Interview mit Sane, Tilman, Oli, Nik, Joe und Stefan von Nachtgeschrei

München, 31. März 2012: Sechs von sieben Musikern versammeln sich vor dem Spectaculum Mundi, um über ihre Zukunft, einen unerwarteten Abschied und eine gemeinsame Geschichte zu sprechen. Sechs von sieben? Ja, denn an eben jenem Tag findet in der bayerischen Landeshauptstadt das letzte Konzert von NACHTGESCHREI in der jetzigen Besetzung statt. Sänger Hotti hat bereits vor einiger Zeit seinen Ausstieg zum April 2012 angekündigt.


Eine Überraschung und auch ein Schock, wie die verbleibenden Bandmitglieder direkt zu Beginn zugeben. Songtitel wie „An mein Ende“, „Der Reisende“, „So weit wie nötig“ oder auch „Fernweh“ – heute bittere Ironie des Schicksals, doch damals für die Musiker keine Vorzeichen für den drohenden Abschied. „Natürlich wissen wir über Hottis Entschluss schon länger Bescheid, aber es traf uns völlig unerwartet“, gibt Gitarrist Tilman zu.
Erst vergangenen Dezember haben die Frankfurter zusammen ihr fünf- bzw. sechsjähriges Bühnenjubiläum (die Meinungen gehen auseinander…) in der Goldenen Kronen in Darmstadt gefeiert. Dabei wurde Hotti von einem ausverkauften Haus auf Händen getragen, kurz nachdem sein Ausstieg offiziell verkündigt worden war. Konzertberichte sprechen von einer „andächtigen Stimmung“ und der Frontmann selbst von seinem wahren Abschied.Doch Tilman betont mehrfach: „Aufhören ist keine Option.“ – und so haben sich die Musiker entschieden, ihren gemeinsamen Weg mit einer letzten Clubtour in Frankfurt, Ulm und München zu beschließen. „Wir wollten einfach weiter spielen“, lautet die lapidare und doch einleuchtende Begründung von Schlagzeuger Stefan auf die Frage, warum Darmstadt nicht der Abschluss für die ersten sechs Jahre gewesen ist. Und seine Begründung deckt sich mit dem Eindruck, den man vom jetzt sängerlosen Sextett gewinnt. NACHTGESCHREI genießt für alle eine Priorität in ihrem Leben – und dabei soll es bleiben. „Andere proben vielleicht alle 14 Tage oder drei Wochen, bei uns ist das regelmäßiger der Fall“, sagt der zweite Gitarrist Sane. Der Lohn der jahrelangen Mühen manifestierte sich besonders in den letzten beiden Jahren: Nicht zuletzt in München spielte die Combo 2011 ein grandioses Konzert, damals zusammen mit Cumulo Nimbus. Natürlich ist die Stimmung ca. ein Jahr später getrübt und manche Themen fallen den Musikern sichtbar schwer, doch von Resignation ist nichts zu sehen. Sane gibt offen zu, dass Hottis Ausstieg NACHTGESCHREI „rund zwei Jahre zurückwirft“. Aber gerade die überaus positiven Erfahrungen als Support der letzten Subway to Sally-Tour im Herbst 2011 haben die Gruppe darin bestärkt, an sich und ihre Kompositionen zu glauben. „Vor dieser Tour haben wir gehofft, dass unsere Musik so gut bei einem größeren Publikum ankommt. Nun wissen wir es.“, bringt es Tilman auf den Punkt. Und fügt hinzu: „Ironischerweise war damals das letzte Konzert ebenfalls in München und von der Stimmung bei uns bandintern war es ähnlich.“ Gemeinsam wollen sie hier nun eine neue Zeitrechnung bei NACHTGESCHREI beginnen. Stefan erklärt: „Als ich als neuer Schlagzeuger dazugestoßen bin, ist das wohl den wenigsten aufgefallen. Aber wenn eine Band ihren Sänger tauscht, ändert sich sozusagen alles.“
So wie 2005 bei der Letzten Instanz: Robin Sohn verließ die Band ebenso überraschend wie Hotti. Nach über einem Jahr Pause fand sich schließlich mit Sänger Holly der langersehnte Ersatz. Der Wiedereinstieg fiel der Band schwer, es dauerte einige Jahre, bis die Instanz wieder Fuß gefasst hatte. „Wir haben uns mit der Instanz erst vermehrt beschäftigt, als sie zunehmend in unserem Kontext genannt wurde“, entgegnet Dudelsackspieler Nik auf die gezogene Parallele. „Ich finde, man merkt dort sehr deutlich, dass die Band in ihrer jetzigen Form organisch gewachsen ist. Und sie spielen auch noch die alten Stücke. Es kann ganz spannend sein, diese mit einer anderen, neuen Stimme zu hören“, ergänzt er. Diese neue Stimme: NACHTGESCHREI suchen sie noch. Dabei sind Gesang und Charakter „fast gleich wichtig“, wie Tilman zugibt. Die meisten Entscheidungen fällt die Band demokratisch. Ein neuer Sänger muss in dieses Gefüge passen – notfalls „mit Gewalt“ wie Stefan lauthals lachend anfügt.
So blicken die Musiker einerseits mit einem weinenden und andererseits auch mit einem lachenden Auge gleichermaßen in die Zukunft und in die Vergangenheit. Eine bewusste Aufgabenverteilung hat es zu Beginn nicht gegeben. Nach und nach fanden die Musiker zusammen. Vieles ergab sich einfach mit der Zeit von selbst und so wirkt es, als ob der Sechser bei der Sängerfrage ebenfalls darauf vertraut, dass der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort erscheint. Hottis Ausstieg hätte dabei zeitlich nicht schlechter kommen können: Konsequent führt die Hessen ihr Weg immer weiter nach oben, bis dato gekrönt vom letzten Album „Ardeo“, welches „den Hörer erst beim zweiten Mal so richtig packt“, wie Stefan anfügt. Davor wurde bereits bei „Am Rande der Welt“ gewaltig an der Produktion gefeilt. Seit zwei Alben haben die Musiker ein festes Studio. Die Labelsuche war indes bereits mit ihrem Debüt „Hoffnungsschimmer“ erfolgreich: So arbeiten NACHTGESCHREI seither mit Massacre Records zusammen. Insgesamt drei Alben mit 36 Songs sind im Laufe der letzten Jahren entstanden. Was davon auf keinen Fall in einer Setliste fehlen darf? Auch hier gehen die Meinungen auseinander, keiner möchte repräsentativ für alle sprechen. Am Ende herrscht dennoch Einigkeit darüber, dass „Herz aus Stein“ und „Herzschlag“ quasi zum Live-Inventar gehören – sowohl auf den großen Festivalbühnen als auch bei intimeren Clubkonzerten.
Neues Material gibt es ebenfalls, wenngleich noch keine weiteren Gigs für 2012 oder gar eine neue CD-Produktion anstehen. „Natürlich werden die neuen Stücke in Abhängigkeit des neuen Sängers noch einmal ein anderes Gesicht bekommen“, sagt Nik. Dennoch: Das harte Folkkorsett soll bleiben. Auch ein „Reise zu den Seen“ könnte es weiterhin geben, wie Sane anmerkt. „Das Stück habe ich geschrieben und eingespielt. Das geht weiterhin“, sagt er zuversichtlich.
Der größte Verlust für die Band, darüber sind sich alle einig, ist Hottis einzigartige Stimme. Unkten manche Medien (dieses hier eingeschlossen) zunächst noch über eine Mischung aus Kermit dem Frosch und Herbert Grönemeyer bzw. „verwiesen auf Heinz Rudolf Kunze“ (wie Drehleierspieler Joe anfügt), so sind diese kritischen Stimmen mittlerweile verstummt. Bassist Oli hat eine ganz eigene Meinung dazu: „Mir war von Anfang an klar, dass niemand mehr in zwei bis drei Alben über seine Stimme diskutieren wird.“ Und er sollte Recht behalten. Doch gerade Hottis beachtliche Entwicklung entwickelt sich nun zur größten Herausforderung in der Bandgeschichte. Einen Weg zurück scheint es nicht zu geben. Zwar ergänzt Oli mehrdeutig: „Man soll niemals nie sagen. Wir haben z.B. neulich zusammen die Sentenced-DVD von ihrem Abschiedskonzert gesehen. Dort kam der erste Sänger für ein paar Songs noch einmal zurück. Das war schon sehr cool.“ Doch Sane gibt sich eindeutig: „Allerdings folgt nun erst einmal ein klarer Schnitt und wir wollen zu sechst mit einem neuen Sänger weiter unseren Weg gehen.“


