Interview mit Abdulla Muijrers von Motör Militia (Bahrain)

Teil drei unserer Serie „Metallisierte Welt“ führt uns zurück in den nahen Osten – diesmal nach Bahrain am Persischen Golf. MOTÖR MILITIA war dort vor rund 20 Jahren die erste Thrash-Metal-Band, die ein Album mit eigenem Material aufgenommen hat. Schlagzeuger und Gründungsmitglied Abdulla Muijrers berichtet über die Akzeptanz für Metal in der Bevölkerung und wie schwer es dennoch ist, die Szene in dem kleinen Wüstenstaat am Leben zu halten.

Man kann wohl annehmen, dass ihr die lokale Szene sehr gut kennt. Wie würdest du die Metalszene in Bahrain beschreiben, wie viele Bands und Fans gibt es?
Ja, wir kennen die Szene wirklich sehr gut. Sie ist sehr klein, und manche sprechen eher von einer Gruppe von Leuten als von einer Szene, aber es gab auch schon Zeiten, da hatten wir mehr Schwung und es war eine echte Szene mit vielen Bands, Fans und Shows.
Alle paar Jahre schließt sich so ein Zyklus. Die Szene aufrecht zu erhalten hat sich als schwierig erwiesen, schlicht, weil der Druck, aufzuhören, wächst, je größer die Szene wird.
Seit fast zehn Jahren überleben SIF, Smouldering In Forgotten, mit uns – das sind mittlerweile unsere Brüder. Auch Bloodshel wachsen immer weiter und werden zu einer Größe hier, genauso Must. Lunacyst hatten jetzt eine schwere Zeit, aber ich hoffe, sie können sich wieder aufraffen und weitermachen. Diese Bands und deren Mitglieder sind jetzt seit einiger Zeit das Herz der Szene, während neuere Bands auf der Strecke geblieben sind. Rain In Hell zum Beispiel hatten Potential, aber aus irgend einem Grund haben sie es nicht geschafft. Es gibt außerdem noch ein paar coole Rockbands, beispielsweise die Prog-Rocker von Inside Out.

Ist die Szene im Wachstum? Wie viel Interesse besteht an Underground-Konzerten, Veröffentlichungen und dergleichen?
Wie gesagt, sie wächst und schrumpft. Momentan schrumpft sie wieder, aber vielleicht auch nur, weil SIF und MOTÖR MILITIA neues Material aufnehmen und deshalb schon länger nicht mehr live gespielt haben. Wenn beide Bands erst einmal ihre Alben draußen haben, wird die Szene wieder expandieren – hoffentlich können wir sie dann auf ein neues Level heben und dort halten! Die anderen Bands sammeln sich vor allem um die Liveshows von MOTÖR MILITIA, SIF und früher eben Lunacyst. Eine gute Sache waren zuletzt wöchentliche Auftritte von Bloodshel und Must – das hat die Szene am Leben gehalten!

Motör Militia

Wie hast du selbst zum Metal gefunden?
Durch das „Overkill“-Album von Motörhead. Davor, als Kind, hatte ich Hardrock wie Blue Öyster Cult, Deep Purple, Queen und so weiter gehört. Aber dieses Motörhead-Album im Speziellen war es, das mich dazu gebracht hat, auch Black Sabbath, Metallica, Judas Priest, Saxon und alles andere im Metal zu entdecken.

Bahrain hat eine sehr heterogene Bevölkerung, ist aber ein islamisches Land. In wie weit kann man also öffentlich zeigen, dass man ein Metalhead ist? Trägst du beispielsweise Bandshirts und dergleichen?
Solange du mit der Kritik klarkommst, ist das kein Problem. Aber selbst das ist mittlerweile viel weniger geworden als vor sagen wir fünf Jahren. Die meisten meiner Shirts haben entweder ein Bandlogo oder das Logo einer Musikequipment-Firma aufgedruckt.

