Interview mit Jason Black von Hot Water Music

Mit „Light It Up“ haben HOT WATER MUSIC ein neues Album nach fünfjähriger Pause veröffentlicht. Ihr hemdsärmliger Punk mit Post-Hardcore-Einflüssen ist noch genauso frisch wie vor 25 Jahren. In unserem Telefonat mit Bassist Jason Black spricht der sympathische Musiker über die Entstehung ihres neuen Albums, Vorteile technologischer Entwicklung, jüngeren Punk-Rock-Bands, die ihn an Hot Water Music erinnern und die Verbindung zwischen Privatleben und Tourstress.

Hi Jason, wo erreichen wir dich denn gerade?
Ich bin noch zu Hause, es ist ja noch früh. Ich fange in einer Stunde an zu arbeiten, davor mache ich jetzt noch ein paar Interviews. Ein normaler Dienstag. (lacht)

Euer letztes Album „Exister“ ist vor fünf Jahren erschienen – was ist seitdem passiert?
Wir haben versucht, ein neues Album zu schreiben und aufzunehmen. Jetzt haben wir es endlich geschafft, das wirklich zu tun. (lacht) Das ist für uns schon schwerer geworden. Jeder hat so viele Dinge außerhalb der Band zu tun, auch schon, als wir „Exister“ geschrieben haben. Wir haben die Band das letzte Mal 2004 Vollzeit betrieben. Chuck [Ragan, Anm. d. Red.] hat jetzt einen zwei Jahre alten Sohn, George [Rebelo, Anm. d. Red.] ist bei den Bouncing Souls eingestiegen, alle sind verheiratet – das summiert sich und es wird immer schwerer, zusammenzukommen und Musik zu machen. Zumindest, wenn man es mit unserer bisherigen Art, Musik zu machen, vergleicht.

Jetzt sind wir endlich auf dem aktuellen Stand der Technologie, weswegen wir es dieses Mal geschafft haben, über E-Mails und mit Demos Songs zu schreiben. So mussten wir nicht mehr einen Monat lang zusammen sein, um ein neues Album zu machen. Insofern: In den letzten fünf Jahren ist viel passiert und gleichzeitig ist gar nichts passiert.

Hat sich durch Technologie und eure unterschiedliche Situation auch das Schreiben im Vergleich zu „Exister“ verändert?
Ja, total. „Exister“ ist in zwei, drei kleinen Einheiten entstanden und niemals mit uns vier gemeinsam an einem Ort. Wir haben es einfach nicht geschafft, das zeitlich zu koordinieren. Es waren immer unterschiedliche Konstellationen. Dieses Mal haben wir alles darangesetzt, dass Chuck und Chris gemeinsam an Songs arbeiten, ohne mich oder George. Das haben beide, glaube ich, seit „Caution“ nicht mehr gemacht. Diesmal hat es geklappt, worauf sie uns Skizzen geschickt haben, mit denen George und ich gearbeitet haben. Es war ein offener Dialog, die ganze Zeit, jeder konnte sagen, welche Teile ihm gefallen und welche nicht. Jeder konnte an einer Demo sitzen und sie so sehr verändern, wie er wollte.

Dass jeder von uns jetzt auch Pro Tools hat, hat dem ganzen Prozess wirklich sehr geholfen, weil jeder problemlos Veränderungen vornehmen konnte. Wenn jemand der Meinung war, dass die Bridge besser als Strophe passen würde, hat er das einfach mal zusammengebastelt und uns allen gezeigt. Das war einfach viel effizienter, weil wir so, als wir dann endlich alle zusammengekommen sind, wussten, was wir wollten. Alle von uns sind computer-affiner geworden. Bei „Exister“ hatte noch nicht mal jeder von uns eine Möglichkeit, etwas aufzunehmen. Das funktioniert wirklich super, weil wir dadurch nicht so zeitgebunden sind, man keine unmittelbare Reaktion braucht und über einen längeren Zeitraum an Ideen arbeiten kann.