Doch vor diesem Schnitt betreten NACHTGESCHREI noch einmal zusammen die Bretter, die im Laufe der Zeit nur noch für sechs Siebtel der Band die Welt bedeuten. Das instrumentale Intro „Ad Adstra“ mit dem fließenden Übergang zu „An mein Ende“ ist bereits hinreichend liveerprobt, sowohl in den Clubs als auch auf Festivals. Ein letztes Mal krachen die Gitarren und nacheinander betreten die Musiker jeweils laut umjubelt die Bühne. Schließlich stößt Hotti ein letztes Mal dazu und verbeugt sich wie immer zu Beginn vor der Menge, bevor er mit „Ab vom Wege unter Fichten…“ den textbasierten Teil des Stücks einleitet. Nach dem etwas hymnischeren „Kein reiner Ort“ drehen NACHTGESCHREI erneut an der Temposchraube: Zusammen mit dem Publikum rocken sich die Musiker noch einmal bei „Niob“ die Edelmetalle aus dem Leib. Anschließend widmet Hotti das folgende „Räuber der Nacht“ allen bekannten Gesichtern in den ersten Reihen, die die Band bereits die letzten Tage in Ulm und Frankfurt begleitet haben. Ohne Hintergrundwissen könnte man an diesem Punkt auch von einem weiteren, gewöhnlichen NACHTGESCHREI-Konzert sprechen.
Bei „Ardeo“ ändert sich dies schließlich ein wenig: Dabei tragen seine teils langjährigen Wegbegleiter den charismatischen Frontmann noch einmal auf ihren Händen. Dieser kneift anfangs tapfer die Lippen zusammen und später huscht ihm beim Anblick mancher Anwesender mehrfach ein Lachen über die Lippen, bevor er zurück zur Bühne bugsiert wird. Doch man merkt ihm an, dass er teilweise mit seinen Gefühlen kämpft – selbst wenn er wenig später als Überleitung zu „Herz aus Stein“ meint: „Ich bin eigentlich eine kleine Drecksau.“


