Interview mit Imperial Triumphant

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Auf ihrem Durchbruchsalbum „Vile Luxury“ (2018) haben IMPERIAL TRIUMPHANT wie keine andere Band vor ihnen die schillernden Abgründe ihrer Heimatstadt New York vertont. Ihre einzigartige Mischung aus monströsem Extreme Metal und dekadentem Jazz hat die Gruppe auf „Alphaville“ nun weiter verfeinert und damit abermals ein spektakuläres Abbild einer maschinengleichen Megastadt geschaffen – für uns der perfekte Anlass, der Band ein paar Fragen zu stellen. Heraus kam ein Gespräch über das Chrysler Building, den Neo-Noir-Film, nach dem ihr neues Album betitelt ist, Barbershop-Gesang und den Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand.

 

 

Zuerst die Frage, die momentan wohl jedes Interview eröffnet: Wie kommt ihr mit der aktuellen Situation um COVID-19 zurecht?
Wir navigieren da durch, so gut wir können. Es handelt sich, gelinde gesagt, um einen herausfordernden globalen Aufruhr. Man kann nicht sagen, wie sich das entwickeln wird.

In eurer Musik und eurer Ästhetik bildet ihr den Kontrast zwischen dem Luxus und seiner Schattenseite, der Armut, im Kontext von Megastädten wie eurer Heimat New York City ab. Was hat euch dazu animiert, diese Zustände in eurer Kunst abzubilden?
Wir kommen aus New York und es scheint ganz natürlich, den Ort zu beobachten, an dem man den größten Teil seiner Existenz verbringt. Wie bei vielen Kontrollzentren im Laufe der Geschichte gibt es mehrere Variablen, die das vielfältige Gefüge solcher Orte ausmachen. Es liegt nicht an uns, arrogant das Wie oder Warum zu erklären; wir entscheiden uns vielmehr dafür, unser Augenmerk auf das große Bild dieses unvorhersehbaren menschlichen Lebens und seiner gesellschaftlichen Auswirkungen zu richten.

Ist euer Schaffen als Ablehnung von Dekadenz zu verstehen – oder steckt darin auch eine gewisse Bewunderung für Opulenz?
Es wäre falsch zu sagen, dass wir luxuriöse Aspekte der Zivilisation ablehnen, da es viele große Visionen gibt. Stil, Ästhetik, Design, Geschmack, erhabene Werke, etc. … sind alles gute Dinge. Ich kann nicht auf das Chrysler Building schauen und sagen, dass es Scheiße ist, weil es Armut in der Welt gibt. Das wäre eine dumme Empfindung. Es gibt aber auch viel Böses, das die Grenzen dieser Zivilisation geprägt hat und weiterhin prägt. Die Natur selbst ist grausam und unbarmherzig.

Wenn ich eure Musik höre, dann stelle ich mir Szenen wie geschäftige Menschenmassen, entgleisende Züge und einstürzende Wolkenkratzer vor. Kreiert ihr eure Musik bewusst mit solchen Bildern im Kopf bzw. mit dem Ziel, dem Hörer solche Vorstellungen zu vermitteln?
Musik selbst hat keine Bilder oder Ideen, die über das hinausgehen, was sich der Hörer vorstellt. Das Hinzufügen von Liedtexten kann Energien kanalisieren, die möglicherweise mit dem Ursprung der Inspiration eines Musikstücks verbunden waren. Wir machen uns immer daran, Musik zu schaffen, die uns Freude macht und von der wir begeistert sind. Die Reaktion unserer Zuhörer war fantastisch und das ist eine großartige Sache!