Wieso habt euch entschieden, ohne einen festen Produzenten aufzunehmen?
Es war einfacher für uns. Wir haben mit Ryan Williams aufgenommen, der schon lange für unseren Sound bei Konzerten verantwortlich ist. Er hat ein Studio, in dem wir oft proben oder Demos aufgenommen haben. Sein Studio ist im Laufe der Jahre immer professioneller geworden, er kennt die Band viel besser als irgendein Produzent, weil er uns schon so lange mischt. Gleichzeitig sind wir an dem Punkt angekommen, an dem wir uns gedacht haben: Wenn wir jetzt nicht wissen, wie man eine Gitarre oder einen Bass aufnimmt, dann sollten wir vielleicht nicht in einer Band sein. (lacht)

Wir wollten dieses Mal wirklich etwas machen, das ganz unser Ding ist. Nicht in einem egoistischen Sinn – aber die Songs, die wir geschrieben haben, sollten wirklich genauso klingen, wie wir wollten. Klar, wir hatten in der Vergangenheit immer Spaß daran, mit anderen Leuten an der Musik zu arbeiten. Aber dieses Mal wollten wir diesen äußeren Einfluss bewusst ausschließen. Es ist das erste Mal seit „Fuel For The Hate Game“, dass niemand Externes kreativen Einfluss auf ein Album von uns hat. Ok, das stimmt nicht ganz, klar hat Ryan das auch kreativ beeinflusst – aber wir haben ihn gefragt, was er davon hält, anstatt dass er von sich aus sagt, was wir anders machen könnten. Ich glaube, das Ergebnis ist genau das was wir gehofft haben:  ein Back-to-basic-Album.

Es war dieses Mal auch räumlich einfacher, weil das Studio in Gainesville ist, sprich: Chris und George hatten keine Anreise, ich bin auch in Florida, also musste ich nicht weit fahren. Das hat es viel einfacher gemacht. Zu diesem Zeitpunkt in unseren Leben kriegen wir es einfach nicht hin, dass wir alle in einem Studio in der Mitte von Nirgendwo zusammenkommen.

Hatte das auch den musikalischen Stil der Songs beeinflusst?
Ja, aber ohne, dass wir einen Song in eine Richtung gedrängt haben. Das einzige Kriterium war, ob es wie ein Lied klingt, das wir schreiben würden. Unser Vorteil ist, dass wir schon einige verschiedene Stile ausprobiert haben, weswegen es keine wirklichen Regeln gibt, außer, dass wir spielen, was wir wollen. Aber ich persönlich wollte auf jeden Fall Musik machen, wie wir sie schon lange nicht mehr gespielt haben. Auch auf die Gefahr hin, dass es sich so anfühlt, als ob wir uns wiederholen, wollte ich ein bisschen zu den früheren Tagen zurückgehen. Auf den letzten paar Alben hat es sich für mich ein bisschen so angefühlt hat, als würde etwas fehlen, worüber sich Leute freuen würden. Ich glaube, dass wir das auf „Light It Up“ ein paar Mal geschafft haben. Insofern: Von meiner Seite aus war es eine bewusste Entscheidung, aber ich weiß nicht, wie es bei den anderen war.

Für mich klingt „Light It Up“ wie ein Old-School-HOT-WATER-MUSIC-Album, inklusive aller Einflüsse der neuen Alben.
Super, das freut mich wirklich! Ich glaube, das war auch das, was wir gehofft haben, indem wir auf einen Produzenten verzichten: dass wir einfach so klingen, wie wir klingen. Es ist an der Zeit, dass wir uns damit wohl fühlen. Die Band ist, was sie ist, wir versuchen keine neuen Fans dazu zu gewinnen indem wir uns ändern. Wir machen unser Ding und schauen, was passiert.

Der Titeltrack ist im Zuge dessen zum vielleicht direktesten Hardcore-Song eurer Karriere geworden. Wie kam es dazu?
Chris hat zu diesem Song eine Demo mit einem Drumcomputer aufgenommen und uns gefragt, was wir davon halten. Der Song beweist, dass es gut ist, dass George bei den Bouncing Souls spielt, weil er in den letzten Jahren echt wieder viel besser darin geworden ist, einen so schnellen Sound zu spielen. Er hat zwar früher auch schnell gespielt, aber jetzt fühlt er sich wirklich wohl damit, das ganze kreativer auszuleben, da er zusätzlich in einer anderen Band spielt. Ich finde so einen Sound sowieso großartig. Wir wollten immer so einen Song schreiben, aber er musste für uns alle funktionieren – und das war dieses Mal der Fall. Es ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.

Habt ihr den Song nach eurem Album benannt?
Nein, das kam anders. Der Titel und das Cover waren ein totaler Glückgriff. Wir haben einem Freund von uns eine Mail geschrieben und gefragt, ob er zufällig ein Artwork hat. Er hatte eines, und als wir das Haus in Flammen gesehen haben, haben wir uns gedacht: Ok, wir haben einen Song, der „Light It Up“ heißt, wir haben dieses Cover: das passt. (lacht) Hätten wir zu lange darüber geredet, wäre uns die offensichtlichste Idee vermutlich abhandengekommen. (lacht)

