Interview mit Martin LeMar von Nachtgeschrei

Er ist der neue Sänger von NACHTGESCHREI: Martin LeMar. Lest hier exklusiv und vorab vor allen anderen, wie der Nachfolger von Ex-Fronter Hotti über seine neue Aufgabe denkt, was er von der Folkszene hält und wieso er lieber Taten als Worte sprechen lassen will.

Martin, du bist die neue Stimme von Nachtgeschrei. Kannst du uns zunächst bitte kurz erzählen, wie der Kontakt zur Band entstand und wie ihr schließlich dauerhaft zusammengefunden habt?
Tach auch! ;-)
Der Kontakt kam durch Erik zustande, der nicht nur bei Mekong Delta Gitarre spielt, sondern auch schon seit Jahren bei Nachtgeschrei als Soundtechniker mit unterwegs ist. Bei einem Telefonat ließ Erik fallen, dass Nachtgeschrei auf Sängersuche sei und ob ich vielleicht Interesse hätte – und das hatte ich ja tatsächlich. Erik hat mir dann mal ein paar Playbacks geschickt, damit ich den Jungs was aufnehmen konnte und sie sich auch ein Bild davon machen konnten. Und von da an ging alles sehr schnell. Eigentlich innerhalb von 2 Wochen hab ich dann mehrere Songs zuhause versucht und eingesungen, dann haben wir uns getroffen, geprobt und viel gelacht. 2 Tage später waren wir uns einig, dass das passt wie Arsch auf Eimer.

In der Folk-Szene bist du bis dato ein unbeschriebenes Blatt. Mit deinen bisherigen Projekten wie Mekong Delta und Tomorrow’s Eve bewegst du dich eher in Prog-Rock/Metalgefilden. Wie bist du zum Folk bzw. im Fall von Nachtgeschrei eher Folkmetal gekommen?
Ich persönlich wehre mich ja immer vehement gegen Schubladendenken in der Musik. Gerade in den fünftausend angeblichen „Metal“-Stilrichtungen, die für mich genau genommen alle einfach Metal sind. Ich gebe zu, dass die mittelalterlichen Instrumente natürlich für eine gewisse Soundabgrenzung sorgen, aber generell mach ich einfach schon immer die Musik, die mir gefällt. Dahingehend hab ich mich noch nie wirklich an eine bestimmte Richtung gebunden. Wenn gleich die letzten 10 Jahre stark „progressiv“ waren, um bei dem Schubladenmodell zu bleiben ;-)

Gibt es in der Folkszene bestimmte Sänger oder auch Sängerinnen, von denen du sagen würdest, dass sie im Hinblick auf Bühnenpräsenz, Show, Gesang, etc. ähnlich dem sind, was du verkörperst oder zukünftig verkörpern willst?
Ich denke mal, ich mach das jetzt schon lange genug um ich selbst zu sein und zu bleiben. Ich hab da jetzt nicht wirklich irgendein Idol. Im Hinblick auf Ähnlichkeiten zu anderen Folk/Folkmetal- Sängern bin ich aber definitiv überfragt, da ich da gar nicht mal so viele kenne.

Nachtgeschrei haben seit 2006 insgesamt drei Alben und aktuell ein Best Of veröffentlicht. Von welchen Songs denkst du, dass sie besonders gut zu dir und deiner Stimme passen?
Um ehrlich zu sein, komme ich mit allen Songs sehr gut klar. Aber natürlich sind die ersten Songs, die ich für die Band aufgenommen habe, für mich mit einer besonderen Bedeutung behaftet und werden wohl noch eine ganze Weile zu meinen Favoriten gehören. „Ardeo“, „Herbst“ und „Niob“ haben es mir angetan. Und gerade für die etwas härtere Gangart, die ich ja auch anschlagen kann, ist „Niob“ natürlich ein Heimspiel.

Und umgekehrt: Wo bist du der Meinung, dass dies eher weniger der Fall ist, nicht nur auf Songebene sondern auch stilistisch?
Stilistisch bereitet mir das Material durchweg keine Probleme. Die von meinem Vorgänger gewählten Gesangslinien sind für mich vielleicht nicht immer die Wahl, die ich getroffen hätte, aber ich versuche so nah es nur geht an Hottis Linien zu bleiben. Aber ich kann nicht Mundharmonika spielen, bzw. hab das seit der Grundschule nicht mehr probiert, weshalb ich dann vielleicht bei „Reise zu den Seen“ nur singen kann. Ehrlich gesagt hab ich bisher noch keinen Song im Repertoire gefunden, der mir ein Dorn im Auge wäre, falls du darauf hinaus willst ;-)

Du singst bis dato auf Englisch. Wie ist es für dich, jetzt ausschließlich deutsche Texte zu singen?
Das ist, wie jeder bestätigen kann, der das mal ausprobiert hat, schon ein anderes Gefühl und die Stimme klingt aufgrund der Sprache auch etwas anders als sonst. Da ich aber schon öfter für mich selbst, für Theater und aus diversen anderen Gründen, Lieder in deutscher Sprache gesungen habe, bin ich da jetzt nicht völlig vor mir selbst erschreckt ;-)

Welche Unterschiede ergeben sich für dich als Sänger und Frontmann speziell bei Nachtgeschrei? Wo siehst du besondere Herausforderungen und vielleicht auch Chancen?
Ich denke mal, den größten Unterschied werde ich erst dann merken, wenn wir das erste Mal auf der Bühne stehen. Das Publikum ist auf jeden Fall ein völlig anderes und ich werde wohl nicht mehr ganz so oft bei Instrumentalparts von der Bühne verschwinden müssen. Alles in allem, sehe ich dem Ganzen sehr positiv entgegen und freue mich auf die ersten Konzerte.

