 Sinners“, Fremdbestimmung und noch zu erreichende Ziele zu wechseln.

Moin Markus! Wie geht’s euch? Es gab ja ein paar Pannen auf der Tour, mit der Stimmbandentzündung…
Jo, ist wieder in Ordnung, hoffe ich. Heute der erste Gig – wenn noch was Schlimmes wäre, hätte ich das schon gehört. Komme auch gerade von zu Hause, sind ja in Hamburg! (lacht) Wir sind in Skandinavien unterwegs gewesen seit November, dann haben wir ein bisschen Europa gemacht. Irgendwie hat’s da in Skandinavien schon gehüstelt und dann war nichts mehr zu retten.

Dann war da noch was in der Slowakei mit einer halbfertigen Halle? Oder habt ihr das selbst gar nicht gesehen?
Doch, wir waren da. Da haben wir gesagt, das ist uns zu gefährlich. 1800 gingen da rein, 1900 Tickets waren verkauft und weitere 700-800 Leute standen draußen. Das war eine Sporthalle, wenn man reinkam war da nur eine hüfthohe Barriere aber keine Türen. Das heißt, wenn da was passiert und es sind irgendwie tausend Leute mehr drin als erlaubt, dann gibt es nur den einen Ausgang plus diese Barriere, wo natürlich alle rüberstolpern – da hatten wir keinen Bock drauf. Da haben wir die örtliche Polizei gefragt wie das aussieht, wenn da 800 Fans vor der Tür Rabatz machen und nicht mehr reinkommen. Die Polizei sagte, das können sie gar nicht bewältigen und würden gar nicht erst vorbeikommen. Da haben wir gesagt – nee, das Risiko übernehmen wir nicht und fahren gleich weiter zum nächsten Auftritt.
Das holen wir mal nach, wenn eine vernünftige Halle gebucht wird. Sowas endet nicht gut, wir haben uns die Halle ja angeguckt. Da war wirklich nur ein kleiner Ausgang beim Backstage. In den Zuschauerraum kamen die Leute auch erst über diese hüfthohe Barriere, wenn da drei Leute hinfallen… dafür wollten wir echt keine Verantwortung übernehmen. Da haben wir uns vom Acker gemacht – tut uns auch leid, aber das soll anständig gemacht werden. Wir spielen da gerne, die Karten bleiben auch gültig, aber wenn was passiert und man einen Schuldigen sucht – das sind dann wir.

Wie zufrieden seid ihr mit den Rückmeldungen zu „7 Sinners“?
Ja, gut! Die Leute finden das ziemlich geil, ist ja auch ’ne kräftige Scheibe, und da haben sie Bock drauf und auch drauf gewartet: „Wahrscheinlich hat’s die „Unarmed“ gebraucht, damit sie so’n Album machen.“ (lacht)

Ja, das passt. Die Charterfolge sind ja auch ziemlich amtlich… gibt euch das was?
Joa, wenn du als Metalband ’ne Woche mal drin bist, ist das ja schon gut. Dann kommt da so’n Maffay oder ’ne Lady Gaga und bums, biste wieder weg. Die halten sich ja auch ein paar Wochen länger als du selbst. Charteinstiege sind gut, das ist nett, aber als Metalband wirst du damit nichts bewegen, das tust du nur, wenn du wochenlang drin bist oder wie Led Zeppelin jahre- oder jahrzehntelang. (lacht) Wenn du aber nach ein, zwei Wochen wieder draußen bist, hast du viele Wellen im Wasserglas nicht geschlagen. Trotzdem ist es nett.

Auf dem Album wurde jeder Titel und auch die Texte dazu komplett von einem Bandmitglied geschrieben. Braucht ihr keine Synergien mehr?
Naja, in dem Moment, wo wir so weit auseinander gezogen und auf dem Erdball verteilt sind, ist das nicht so mit „komm mal rüber und mach mal kurz in Riff“.

Wo steckt ihr jetzt alle?
Zwei leben auf Teneriffa, einer in Berlin, einer am Bodensee, ich in Hamburg. Da ist das schon schwieriger sich spontan auseinander zu setzen. Wir senden Files hin und her und da gibt der ein oder andere schon seinen Kram dazu und wenn Andi einsingt, haut er die Texte nach seiner Schnauze ein bisschen zurecht – genau wie mit den Gitarristen und dem Schlagzeuger. Aber es hat sich herausgestellt, das funktioniert und dann hast du einen geilen Titel. Wir haben nicht gesagt: Wir machen’s so. Wir haben unsere Demos abgegeben und die Arbeitsweise hat sich so herauskristallisiert.