Diese durfte er bei eben jenem Song und dem anschließenden „Herzschlag“ noch einmal herauslassen. Ein grandiose grandiose Songkombination, die viele Stärken von NACHTGESCHREI noch einmal unterstreicht, besonders im Hinblick auf die Arrangements von Gitarren, Dudelsäcken und Schlagzeug. Die Akustik im Spectaculum Mundi erfüllte dabei ihren Zweck, ist aber auch weiterhin ausbaufähig. Die Musiker harmonieren indes sehr gut, wirken wie eine geölte, eingespielte Maschine. Mehrfach wird deutlich, wie tragisch Hottis Verlust und die derzeit kaum absehbaren Folgen für NACHTGESCHREI insgesamt für die Folkrock/Folkmetal-Szene sind. „Fernweh“ und „Windstill“ geraten als (temporärer) Abschluss nach einem viel zu kurzen Abschlussgig sinnbildlich. Mehrfach stellt Hotti bei Zweiterem rhetorisch die Frage „Hört ihr mich?“ – und die Antwort fällt eindeutig aus. Zwar merkt man vereinzelt an den trägen Reaktionen im Saal, dass München nicht zu den NACHTGESCHREI-Hochburgen zählt, aber das ausverkaufte Spectaculum Mundi gibt sich alle Mühe, um Hotti einen würdigen Abschied zu bescheren.
Am Ende ist alles gesagt und (fast) alles gespielt, doch nach einem kurzen Abgang kehrt Hotti schließlich mit einem Mikro in der Hand zurück und richtet einige Worte an die Anwesenden. Er spricht kurz darüber, dass sich sein Leben grundlegend verändern wird und er demnach keinen Platz mehr für Nachtgeschrei hat. Zudem bedankt er sich bei seinem Tontechniker, den er spaßeshalber neben seinen Eltern namentlich erwähnt. Abschließend fordert er die Anwesenden auf, die übrig gebliebenen Jungs weiterhin zu unterstützen und wirklich alle scheinen gewillt, das zu tun. War der Abschiedsschmerz die meiste Zeit über durchaus verkraftbar, so gerät das akustische „Reise zu den Seen“ nebst sitzendem Publikum zum sentimentalsten Moment des Konzerts. Und getragen von den ewigen Winden finden Hotti, Sane, Nik und Co. zum Schluss noch ein letztes Mal zusammen die Glut in den Augen. Dass danach unwiederbringlich das Ende von Nachtgeschrei in bekannter Form gekommen ist: Nicht nur die bereits leicht aufgehellte Saalbeleuchtung deutet es an. So setzt Hotti zu einer letzten Verbeugung an und bedankte sich für „die geilste Zeit meines Lebens“. Was aus München bleibt, ist ein würdiger, wenngleich kein denkwürdiger Abschied in eine ungewisse Zukunft. Doch eines haben NACHTGESCHREI in den letzten Jahren zweifelsfrei bewiesen: Mit Hingabe und Durchhaltevermögen ist es selbst in der teils überladenen Folk/Mittelalter-Szene möglich, mit einem bekannten Rezept neue Akzente zu setzen – es kommt nur auf die Mischung an. Oder um es mit Kurt Cobain zu sagen: „It’s better to burn out than to fade away.“


Setliste:
Ad Astra
An mein Ende
Kein reiner Ort
Niob
Räuber der Nacht
Herbst
Ardeo
Lauf
Herz aus Stein
Herzschlag
Meister
Fernweh
Windstill

Fiur / Muspilli
Windfahrt

Reise zu den Seen
Glut in euren Augen