Eure Musik klingt oft derart extrem, roh und misstönend, dass man als unbedarfter Hörer meinen könnte, ihr spieltet eure Instrumente schlichtweg falsch. Wie schwer ist es, einen solchen Sound gezielt umzusetzen?
Es ist nicht unsere Sache, wie ein Zuhörer unsere Musik interpretiert. Offensichtlich wissen wir, wie unsere Instrumente zu spielen sind, wenn wir viele Jahre harter Arbeit investiert haben. Der Ausdruck, der dabei herauskommt, ist die Krönung dieser Jahre, Lebenserfahrungen und des individuellen persönlichen Geschmacks, die dann als Trio zusammenkommen. Fast alles, was in unsere Arbeit einfließt, ist beabsichtigt, da wir uns bemühen, eine reiche Zuhörererfahrung zu schaffen. Wir haben das Glück, uns künstlerisch auf so vielen Ebenen einig zu sein, dass wir zwar zwei Jahre brauchen, um ein Album zu machen, aber es ist eine gut verbrachte Zeit in diesem abgefuckten Leben.

Kunst wie eure oder auch Genres wie Outsider Music fordern die allgemeinen Vorstellungen davon, was richtig oder falsch ist, gut oder schlecht klingt, heraus. Kann es diesbezüglich aus deiner Sicht überhaupt irgendeine Objektivität geben?
Höchstwahrscheinlich nicht, da wir tief in der Arbeit stecken, die wir schaffen, von der wir Fans sind oder von der wir uns inspirieren lassen. Wir wissen nur, was für uns richtig ist. Wenn es die Menschen dazu bringt, über den Tellerrand ihrer eigenen Grenzen hinauszuschauen, dann ist das eine positive Veränderung, meinst du nicht?

Euer letztes Album „Vile Luxury“ war ein echter Game-Changer und hat euch viel Aufmerksamkeit beschert. Euer neues Album „Alphaville“ scheint nun eher eine weitere Verfeinerung eures Stils anstelle eines großen Umbruchs zu sein. Würdest du sagen, ihr habt nun euren ureigenen Sound gefunden?
Nun, der Klang einer Band nimmt nach vielen Jahren des Zusammenspiels Gestalt an. Es gibt keine andere Möglichkeit, eine solche zu bekommen. Es gibt keine Abkürzungen. Obwohl unser Sound den Zuhörern vertrauter sein wird, da er jetzt etabliert ist, werden wir uns weiterhin entwickeln. Zumindest muss man es versuchen!

Habt ihr wegen der hohen Erwartungen, die die Leute nach „Vile Luxury“ in euch gesetzt haben, einen gewissen Druck auf euch lasten gespürt?
Sicher, es gibt immer einen gewissen Druck, nachdem man ein Album gemacht hat, auf das man stolz ist. Aber dann wird man inspiriert, wieder etwas zu schaffen und einfach weiterzumachen. Man weiß nie genau, wie das Ergebnis aussehen wird. Das ist ein aufregender Teil des kreativen Prozesses.

Ich gehe davon aus, dass sich der Titel „Alphaville“ auf den gleichnamigen Film von Jean-Luc Goddard bezieht. Darin geht es um eine futuristische Dystopie, allerdings hat der Film schon einige Jahre auf dem Buckel. Denkst du, dass er heutzutage weniger oder sogar noch mehr Relevanz als damals hat?
Wie viele große Kunstwerke hat er heute mehr Relevanz. Schau dich einfach um. Goddards großartiges Werk ist inspirierend wegen seines Inhalts, aber auch wegen seines künstlerischen und technischen Stils. Der Film ist durchdrungen von luxuriösem Design, erhabenen Bildern und großem Geschmack. Er ist mit einer Art „Alles-ist-möglich“-Atmosphäre zusammengestellt, wenn auch sorgfältig ausgearbeitet. Wir bewundern das.

Das zunehmend grotesker werdende „Atomic Age“ beginnt überraschend mit schmeichelndem Barbershop-Gesang. Welcher Gedanke steckt hinter diesem fast schon naiv klingenden Intro?
Das Lied handelt oberflächlich betrachtet von den Atombombentests der 1950er Jahre nach dem Weltkrieg. Wir wollten den Zuhörer in diese Ära zurückversetzen, indem wir das Lied mit dem alten amerikanischen Close-Harmony-Gesangsstil eines Barbershop-Quartetts einleiten.