Hat sich irgendjemand ernsthaft positiv dazu geäußert, dass ihr den Kammerton auf 432 Hz statt der üblichen 440 Hz festgelegt habt?
(lacht) Nö, noch keiner. Wenn, dann hat nur jemand nachgefragt, weil wir es mal gesagt haben. Das war ja auch nicht so ’ne ernste große Sache, wir haben das mal probiert und geguckt was passiert, war mehr aus Bock. Du hörst es im Grunde nur auf einem Sampler, wo du sechs Songs so hörst, dann unseren dazwischen, dann wieder vier andere – da hörst du, dass es einen Tick anders ist. Sonst hörst du das so nicht raus. Das war so’n kleines Experiment.

Diese Frage wird dich wahrscheinlich nicht richtig erreichen, aber ist „Who’s Mr. Madman“ eine bewusste Anlehnung an 90er-Jahre-Eurodance? Das wirkt im Refrain total so.
(überrascht) Ist das so?

Ja, „Coco Jambo“ zum Beispiel!
(lacht laut) Kann sein, aber bewusst ist das auf keinen Fall. Sascha hat den Titel gemacht. Das ist natürlich eine bewusste Anlehnung an „Perfect Gentleman“, aber dass das so ’ne Jambo-Dance-Geschichte ist…

…musst du dir mal anhören, direkt nacheinander!
Joa, kann natürlich sein… Ace Of Base oder sowas? (lacht) Wo du das sagst, von der Melodie her, die haben sowas Ähnliches. Ist mir selber gar nicht aufgefallen. Aber bewusst ist das natürlich nicht, ich glaube nicht, dass er [Sascha] sich so’n Titel nimmt… wobei, manche Helloween-Titel kannst du nehmen und einen Schlager draus machen.

Das habt ihr ja durchaus selbst versucht. Bei „Who’s Mr. Madman“ kommt erneut Saxons Biff Byford zum Einsatz. Wollt ihr den noch als Bandmitglied einstellen?
(lacht) Nö, aber das ist witzig, der macht immer mal was. Bei uns mag er nicht singen, bei uns kann er ’n bisschen labern.

Will er nicht singen? Habt ihr ihn schonmal gefragt?
Nee, haben wir noch nicht, deswegen spricht er ja bisher nur. (lacht) Er würde sicherlich auch singen, wenn man ihn fragt.

Er kann ja auch Dudelsack spielen…
Kann er?

Ja, habe ich bei Wikipedia gelesen.
Warum nicht? Das nächste Intro singt er oder trötet er.

Die Texte von „7 Sinners“ sind nicht so straff an den namensgebenden Todsünden ausgerichtet. Ist das überhaupt ein Konzeptalbum?
Nee nee, das ist absolut kein Konzeptalbum. Das bezieht sich auf den Song und der Name ist halt ganz cool und so mit dem Cover… aber das ist nicht wie „Time Of The Oath“ und schon gar nicht wie die „Keeper“-Scheiben. So will man das gar nicht verstanden wissen.

Wie schon bei „Gambling With The Devil“ geht die Gesamttendenz zu deutlich mehr Härte, Melancholie und weniger „Happy Metal“. Kann man sagen, dass „The Dark Ride“, womit das angefangen hat, einflussreicher war als zunächst gedacht?
Das glaube ich nicht. „The Dark Ride“ ist ein bisschen konstruiert gewesen von Leuten, die damals um die Band herum gewesen sind mit dem Management, die gesagt haben „Macht das doch mal.“ und „Ihr müsst mal hier und da…“

Es war gar nicht eure eigene Idee?
Nicht unbedingt, deswegen finde ich das ein bisschen konstruiert und zu ausgearbeitet. Dann kam ja auch Roy Z, der war zwar ok und nett und hat gute Sachen gemacht, aber er war gebrieft worden die Scheibe in eine gewisse Richtung zu lenken. Das kam nicht alles nur von uns. Ich finde die Scheibe ganz ok, sind geile Songs drauf, aber die ist nicht so natürlich entstanden, wenn du mich fragst.
Bei „7 Sinners“, da kamen die ersten Demos auf den Tisch – das waren „Where The Sinners Go“ und „Are You Metal?“ – da haben wir gesagt: Alles klar, wenn das ’ne Marschrichtung ist, dann lassen wir’s so und wunderbar. Dann haben wir die anderen Titel gehört und gesagt, das ist doch ganz geil. Deswegen denke ich, ist das mehr so ein natürlich geborenes Album.

