Interview mit Tomi Göttlich von Rebellion

REBELLION spielen seit nunmehr 16 Jahren kompromisslosen Heavy Metal. Nach vielen Höhen und ein paar Tiefen hat sich die Band mit Shakespeares „King Lear“ zum zweiten Mal einen Literaturklassiker zum Vorbild genommen. In unserem Interview haben wir bei der Band nachgefragt, woher die Idee dazu kam, wie sie den machtvollen Sound des Albums aufgenommen haben und was die Band von den ewigen Vergleichen mit Grave Digger hält.

Ihr habt mit REBELLION gerade ein neues Album fertiggestellt, zu dem es inzwischen auch die ersten Rezensionen gibt. Wie zufrieden seid ihr bisher mit den Reaktionen der Presse?
Wir haben den Eindruck, dass die CD gut ankommt. Das freut uns natürlich sehr.

Sind Rezensionen für euch überhaupt noch ein großes Thema oder beachtet ihr die kaum?
Wir lesen sie schon, aber natürlich spiegelt jede Rezension erst einmal den persönlichen Geschmack des Verfassers wider. Wichtiger sind für uns eher die Reaktionen unserer Fans.

Für mich persönlich sind Sprechpassagen im Heavy oder Power Metal immer ein zweischneidiges Schwert. Zwar sichern sie Atmosphäre, aber sie wirken auch schnell arg cheesy. Seht ihr das Risiko auch? Was waren die Gründe, warum ihr sie dennoch konsequent einsetzt?
Nein, das Risiko sehe ich nicht wirklich, ich finde das auch nicht grundsätzlich cheesy. Ich finde eher, dass es zur Atmosphäre beiträgt, wenn es gut gemacht ist. Und mal ernsthaft, wie willst du ein ernsthaftes Konzeptalbum über ein Stück von Shakespeare machen ohne Sprechpassagen? Das wäre in meinen Augen schlicht unmöglich. 

Im Booklet eures Debütalbums hast du noch deiner ehemaligen Lehrerin gedankt, die dich mit dem Drama „Macbeth“ bekannt gemacht hat. Habt ihr „King Lear“ auch in der Schule kennengelernt oder woher kam die Entscheidung für genau dieses Werk?
Micha kam mit der Idee an und mir gefiel der Gedanke gut, ich hatte den „Lear“ schon einmal privat gelesen und fand es extrem spannend, mich eingehender mit dem Stück zu beschäftigen.

2010 habt ihr drei Mitglieder von REBELLION verloren. Gab es damals eigentlich den Punkt, an dem ihr gesagt habt: „Ach kommt, lassen wir es bleiben!“?
Ja, den Punkt gab es schon, aber wir bekamen extrem viele Fan-Mails aus der ganzen Welt und das brachte uns zum Umdenken. Ich wollte gerne eine Band haben, in der ich mit meinen Kumpels zusammen spielen kann und die regelmäßig probt. Der Neuaufbau gab mir die Chance, REBELLION genau so zu gestalten und das habe ich dann auch getan.

Mit eurem neuen Album knüpft ihr direkt an euer Debütalbum an. Warum gerade jetzt?
Eigentlich gab es dafür keinen direkten Grund, wie gesagt, Micha hatte die Idee und mir hat sie gefallen, mehr ist da eigentlich nicht dran.

Wir müssen unbedingt über den Sound auf eurem neuen Album sprechen. Ich finde ihn beeindruckend stark, direkt und in genau dem richtigen Maße sauber und dreckig zugleich. Was habt ihr dafür getan?
Wir haben nur zwei Gitarren aufgenommen und diese beiden extrem links und rechts gepannt. Da entsteht in der Mitte viel Raum für Gesang und Bass. Normalerweise nimmt man heute eher 30 Gitarrenspuren auf und legt die überall in den Raum, dann fällt es auch nicht so auf, wenn die eine oder andere Spur nicht so sauber eingespielt ist, weil die schiere Masse das einfach überdeckt, aber du hast dann halt auch keine richtige Dynamik. Wenn du das so machen willst wie wir, muss es halt schon extrem sauber eingespielt sein. Wir haben deswegen alle Songs im Proberaum geübt bis zum Erbrechen. Wir haben bei den Drums komplett auf Triggersignale verzichtet, dafür aber einen hohen Anteil von Raummikrophonen beigemischt. Normalerweise macht man das nicht, weil man dann nicht mehr so gut schneiden kann, in unserem Fall war das eher egal, da wir eigentlich keine Obverdubs auf der CD haben, stattdessen haben wir halt den einen oder anderen kleinen Spielfehler drauf gelassen. So bekommst du einen Sound, der relativ nah am Livesound der Band ist. Früher in den 80ern haben das eigentlich fast alle Metal-Bands so gemacht, heute dagegen nimmst du meist eine Platte auf, ohne die Songs vorher gespielt oder teilweise sogar gehört zu haben. Da musst du halt schneiden und tricksen und letztlich merkt man das schon am Endprodukt, es ist dann halt mehr Computerbastelei und weniger eingespielte Musik.