Auf „City Swine“ sind sogar von Tomas Haake (Meshuggah) gespielte Taiko-Trommeln zu hören. Was hat es damit auf sich, dass ihr dieses exotisch anmutende Instrument für einen Part in euren sonst so urbanen, westlich geprägten Sound aufgenommen habt?
Die japanischen Taiko-Trommeln sind großartig und wir alle sind Fans dieses Klangs. In der Musik sollte es keine Grenzen geben.

Ihr habt außerdem abermals mit Yoshiko Ohara als Gastsängerin zusammengearbeitet. Was ist es, das euch gerade an ihrer Stimme und vielleicht auch an ihr als Person so begeistert?
Wir haben um 2013 herum in Brooklyn eine Bühne mit ihr geteilt und waren von ihrem Auftritt völlig überwältigt. Wir redeten über eine Zusammenarbeit und seitdem haben wir ihre Stimme in unsere Arbeit einbezogen. Sie ist eine sehr talentierte Sängerin und ihre Stimme hat ein einzigartiges Timbre, das inzwischen zu einem festen Bestandteil des Bandsounds geworden ist.

Ihr habt für das Album außerdem zwei Cover-Songs kreiert: „Experiment“ von Voivod und „Happy Home“ von The Residents. Warum passen gerade diese beiden Lieder deiner Meinung nach in den Kontext des Albums?
Das sind technisch gesehen Bonustracks. Wir haben Lieder ausgewählt, die wir geliebt haben, als wir aufgewachsen sind. Sie gehören nicht zu unserem speziellen Genre, daher war es eine wirklich angenehme Herausforderung, sie zu „imperialisieren“ und sie uns zu eigen zu machen.

Ironischerweise wirkt gerade euer Cover von „Experiment“ im Vergleich zu eurem eigenen Material sehr geradlinig. Denkst du, dass sich zu ihrer jeweiligen Zeit bahnbrechende Songs auf lange Sicht selbst in Anbetracht ihres Kontextes abnutzen können?
Nein. Voivod ist damals wie heute eine sehr vorausschauende Band. „Experiment“ ist auf seine eigene Weise ein komplexes Stück. Wir haben einfach das getan, was uns natürlich erschien, und wenn es „geradliniger“ klingt, dann sollte es eben so sein.

Ihr habt euch vor einer Weile in einem Facebook-Posting dafür entschuldigt, dass ihr in einem Artikel die Alben der einen oder anderen ideologisch fragwürdigen Band gelobt habt. Wie siehst du das – sollte man solche Bands strikt boykottieren oder kann es unter Umständen dennoch legitim sein, ihre Musik zu hören?
Ich denke, die Leute sollten und werden tun, was immer sie wollen, aber natürlich ist es wichtig zu verstehen, wie diese Dinge die Menschen beeinflussen.

Die Reaktionen auf das Posting fielen sehr unterschiedlich aus – einige Fans hielten es für bewundernswert und aufrichtig, andere sahen entweder das Problem gar nicht oder behaupteten sogar, es handele sich dabei bloß um Imagepflege. Weshalb, denkst du, werden die radikalen Ansichten einiger Bands von so vielen Extreme-Metal-Fans kritiklos hingenommen oder verharmlost?
Siehe obige Antwort.

Was sind nun eure nächsten Pläne für IMPERIAL TRIUMPHANT?
Wir haben hart gearbeitet, um beschäftigt zu bleiben. Wir haben uns in der Band auch mit anderen Plattformen wie Filmmusik, Fernsehen und Videospielen beschäftigt. Wir wollen IMPERIAL TRIUMPHANT in so viele verschiedene Branchen wie möglich bringen.

Vielen Dank für deine Antworten. Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Alphaville (deutsche Synth-Pop-Band): Eine weitere Band, die durch das großartige Werk von Godard inspiriert wurde.
Verschwörungstheorien: Jedem das Seine.
Naturromantik: Futurismus
Liebster Quarantänezeitvertreib: Neue Kochrezepte erforschen.
Klimakrise: Dunkelheit
Für dich uninteressantestes Musikgenre: Jedes Genre kann interessant sein oder auch nicht.

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

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