Hotti und seine Stimme waren für viele ein charakteristische Merkmal von Nachtgeschrei und einer der Gründe für den wachsenden Erfolg wie z.B. die Support-Tour für Subway to Sally Ende letzten Jahres. Fühlst du dich dadurch irgendwie unter Druck gesetzt oder besonderen Erwartungen ausgesetzt?
Ganz offen gesagt, ist das doch klar. Eigentlich definiert sich der Charakter einer Band zum Großteil durch ihre Stimme und den Fronter. Das macht es für unsere Zunft ja gerade so schwierig, als Studiomusiker oder Tourersatz mal eben ein bisschen Geld zu verdienen, wie es viele Musikerkollegen von mir zum Teil machen. Als Sänger ist man halt immer das Aushängeschild. Und das zu ersetzen ist immer eine schwere Bürde. Ob der Vorgänger jetzt besser oder schlechter war, spielt dabei noch nicht einmal eine Rolle. Oftmals entscheidet Geschmack oder persönliche Bindung, ja Nostalgie darüber, ob ein neuer Sänger vom Hörer angenommen wird oder nicht. Auf der anderen Seite besteht Nachtgeschrei aus sieben Musikern, aber gerade mal einer hat sich verändert. Insofern bleibt die Band zum Großteil dieselbe. Dass es Leute geben wird, die meinen Vorgänger vermissen, oder mich ständig mit Hotti vergleichen werden, bleibt mit Sicherheit nicht aus – aber Stress mache ich mir deshalb eher keinen. Nachtgeschrei bleiben Nachtgeschrei und ich hoffe, die Fans sehen das ähnlich.

Sane meinte bei unserem letzten Gespräch, dass der Ausstieg von Hotti die Band in ihrer Entwicklung rund ein bis zwei Jahre zurückwirft. Wie siehst du das?
Sane meinte eigentlich was anderes damit und es sollte doch betont werden, dass er das auch nicht in musikalischer Hinsicht meinte, sondern in der Dynamik. Denn natürlich hält die Suche nach einem neuen Sänger eine Band in ihrem Schaffen extrem auf. Und gerade wenn man frisch von einer Tour und gut besuchten Konzerten kommt, an einem neuen Album arbeiten und gern weiter aktiv bleiben will, zwingt einen so etwas ja unweigerlich zu einer Pause. Zurückwerfen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Und auf gar keinen Fall in der Entwicklung. So eine Veränderung kann auch im positiven sehr frischen Wind in eine Band bringen und wir setzen gerade die Segel.

Du kennst nun das Nachtgeschrei-Material mit Hotti und warst bereits selbst mit den Jungs im Studio. Wo siehst du die größten Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten bei euch beiden?
Um ganz ehrlich zu sein, möchte ich jetzt nicht ausgerechnet der Erste sein, der mit den Vergleichen anfängt. Aber ich kann so viel verraten, dass die Fans sich darüber schon bald selbst ein Bild machen können.

Du schreibst selbst Songs und auch Arrangements. Hast du bereits erste Ideen, welche neuen Beiträge du bei Nachtgeschrei leisten kannst?
Natürlich wollten die Jungs sehen, ob ich mich auch kreativ einbringen kann und haben mir einen Schwung Aufnahmen von neuen Ideen mit nach Hause gegeben, damit ich mal versuchen könnte, eine Gesangslinie und eventuell sogar einen ersten deutschen Text zu versuchen. Ich kann nur sagen, es hat hervorragend funktioniert – zumindest glaube ich das, denn seither bin ich im Boot ;-)

Was hörst du privat für Musik?
Oh, das ist eine gute Frage. Wenn man bei mir durchs Regal streift, wird man neben diversen Metal Acts und auch CDs von Bands wie Faun oder Subway to Sally, hauptsächlich symphonische Filmmusik und Klassik finden. Ich bin ein großer Fan von symphonischen Orchesterwerken. Ansonsten querbeet von Loreena McKennitt über Tom Jones zu Garth Brooks. Ich bin relativ offen für alle möglichen Dinge.

Und last but not least: Wie willst du besonders die älteren Nachtgeschrei-Fans von dir und deiner Stimme überzeugen?
Auf jeden Fall nicht durch Worte. Ich werde einfach meinen Job so gut wie möglich machen und hoffe doch, dadurch jeden Zweifel im Keim zu ersticken. So lange mir die Leute die Chance lassen, bin ich mir sicher, dass sie sich über Kurz oder Lang selbst überzeugen können.

Ganz zum Schluss würde ich das Interview gerne mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden: Ich nenne dir ein paar Begriffe, und du sagst einfach, was dir dazu als erstes einfällt:
Neuanfang – Chance
Dudelsack und E-Gitarre – leider geil
Rampensau – klingt nach Schlachthof
Wacken – Plastikbecher bei Oli
Fußballeuropameisterschaft – Massenhysterie
https://www.metal1.info – http://www.nachtgeschrei.de

Gibt es abschließend noch etwas, das du selbst unseren Lesern mitteilen willst?
Ich freue mich tierisch auf die nächsten Schritte mit Nachtgeschrei und hoffe, euch bald auf den Konzerten zu sehen. Bis dahin: passt auf euch auf und bleibt anständig unanständig!