Für euer Video für „Vultures“ habt ihr einen Aufruf an eure Fans gestartet, euch Livematerial zuzuschicken. Wie seid ihr auf die Idee dazu gekommen?
Die Idee kam auch dadurch auf, was ich vorhin gesagt habe: Es ist schwer für uns, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Es ist eine der nervigsten Sachen, einen Song auszuwählen, den man als Single promoten will. Wir sind keine Single-Band, wir sitzen nicht dauernd in irgendwelchen Radio-Shows, und Leute drehen wegen eines Songs total durch. Entweder denken sie, dass das Album scheiße wird, oder total genial, aber dann klingt das Album total anders, weil das ja nur ein Song ist. (lacht)

„Vultures“ ist wirklich ein interessanter Song. Wir hatten Teile davon seit Ewigkeiten herumliegen. Dieses Mal haben wir es endlich geschafft, wieder darauf zurückzukommen und Chris hat alles überarbeitet und einen neuen Song daraus gemacht. Es hat dieses Old-School-Feeling, weswegen wir überlegt haben, wie wir das am besten visualisieren könnten. Wir wollten nicht einfach nur ein Lyric-Video machen, wenn Leute dann die ganze Zeit auf dasselbe Bild schauen müssen. Wegen des Old-School-Songs wollten wir dann auch ein Old-School-Video. Das meiste Material kam dann aus Deutschland. Ich glaube, das Ergebnis ist echt super geworden und vermutlich hätte das mit keiner anderen Nummer so gut funktioniert. Hoffentlich schaffen wir es, dass für einen anderen Song nochmal sowas cooles hinzukriegen.

Wenn wir schon von Live-Aufnahmen reden: Ihr lebt ja alle in unterschiedlichen Städten und spielt nicht mehr so viel live. Fehlt euch das?
Der einzige Teil, den ich an Konzerten wirklich mag, ist die Stunde, in der wir auf der Bühne stehen. Die anderen 23 Stunden sind einfach nur langweilig. Klar, jeder sagt das – aber es ist so ermüdend, in einem Bus zu sitzen, in der Location rumzuhängen und sich zu denken, dass man zu Hause jetzt schön mit seiner Frau essen könnte, mit dem Hund spazieren gehen oder irgendwas reparieren. Anstelle dessen sitzt man dann irgendwo und isst Gummibärchen und wartet darauf, dass man endlich spielen kann.

Ich liebe es live zu spielen, das ist mein Lieblingsteil davon in der Band zu sein. Aber alles, was damit zu tun hat, ist das nervigste. Unterwegs zu sein und Freunde zu sehen ist cool, aber es ist deutlich cooler, das ein Wochenende lang zu machen als eine Woche lang. Wir kennen die Städte und Länder, in denen wir gut ankommen und das sind dann auch die Orte, an denen wir in Zukunft live spielen werden. Wir sind nicht erfolgreich in Italien oder in Kansas – insofern gehen wir nicht zurück nach Italien oder Kansas. Ich weiß, dass das frustrierend für die Fans ist und man klingt sicher absolut eingebildet, wenn man das Leuten so direkt sagt. Aber dann denk ich mir, naja, Leute, ihr seid auch zwischen 30 und 50 – könnt ihr einfach so drei Wochen unterwegs sein? Ich kann das nicht. (lacht) Wir sind keine Vollzeitband, insofern spielen wir auch nicht Vollzeit Shows.

Wie würdet ihr eure Konzerte vor und nach eurer Trennung beschreiben?
Es ist schon anders und es wird ehrlich gesagt immer besser. Mit „Exister“ waren wir ja auf Tour und dann gab es die 20-Jahre-Tour, zwei Wochen in den USA. Wir wussten, dass wir das nicht tun müssten. Genau das, was ich gerade gesagt habe: Man fragt sich einfach, warum man jetzt in diesem Venue ist. Es ist einfach zu ermüdend, zu anstrengend. Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir so offen miteinander sind, dass es reicht zu sagen „Ich mag diese Show nicht spielen“, und dann tun wir es nicht. Es gibt keine bösen Gefühle den anderen gegenüber, das nimmt den egoistischen Teil aus der Band und fühlt sich sehr gut an.

Ist euer Publikum gemeinsam mit euch älter geworden?
Das ist schwer zu sagen. Je älter ich werde, desto schwerer ist es für mich einzuschätzen, wie alt jemand ist. Fremde Leute könnte 20, 30 oder 40 sein, ich könnte es nicht unterscheiden. Hatte jemand ein echt grobes Leben und ist erst 20, oder super gesund und schon 50? (lacht) Ich habe aber nicht das Gefühl, dass viele jüngere Leute da sind, ich glaube auch nicht, dass wir so eine Band sind. Das würde wirklich viel Energie verlangen, man müsste Support spielen, man müsste viel besser in Socia Media sein – und das sind wir nicht. Ich habe vorhin mit dem Ox-Magazin geredet, und ich habe da auch schon gesagt: Ich werde niemals der Typ sein, der aufsteht und ein Foto von seinem Frühstück macht.