Wenn man sich die letzten zehn Jahre anhört, kann man denken, dass „Rabbit Don’t Come Easy“ ein Ausrutscher war.
Fand ich nicht. Ein Ausrutscher… jede Helloween-Scheibe ist ja irgendwie anders. Die aktuelle Scheibe, da ist nicht so viel Humor drin bis auf hier und da und Mr. Madman. Andere Platten haben halt mehr Humor, einen Ausrutscher würde ich das nicht nennen. Das gehört zu Helloween, dass Scheiben mal anders werden. Besser als sich vorwerfen zu lassen: „Fällt euch denn nichts Neues mehr ein?“

Schöne Überleitung: Mit dem so genannten Best-Of „Unarmed“ habt ihr euch ja ziemlich selbst auf die Schippe genommen. Die Kritiken sind aber ja sehr durchwachsen. Würdet ihr sowas gnadenlos nochmal machen, wenn ihr wieder davor stündet?
Natürlich, sonst würde ich mir selber in die Augen gucken können, wenn ich sage „Oh, die Kritiken waren aber schlecht.“ Dann bist du ’ne feige Sau, dazu musst du dann auch stehen. Das war sowieso von vornherein klar, wenn wir sowas machen, dass wir dann links und rechts einen an den Latz kriegen. Die Kunst ist, dazu zu stehen, das zu machen und den Arsch nicht zuzukneifen. Wir wollten den Leuten was Neues liefern und nicht nur was Remastern, so kurz am Regler, oder Remixen, kurz an drei Reglern, und dann den ganzen Plumperquatsch, den die Leute eh schon in den Regalen haben mit ein paar mehr Höhen oder einen Tick lauter…

… oder mit 432 Hz…
Das kannste nicht mal eben so machen. Wir wollten was ganz Neues machen und das haben wir getan, ich würd’s genau so nochmal machen. Das war ja keine neue Marschrichtung, sondern eine Idee zum 25. Dass es manchen Leuten nicht gefällt, ist klar, aber mir auch scheißegal, die müssen’s ja nicht kaufen. Auch als Musiker, der sonst immer Metal spielt, konntest du dich mal in andere Sphären begeben, ganz anders spielen und mit anderen Leuten arbeiten. Das muss man einem Musiker, der 25 Jahre Musik macht, auch mal zugestehen!

Kommen wir zur Tour. Nach der großen „Hellish Rock“-Tour mit Gamma Ray vor drei Jahren geht es jetzt mit Stratovarius um die ganze Welt. Jetzt aber gibt es ein paar mehr Termine in Deutschland und auch Hamburg lasst ihr nicht aus. Was hattet ihr euch dabei gedacht, bei der „Hellish Rock“-Tour nicht in Hamburg zu spielen?
Weiß nicht, da gab’s irgendwie Stress mit Angeboten und dies und jenes, ach, finanzielle Geschichten und was weiß ich. Ich hätte gerne in Hamburg gespielt aber irgendwas war da, dass das nicht ging.

Habt ihr gesagt: „Jetzt auf jeden Fall!“?
Nee, diesmal ging’s irgendwie, diesmal hatten wir keinen Stress und es hat alles funktioniert. Wenn’s klappt, machen wir das, aber wir machen uns nicht zum Idioten bloß um irgendwo zu spielen, weil’s „sein sollte“. Das muss sich lohnen und rechnen.

Ihr führt jetzt einen „Dr. Stein“-Contest durch, bei dem ihr die besten Kostümierungen prämiert. Die Leute kommen auf die Bühne, kriegen die noch was?
Die kriegen einen Bühnenauftritt, dann können sie Star sein für fünf Minuten. (lacht)

Wie ist die Idee entstanden?
Die kam von Jan vom Management, der hatte die Idee, dass wir diesmal den Contest machen. Die fünf besten werden am Merchandise rausgepickt, dann kriegen sie Pässe, dann werden sie nachher abgeholt von einem „nüchternen“ Bühnenmitarbeiter (lacht), der sie dann auf die Bühne führt. Gucken wir mal, ob welche auftauchen.