Bekommt ihr bei euch problemlos CDs? Wie gut verfügbar ist Metal in Bahrain generell?
Ja, die können wir online kaufen oder in einem CD-Geschäft in einem der Einkaufszentren. Dort haben sie eine recht anständige Auswahl und was sie nicht haben, kann man bestellen. Das kostet etwas mehr, als online zu bestellen, aber einen Laden wie diesen zu haben, ist mir das wert. Ansonsten ist jeder und alles online und ein Großteil der Metalhead-Community hier kennt sich, so dass sich auch News aus der Metal-Welt schnell verbreiten.

Motör Militia - ResurrectionWie gehen die „normalen“ Leute mit Metalfans um?
Recht normal, würde ich sagen. Meine Bandkollegen, Freunde und ich führen ein normales Leben und kommen mit den „normalen“ Leuten gut klar. Diejenigen, die vorher noch nicht mit Metal in Berührung gekommen sind, reagieren immer erstmal etwas überrascht, aber die meisten Leute kommen damit klar. Metal haftet zwar hier und da noch etwas vom „Teufelsanbeter“-Stigma an, aber das hat sich größtenteils gelegt. Es überrascht mich immer wieder, wie viele Leute in Bahrain Hardrock und Metal hören – das ist wirklich cool!

Man läuft mit dieser musikalischen Vorliebe in eurer Heimat also zumindest nicht Gefahr, bestraft oder geächtet zu werden?
Bestraft nicht, gehasst zu einem gewissen Grade. Vielleicht wirst du in der Arbeit diskriminiert – wegen deines Looks bei Bewerbungen übergangen und so weiter. Es ist tatsächlich eher ein soziales Problem als ein religiöses.

Was bedeutet es, in Bahrain in einer Metalband zu spielen? Ist es schwierig, Proberäume zu finden, Equipment zu organisieren, Aufnahmen zu machen oder Locations für Konzerte zu finden?
In den letzten 15 Jahren haben wir einen Wandel festgestellt. Am Anfang haben wir in unserer Schule geprobt oder drei, vier Bands gemeinsam in einem Haus, das man abwechselnd nutzen und sich so das Equipment teilen konnte. Das war immer wie ein Mini-Konzert und hat ziemlich Spaß gemacht. Daraus ist überhaupt erst die Idee entstanden, eigene Shows zu organisieren und hat den Stein so ins Rollen gebracht.
Heute kann man in verschiedenen Locations Proberäume mieten. Auch Equipment ist heute zu angemessenen Preisen verfügbar – natürlich nicht die volle Auswahl, die man in Europa oder den USA hat, aber alles, was man eben so braucht. Das ist wirklich gut, weil es eben nicht immer so war. Manchmal waren schon neue Drumsticks ein Luxus.


Noch vor ein paar Jahren war es unmöglich, ein gutes Aufnahmestudio zu finden. Wir, und auch andere Bands, haben am Ende deshalb versucht, uns das nötige Know-How selbst anzueignen und haben uns Equipment, das wir für unsere Aufnahmen gebraucht haben, gekauft. Aber wenn man etwas neues lernt, sind die Resultate am Anfang natürlich nicht sonderlich gut. Jetzt gibt es ein wirklich professionelles Studio, dessen Besitzer und Betreiber selbst Metalhead ist. Das hat uns und eine Menge anderer Bands gerettet, die ihre Existenz deshalb auf eine Art diesem Studio verdanken. Auf eine Art hat das natürlich auch das Niveau gesenkt, aber es ist trotzdem eine gute Sache: Bands sollten sich, gerade am Anfang ihrer Karriere, darauf konzentrieren können, ihre Musik zu schreiben, anstatt sich damit herumärgern zu müssen, wie man das Material aufgenommen und abgemischt bekommt, und alles selbst machen zu müssen, ohne an einem Beispiel lernen zu können.
Das alles hat zur Folge, dass es mehr aktive Bands gibt und bessere Ergebnisse erzielt und veröffentlicht werden, was nach so vielen mageren Jahren wirklich ein echter Fortschritt ist. Es gibt keine Entschuldigung mehr, dein Potential nicht ausschöpfen zu können. Es ist unmöglich, das zu erklären, wenn du es nicht selbst durchgemacht hast … aber es ist das frustrierendste überhaupt, mit einem Resultat nicht zufrieden zu sein, weil es dir an Erfahrung fehlt, und sich hilflos zu fühlen, weil dir die Möglichkeiten fehlen, es zu verbessern.