Welchen Stellenwert haben für euch die Produktion und der Sound im kreativen Prozess?
Im kreativen Prozess des Songwritings ist das eigentlich gar nicht so wichtig – wenn die Band nicht so gut eingespielt wäre, hätten wir auch gar nicht mit diesem Sound aufnehmen können. Aber so ergab sich das natürlich ganz gut, da der Sound perfekt zur Thematik passt.

Gibt es Alben, bei denen du sagen würdest: Dieser Sound setzt den Standard?
Nein, ich denke nicht, Sound ist immer auch eine Frage des Geschmacks und Standards können schnell kreative Ideen platt machen. Ich denke eher, dass man offen sein sollte für spezifische Situationen und dann aus den gegebenen Umständen das Beste machen sollte. Eigentlich sind alle REBELLION-Platten so entstanden, dass wir den Songs Raum gegeben haben, sich in ihre eigene Richtung zu entwickeln, anstatt sie in Korsagen und Standards zu pressen. Deswegen klingt auch jede REBELLION-CD anders.

Ihr seid nun seit 2002 gemeinsam als REBELLION unterwegs, nachdem du und Uwe Lulis Grave Digger verlassen hatten. Stört es euch eigentlich, dass euer Stil immer noch mit dem von Grave Digger verglichen wird?
Nein, das stört mich nicht wirklich. Ich dachte früher, dass das ein Kompliment sei, allerdings finde ich mittlerweile, dass die neuen Grave-Digger-Produktionen, soweit ich sie gehört habe, sich wiederholen. Aber das ist vielleicht einfach auch mein persönlicher Geschmack, ich will keinem auf die Füße treten.

Mit all der Szeneerfahrung auf dem Buckel: Wie beurteilt ihr den momentanen Zustand der Heavy-Metal-Szene? Wie seht ihr z. B. als Band mit eher ernsten Themen das Aufkommen des Party Power Metals mit Vertretern wie Sabaton oder Powerwolf?
Ach, das ist doch völlig in Ordnung, jeder soll das so machen wie er möchte. Ich selber muss ja nicht alles gut finden, aber so lange es Leute gibt die das gut finden soll es das auch geben, es erhält die Szene doch am Leben. Und mal so ganz nebenbei, so schlecht finde ich jetzt Sabaton und Powerwolf gar nicht.

Ihr habt eine Tour unter dem Motto „King Lear meets Macbeth“ angekündigt. Was erwartet die Besucher da?
Wir werden verstärkt Stücke von der „Macbeth“ spielen, sicherlich vier oder fünf Stücke, dazu noch etwa genauso viele von der „Lear„-CD. Dafür müssen natürlich einige heilige Kühe geschlachtet werden, sprich Songs, die wir schon ewig spielen, werden aus dem Programm fliegen. Aber wie du vielleicht an meinen obigen Antworten erkannt hast: Ich mag durchaus Veränderungen, auch wenn der eine oder andere Fan sein persönliches Live-Lieblingsstück vermissen wird. Aber dafür bekommt er ja was anderes um die Ohren gekloppt. lacht

Herzlichen Dank für deine Zeit! Zum Abschluss würde ich gerne das traditionelle Metal1.info-Brainstorming mit dir machen. Was fällt dir knapp und als erstes ein, wenn du folgende Begriffe liest?
Goethe:
Namenspatron meiner Schule, heute ein Klassiker, zu seiner Zeit sicherlich schon ein rechter Draufgänger, war nicht so ganz ohne der junge Wolfgang … lacht
Regierungsbildung in Deutschland: In schweren Zeiten dauert das halt etwas länger, so ist das in der Demokratie halt – Kompromisse brauchen Zeit.
Deaf Forever: Das ist Lemmy jetzt leider wirklich. Ich hoffe, er sitzt in Valhalla und nicht auf einer Wolke oder eine Oase mit lauter Jungfrauen … Huren machen eindeutig mehr Spaß, das sollte einer den Islamisten vielleicht mal verraten, zumal sich das nach Lemmys Übersiedlung eh erledigt haben dürfte, wenn er denn in der Oase gelandet sein sollte.
Spotify: Ich weiß, was das ist, aber ich hab damit privat nichts zu tun … ich bin halt so’n alter Sack, der gerne CDs hört.
Interviews: Führe ich am liebsten persönlich oder am Telefon. Mit dir hätte ich mich sehr gerne unterhalten, denn deine Fragen lassen vermuten, dass du ein spannender Gesprächspartner bist. Diese Mail-Interviews sind mir echt ein Graus, irgendwie fühlt sich das so an wie eine CD mit programmiertem Schlagzeug – aber wie gesagt, ich bin halt ein alter Sack … lacht