Interview mit Markus Großkopf von Helloween

HELLOWEEN brechen mit ihrem neuen Album „Straight Out Of Hell“ alle Rekorde. Woher rührt der Erfolg des 13. Studioalbums, warum ist die Power-Metal-Band so stark wie noch nie? Darüber sprachen wir mit Bassist und Gründungsmitglied Markus Großkopf. Außerdem unterhielten wir uns über die größte deutsche Zeitung, über das anstrengende Leben auf Tour – und buchstäblich über Gott und die Welt.


Hallo Markus, schön wieder mit dir zu sprechen. Wie geht’s dir gerade?
Joa, gut – das heißt, ich habe mir ’ne Grippe eingefangen. Aber ist nicht so wild, hat sich gelohnt. (lacht) Die habe ich mir nämlich auf dem „70.000 Tons Of Metal“-Schiff geholt.

Das wäre gleich meine nächste Frage – es war offenbar ganz großartig. Hast du die „70.000 Tons Of Metal“ eher als Musiker oder eher als Kreuzfahrt-Gast genossen?
Beides. Man spielt ja da und ist mit vielen Musikern zusammen. Das ist ja da Geile, die triffst du ja alle. Auch die Leute kommen, machen ihre Fotos, stoßen an, trinken Bier, Schnaps und Wein. Das macht Spaß, du musst dich einfach drauf einlassen und mit dem Flow gehen, dann funktioniert das wunderbar. Viel geschlafen habe ich nicht, aber is‘ latte. Du bist halt einer von allen, kannst überall rumlaufen und hast 24 Stunden Buffet. Um 6-7 Uhr kannst du dir noch ’ne schöne Pizza reinkloppen und dann ins Bett gehen, dann hast du drei, vier Stunden gepennt und hörst schon wieder Soundcheck. Aber das ist ’ne ganz geile Sache muss ich sagen, sehr intensiv.

Lässt sich wohl aushalten! Kommen wir gleich mal zu „Straight Out Of Hell“, dem aktuellen Album. Der Charteinstieg ist sensationell, ein vierter Platz hier in Deutschland – so etwas gab es noch nie, ihr habt einen 25 Jahre alten persönlichen Rekord gebrochen. Warum kommt HELLOWEEN jetzt so gut an?

Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil wir nicht gesagt haben: „Komm, lass mal ’nen kommerziellen Song rausbringen und versuchen, den in die Radios zu kloppen.“ Wir hätten ja durchaus welche, die eher ins Radio passen als „Nabataea“. Da haben wir gesagt, scheiß drauf, die werden uns sowieso nicht spielen, warum sollen wir uns da anbiedern. Bevor wir das machen, kloppen wir lieber gleich ’nen Metal-Song raus und gut is‘. Davon haben die Fans etwas, wir können ein geiles Video zu einer guten Geschichte machen und fertig. Siehe da, es klappt. Wenn du dich nicht zu sehr darum kümmerst, geht es irgendwie von alleine. Das war damals mit „Dr. Stein“ ähnlich, der sollte ja eigentlich eine B-Seite werden.

Also du meinst, dazu hat schon die Vorab-Single beigetragen?
Weiß ich nicht! So war unser Denken. Wenn man wüsste, wie es geht, würde man es öfter machen. Vielleicht ist Metal ja wieder ein bisschen schick geworden?

Das kann man schon sagen! Ihr wart ganz groß auf der BILD-Homepage, wo man auch in „Straight Out Of Hell“ reinhören konnte. Wie groß ist die Identifikation mit dem Blatt und den Lesern?
Gut, die stellen natürlich ganz andere Fragen. Da habe ich öfters mal fragen müssen: „Achso, das interessiert eure Leser also tatsächlich?“ Das würde bei einem Metal-Magazin gar nicht in Frage kommen, ich war manchmal ganz baff. Aber gut, das sind Medien, mit denen setzt du dich auseinander. Du kannst auch sagen, das mache ich nicht, aber wir waren damals auch in der Bravo – wenn sie kommen, dann kommen sie. Entweder spielst du das Spiel mit oder nicht.Ich habe mich dafür entschieden, es mitzuspielen, soweit es mir dabei gut geht. Sollen die doch auch mal wissen, was wir für Leute sind! Du hast an den Fragen schon gesehen, die denken, wir sind fürchterliche Unika, die sich ausgraben, um einen Auftritt zu absolvieren. (lacht) Aber du hast die Chance, das ganze ein bisschen menschlich darzustellen, wenn du da schon einmal eingeladen wirst. Wenn da letzten Endes etwas anderes steht und die dann Sachen auslassen, kannst du auch nichts machen. Aber du kannst mal deine Meinung sagen.