Welche Bands hatten prägenden Einfluss auf eure Musik und was sind heute deine Lieblingsbands?
Die hiesige Prog-Band Osiris war für uns immer ein Vorbild, einfach dafür, dass sie eine eigenständige Band hier aus Bahrain sind. Sie haben mir ermöglicht, jedem zu widersprechen, der mir gesagt hat, soetwas wäre ein Ding der Unmöglichkeit, was wirklich wichtig war, um den Traum am Leben erhalten zu können.
Bands, die uns geholfen haben, unseren Sound zu finden, waren vor allem die „Big 4“ (Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax, A.d.Red.), Overkill, Kreator, Iced Earth, Testament, Fear Factory, Shadows Fall und Exodus … mein persönlicher Musikgeschmack reicht von Motörhead bis Dark Tranquillity. Das Meiste, was du hörst und magst wird auf seine Art am Ende Einfluss auf deine Musik haben. Es gibt so viele beeindruckende Alben von großartigen Künstlern und Bands … es ist nur schwerer zu finden, wenn wir die ganze Zeit mit diesem Mainstream-Zeug bombardiert werden, das größtenteils einfach Mist ist.

Motör Militia - CloakedGlaubst du, dass ihr mit MOTÖR MILITIA im Gegenzug jüngere Metalheads aus Bahrain inspiriert habt, selbst eine Band zu begründen?
Ich weiß, dass das so ist und das fühlt sich wirklich großartig an! Traurig ist allerdings, dass die meisten Bands sich wieder aufgelöst haben, als es schwieriger wurde, was einer Enttäuschung gleichkommt. Hier eine Metal-Band am Laufen zu halten, ist immernoch fast unmöglich. 99 Prozent der Leute geben dem sozialen Druck nach und hören auf, weil das ihr Leben einfacher macht … und wer könnte ihnen das ankreiden. Vielleicht wird es in nochmal 15 Jahren anders und einfacher werden. Besonders stolz macht es einen natürlich, wenn man einen Musiker beeinflusst hat, der nicht aufgegeben hat, als es schwieriger wurde. Und die, die dabeigeblieben sind, haben uns natürlich auch wieder inspiriert. Auf gewisse Art und Weise halten sich die Bands gegenseitig am Laufen.

Was bedeutet dir das Metal-Zeichen, die „Devilhornes“?
Teufelsanbetung natürlich… (lacht). Nein, nicht für mich. Für mich ist das ein Zeichen für Freiheit, Ausdruck, Kameradschaft und Brüderlichkeit.

Und was war deine beeindruckendste oder intensivste Erfahrung verknüpft mit Metal?
Abseits der Bühne, als ich in England in einer Location für knapp 500 Leute in der ersten Reihe stand und Ronnie James Dio gesehen habe, der das „Holy Diver“-Album gespielt hat. Auf der Bühne, als ich das erste Mal erlebt habe, dass das Publikum bei unseren Songs mitsingt.

Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Metal: Die beste Musik, die es gibt!
Bahrain: Ein kleines Land mit viel Herz.
Motörhead: Bestes Beispiel für Integrität und Würde in unseren Zeiten, und verflucht gute Musik!
Deutschland: Das Mecca des Heavy Metal!
Traditionelle Musik aus Bahrain: (lacht)
MÖTOR MILITIA in zehn Jahren: Ein Haufen verbitterter, alter Fürze die dir sagen, was los ist.

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