Auch mit dem Video im Zuge der „Unarmed“ besinnt ihr euch auf Dr. Stein zurück…
Da spielte auch die Plattenfirma mit, hat gesagt, lass uns das nochmal machen. Da sind ja in dem Sinne eh keine neuen Titel drauf, da hättest du bei jedem fragen können „Wie kamt ihr drauf?“. „Dr. Stein“ war damals der Hit, da haben die gesagt „Ok, lasst den doch nochmal in einem ganz anderen Gewand raus.“ Fanden die witzig, wir hatten auch nix dagegen.

Wo siehst du persönlich HELLOWEEN in den nächsten 25 Jahren?
Jetzt, wo es keine Zivildienstleistenden mehr gibt, müssen wir uns teure Pfleger besorgen. (lacht) Nee, wo sehe ich uns? Ich denke mittlerweile nicht mehr in 25 Jahren, ich denke mehr so in Zehnern. Wo sehe ich uns? Ich sehe uns Wacken headlinen, Masters Of Rock headlinen… (lacht)

Ihr habt noch Ziele, die ihr noch erreichen wollt…
Ja, warum nicht? Das wäre das nächste Level irgendwann mal. Da gibt es noch viel, guck mal, jetzt spielen wir das erste Mal in China. Wer weiß, wann wir das erste Mal in Südafrika spielen, da gibt’s auch noch einige Gigs, wie ich von anderen Bands weiß. Blind Guardian waren schonmal da. Man kann immer nochmal ein paar Orte finden, wo man noch nicht war. Dann gibt’s noch ein paar Festivals zu knacken… ich möchte persönlich mal Leiche in der „Lindenstraße“ sein. (lacht)

„Are You Metal?“ ist trotz der Frage ja ein eindeutiges Bekenntnis…
Es ist ein Statement, ja.

Wer geht selbst noch auf Konzerte von euch?
Joa, ich war gestern bei Accept und das war arschgeil. Da habe ich gedacht: Das machst du morgen auch.

Also noch Vollblutmetaller…
Ich gehe oft auf Konzerte in Hamburg, natürlich nicht immer, und viele meiner Lieblingsbands und -leute sind ja auch schon tot. (lacht) Und auch nicht so ganz heftige Dinger, bin ja nicht so der Hardcore-Death Metal-Fan. Da gibt’s ja irre viele Konzerte, da gehe ich nicht hin. Aber wenn Sachen kommen, die mich interessieren – Old School, Achtziger-Metal, Saxon, Motörhead – dann bin ich auch da. Die sehe ich auch oft auf unseren eigenen Touren. Wir haben mit Schenker gespielt, da waren Saxon auch und auf Festivals sehen wir wieder UFO und solche Geschichten. Thin Lizzy kommen morgen nach Hamburg, da wäre ich natürlich auch gewesen. Bei Wishbone Ash bin ich regelmäßig, bei solchen melodischen Sachen bin ich dann auch zugegen.

Ein Ausrufezeichen auf die Frage!
Ja, Metal, Hardrock, ich würde das ganze als Rock’n’Roll bezeichnen. Metal gehört eigentlich zum großen Rahmen des Rock’n’Roll dazu.

Kommen wir zur letzten Frage. Beim Video zu „Are You Metal?“ habt ihr euch von den Saw-Filme inspirieren lassen. Würdest du sagen, eure Musik ist geeignet, Leute zu bestrafen, die sagen „No, I’m not Metal.“?
Ob die Musik geeignet ist, Leute zu bestrafen? Jemanden, der schon von vornherein Vorurteile hat und sowas dann sieht, der wird dann sagen: Nee, dann will ich kein Metal sein. Und das soll er dann auch!

Wie kamt ihr zu der Videoidee? War das auch wieder von außen herangetragen?
Das haben die [Management u. Label] zusammen mit dem Regieheini ausbaldowert und gesagt: Stellt euch da mal hin, wir machen was Schickes. Da haben die mehr die Ideen, während wir schon für die Tour proben. Kommt immer zwischenrein sowas. Ich fand die Idee ganz witzig mit den ganzen Schnecken im Video. (lacht)

Okay, dann wünsche ich ein gutes Konzert, euch und mir und ich bedanke mich!
Alles klar, dann habt man viel Spaß!

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