Gut, lass uns gleich mal über die Songs sprechen. „Nabataea“ greift, zumindest indirekt, die Unruhe im Nahen Osten auf. Auch „World Of War“ schlägt ganz entschieden in die politische Kerbe. Auch wenn beides nicht von dir geschriebe Songs sind – wie persönlich bewegt dich und euch das? Sprecht ihr in der Band, so ihr zusammenkommt, über Politik?
Gut, wir setzen uns nicht hin, aber es sind Geschehnisse, die gehen an keinem vorbei. HELLOWEEN ist immer eine Band gewesen – und noch immer – mit vielen Songs über Freiheit. „Eagle Fly Free“, „Cry For Freedom“ und bei was weiß ich noch für Songs geht es um Freiheit, freie Meinungsäußerung. In der langen Zeit, die wir reisen, haben wir festgestellt, dass es nicht überall so ist. Du kannst nicht überall deine Meinung sagen und tun und lassen, was du willst.

Also ist das Tourerfahrung?
Klar! Es ist lange nicht überall selbstverständlich, dein Maul aufzureißen. Wenn du die Kanzlerin nicht dufte findest, kannst du das hier an jeder Ecke rausschreien und keiner wird dich dafür köpfen. Aber das ist nicht in allen Ländern so, was schade ist. Ein großer Traum von der Freiheit ist, dass es überall so sein kann.
„Nabataea“ ist ein Song über eine Welt, deren Reste einmal entdeckt wurden, von dieser Nation, die versucht hat, ohne Krieg klarzukommen und ganz früh, vor wasweißich wieviel tausend Jahren versucht hat, eine Demokratie auf die Beine zu stellen. Wahrscheinlich sind sie deswegen überwältigt, sie waren zu friedlich.

Das kriegt man wohl nicht mal als Historiker raus.
Aber darum geht’s, das sind die Texte. All das, was wir als normal empfinden, gibt es nicht überall. Das erfährst du auch, wenn du viel reist. Das ist schade, da kannst du vielleicht mit Musik ein bisschen dagegen anschreien, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe mir drei Songs rausgepickt: „Straight Out Of Hell“, „Wanna Be God“ und „Church Breaks Down“. Das hört sich alles ganz schön unchristlich an – wo kommt die neue HELLOWEEN-Blasphemie her?

Was heißt Blasphemie? Wenn ich sage „Church Breaks Down“ – ich kann ja auch ein Christ sein, ohne an die Institution Kirche zu glauben. Du kannst im täglichen Dingen viel, viel mehr Dinge tun, die jemand anderem helfen, als wenn du in die Kirche gehst und dort deine Hände faltest. Die Institution Kirche ist nun nicht unbedingt „das Gotteshaus“, das alles schöner macht. Die Kirche hat in den letzten paar tausend Jahren auch ganz schön viel Scheiße gebaut und auch immer wieder wie in der nächsten Vergangenheit. Da gibt es immer wieder Schlagzeilen, sei es die Kinder-Geschichte, jetzt haben sie da eine Frau nicht in ihren Krankenhäusern behandeln wollen, das ist doch alles Asche!

Es ist also mehr Kirchenkritik als Religionskritik?
Du kannst meines Erachtens viel besser ohne Kirche und mit dem gesunden Menschenverstand und mit einem gesunden Glauben. Glaube ist nicht gleich Kirche. Glaube ohne Kirche lässt sich meines Erachtens viel besser praktizieren, weil du nicht so gebunden bist an irgendwelche Geschichten, die du nicht darfst und immer ist gleich alles Sünde. Du bist viel unfreier und kannst viel weniger erreichen, wenn du dich in diese Zwänge begibst. Wenn du dich davon freimachst, kannst du viel christlicher mit Leuten umgehen.