Als Band sind wir nicht so gut darin, mit jungen Leuten zu kommunizieren. Das ist sicherlich zu einem Teil unsere Schuld. Aber es liegt sicher auch an unserer Musik – es gibt einige jüngere Band, die ähnliche Musik zu spielen. Als ich jünger war, war ich auch nicht so begeistert von Bands, in der lauter Vierzigjährige spielen, sondern eher von Bands, in der Zwanzwigjährige spielen. Man will sich ja auch mit jemandem identifizieren. Ich weiß noch, als ich damals unbedingt MDC sehen wollte und mir dachte, dass die echt super alt sind. Ich glaube, sie waren 27 als ich sie gesehen hab. (lacht) Das ist so eine Wahrnehmungssache. Kids wollen auf Shows, auf der Kids spielen, und wollen Sachen machen, die Kids machen. Ältere Leute gehen dann eben auf unsere Shows. Da spielt sicherlich auch Nostalgie eine große Rolle. Es ist auch schön, die Fackel zu übergeben.

Welche jüngeren Bands sind das denn? Seht ihr einige Bands, in denen ihr euch wiedererkennt?
The Menzingers machen echt genau das, was wir gemacht haben. Sie gehen einfach nicht nach Hause, sie sind immer auf Tour – und viel besser als wir jemals darin waren. Title Fight haben zum Beispiel auch einen ähnlichen musikalischen Parameter, da sie sich kontinuierlich weiterentwickeln und nicht immer wieder das gleiche Album aufnehmen wollen. Daran ist prinzipiell aber nichts falsch, einige meiner Lieblingsbands nehmen quasi permanent das gleiche Album auf. (lacht) Balance & Composure und Joyce Manor möchte ich auch noch nennen. All diese Bands, die vor ungefähr fünf Jahren groß geworden sind, die coolen Punk spielen. Nicht nur Punk, nicht nur Indie, sondern irgendwas dazwischen.

Ich weiß nicht, ob diese Bands mir zustimmen würden, aber ich glaube, sie sind an einer Position, an der wir damals auch waren. Wir waren happy, wenn wir eine Show mit The Promise Ring gespielt haben, oder wenn wir eine mit Integrity gespielt haben. Die Szene war auch viel kleiner damals. Aber es passiert gerade echt einiges Gutes.

Wie fühlt es sich an, wenn Leute sagen, dass ihr eine legendäre Band geworden seid?
Es fühlt sich super an und wir fühlen uns total geschmeichelt. Aber wir denken nicht daran, wenn wir Songs schreiben. Ich glaube, ein großer Grund, warum Leute das sagen, liegt daran, dass wir einfach nicht verschwinden wollen. (lacht) Wir sind eine dieser Bands, die Bands gut finden. Alle möglichen Musiker meinten, dass sie uns mögen und dann haben wir vor 50 Leuten gespielt. Aber es gibt doch 10000 Leute, die uns gut finden. (lacht) Das ist schon so ein Running Gag bei uns, aber das ist auch total ok. Bands finden uns gut, aber irgendwie überträgt sich das nicht auf deren Fans. (lacht)

Was sind denn eure Pläne für nächstes Jahr, gibt es Ideen für euren 25. Geburtstag oder Pläne, nach Deutschland zu kommen?
Bisher ist nichts für unseren Geburtstag geplant, aber wir arbeiten auf jeden Fall daran, nach Deutschland zu kommen. Wir peilen den nächsten Sommer an, aber die Planung ist nicht leicht. Deutschland ist auf jeden Fall ein Ort, der ganz oben bei uns auf der Liste steht. Wir waren ewig nicht mehr da und wir wollen auf jeden Fall ein paar Headliner-Shows spielen, nicht nur Festivals.

Festivals in Europa sind zwar deutlich besser als in den Staaten, aber ich mag es einfach nicht auf Festivals zu spielen. Ich glaube, niemand mag das. Der einzige Grund dafür ist, weil sie einfach so gut zahlen. Vollkommen egal, was alle sagen. (lacht) Ehrlich, wenn du nicht gerade die Foo Fighters bist, dann wirst du da vor einigen besoffenen Leuten spielen, die keine Ahnung haben, wer du bist. (lacht) Aber in Europa sind echt viele Freunde von uns und coole Bands. Trotzdem machen Clubshows einfach mehr Spaß. Wir versuchen beides zu mischen und freuen uns darauf!