„Far From The Stars“, das ja von dir stammt, liest sich auch wiederum ganz anders. Würdest du sagen, dass ihr da sehr unterschiedliche Meinungen zum Thema Religion habt?
Sicherlich haben wir unterschiedliche Meinungen. Das ist die Freiheit, die wir uns nehmen. „Far From The Stars“ ist: Wo das menschliche Wissen, die menschliche Intelligenz aufhört, da fängt ein Glaube an. Wir sind irgendwo ganz kleine Lichter, ganz kleine Fürze im Universum. Wo unser kleines Gehirn aufhört, da kommt natürlich ein Glaube ins Spiel, wenn man nicht weiter weiß, wie was zu wem kommt. Das ist für mich mein „Weg von den Sternen“. (lacht)

Nicht nur das Feature auf Bild.de, auch sonst habt ihr auf eurer Homepage viele Informationen zu der Entstehung der Songs ins Netz getragen – wollt ihr nicht mehr geheimnisvoll sein?

Waren wir denn geheimnisvoll?
Nein, aber wenn man von vorneherein alles erklärt, lässt man wenig Interpretationsspielraum.
Nun, das ist meine Interpretation von den Songs. Du hast zum Beispiel gesagt, das sei überhaupt nicht christlich – ich habe gesagt, ich kann durchaus christlich sein, nur weil ich gegen die Kirche bin. Das sind schon einmal zwei ganz verschiedene Interpretationen.

Viele Künstler sperren sich dagegen, selbst ihre Songs zu erklären.
Ich werde ja gefragt! Und dann habe ich auch die Chance, meine Meinung zu äußern. Deswegen macht man ja auch Texte. Ich sag dir ja ganz ehrlich, wie ich das dann sehe. Du kannst das interpretieren, wie du willst – ist doch schön! Wenn mir einer in meinen Text irgendetwas hineininterpretiert, was ich so noch gar nicht gesehen habe, kann ich ja sagen, oh, das kann man ja durchaus auch so betrachten. Das ist doch das Gute an der Lyrik. Wenn einer kommt und in meine Idee etwas anderes hineininterpretiert, ist das doch ganz großartig.

Dann haben beide Seiten etwas davon?
Eben. Da gibt es kein Limit. Wenn jemand das anders interpretiert, ist es nicht so fest, wie ich es geschrieben habe. Das ist mein Gedanke, wenn den einer weiterführt, dann ist etwas gewonnen. Ich denke, das ist immer noch frei genug, obwohl ich das erklärt habe.

Wo wir gerade dabei sind, dass beide Seiten gewonnen haben: Jetzt steht der zweite Teil der „Hellish Rock“-Tour mit Gamma Ray an – schöne Überleitung…
… da werden auch beide Seiten gewinnen!
Ganz genau – was erwartest du dir davon?
Viel Spaß, ’nen geilen Familientrip, das ist ja mittlerweile schon eine Art Gewohnheit. Es macht höllisch Spaß und man weiß, worauf man sich einlässt. Man kennt sich, man weiß, was abgeht, und das ist lustig. Wir erwarten eine Menge Spaß und eine Super-Tour für alle – für die Fans, für uns.

So ganz reibungslos war es doch mit Kai nicht wie jetzt in den letzten Jahren seit der ersten „Hellish Rock“ Tour, es gab doch schon mal Spannungen, oder nicht?
Spannungen? Wie meinst du?
Er ist irgendwann mal rausgegangen, Gamma Ray lief so als Parallel-Institution…
Nö, ich hab davon nix mitbekommen.
Es war also immer eine spannungsfreie Zeit?
Da war eigentlich alles locker. Kai selber meinte, das wäre ’ne geile Familiengeschichte, er hat da Bock drauf. Seine Jungs sind voll in Ordnung – ich habe da nix von Spannungen mitgekriegt.

Alles klar. Gamma Ray selbst haben kein aktuelles Album im Gepäck [Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews stand der Veröffentlichungstermin von „Master Of Confusion“, dem neuen Album von Gamma Ray, noch nicht fest.] – warum ist der Zeitpunkt dennoch so gut? Klar, ihr habt ein neues Album…
Ja, wir müssen raus jetzt. Ich weiß nicht, ob Kai nicht auch noch irgendetwas rausschiebt, ich habe ihn in letzter Zeit immer mal etwas aufnehmen sehen. Ich war mal bei ihm im Studio, weil wir so eine Promotion-Geschichte gemacht haben. Da hat er an irgendetwas herumgebastelt. Aber ich kann dir nicht sagen, wann, wie, wo das rauskommt und überhaupt.

Ist denn klar, wer mehr Spielzeit hat oder wechselt ihr euch ab?
Wir sind natürlich Headliner. Wir spielen dann so unsere eindreiviertel Stunde und Kai spielt ’ne Stunde und zehn Minuten oder so. Das ist ja auch mehr als ein Support.
So ein bisschen „Double Headliner“?
Joa, das ist schon eine HELLOWEEN-Tour. Wir nehmen die als Super-Mega-Fucking-Support mit und enden sowieso wieder auf einer Bühne. (lacht)
Das war ja schon halb-spontan bei der letzten Tour so…
…wenn man schon in einem Bus sitzt…
Wobei er sich gar nicht vorgestellt hat, als ihr das letzte Mal auf der Bühne in Hamburg standet – er hat kein Wort gesagt!
Hat er nicht? Dann geht er wohl davon aus, dass ihn die Leute kennen.

Das sollte man wohl auch, klar. Aus eurer Tourerfahrung der letzten Jahre, welche Songs haben sich da als unverzichtbare Live-Nummern erwiesen? Ich könnte nicht die zwei, drei wichtigen Über-Songs der letzten Alben benennen…
Weiß ich nicht, wir haben so viele Songs. „Eagle Fly Free“ ist immer drin, „Dr. Stein“, „I Want Out“…
Von den letzten Alben, „Where The Sinners Go“ vielleicht und „Are You Metal?“ in den letzten paar Jahren. Die werden wir oft spielen. Man kann natürlich mal wechseln, aber die haben sich als sehr gute Live-Bomben herauskristallisiert.

Welche Gastmusiker erhoffst du dir – realistisch – für eines der nächsten HELLOWEEN-Alben? Shakira und Anastacia sind ja nun nicht gerade in Reichweite.
(lacht) Wir machen Punk mit Pink. Weiß nicht, ich erhoffe mir eigentlich gar keine Gastmusiker. Unsere Scheibe bleibt das nächste mal clean. Wir haben ab und zu mal ein paar Gäste dabei gehabt, hat auch Spaß gemacht. Aber wir müssen nicht immer Gäste einladen, wir können das auch alleine.


Ihr seid ja nun auch schon große Jungs. Euer Line-Up ist seit bemerkenswerten fast acht Jahren stabil. Erleben wir gerade die besten HELLOWEEN-Phase?
Das toppen wir sogar noch! Wir haben das auch nicht gedacht, dass es jetzt chartet, die Tour, dann kommt wieder noch eine Scheibe…wer weiß, was da noch kommt! Vielleicht passiert ja noch etwas Besseres?

Vielleicht die bisher beste Phase?
Klar, wir spielen lange zusammen. Es wird immer einfacher, wenn man weiß, was man vom anderen erwarten kann und was der so macht und von einem will.

Obwohl ihr ja gar nicht auf einer Ecke lebt!
Man lebt ja ein Jahr lang auf dem Tourbus und in Fliegern und in Hotels, da kriegt man schon etwas voneinander mit.

Entstehen auf Tour denn auch neue Songideen?
Eher nicht. Das ist immer so eine Schlepperei, wenn du stundenlang auf dem Flughafen sitzt. Du bist körperlich nicht immer auf der Höhe, wenn du die ganze Zeit in so ’ner beschissenen Flughafen-Luft rumnudelst oder auf dem Bus und diese komischen Zeiten. Du bist immer so ein bisschen flach. Da bin ich zumindest gar nicht in der Lage, etwas zu entwickeln, Ideen oder so, außer ein paar Melodien, die ich auf mein Handy singe. Das mache ich zu Hause, wenn ich Ruhe habe.

Nächstes Jahr heißt es „30 Jahre HELLOWEEN“. Gibt es schon große Pläne für das Bandjubiläum?
Noch nicht. Wir haben das schon im Kopf und gucken, was kann man denn mit der 30 machen? Verdoppeln geht ja schon nicht mehr.

Das ist eher unrealistisch. Es ist also noch gar nichts geplant?
Eine Sache habe ich mal gesehen im Ansatz, aber die verrate ich noch nicht. Wenn das klappt, wird das eine sehr geile Sache, das habe ich so in der Form noch nicht gesehen. ‚Ne gute Nummer, das ist eines der Dinge, die vielleicht passieren könnten. Sag ich aber nicht! (lacht)

Das denke ich mir schon, dass ich dir das nicht entlocken kann. Ich bedanke mich recht herzlich, freue mich auf den Hamburg-Zwischenhalt – ich sehe euch, ihr seht mich eher nicht. Gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen willst?
Ja! Kommt vorbei. Im Moment kann uns keiner mehr aufhalten und ihr werdet uns ertragen müssen.

Alles klar Markus, danke. Erhol dich gut!
Ein paar Tage, dann ist das überstanden.

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