Konzertbericht: Comeback Kid w/ Support

06-26-2012 München, Orangehouse (Feierwerk)

Manche Bands sieht man einmal im Leben live, andere Bands sieht man dafür pro Jahr mehrere Male. Manchmal sogar so oft, dass einem die Lust darauf vergeht, diese Band noch einmal in naher Zukunft zu sehen. In der Schnittstelle zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich seit vielen Jahren die kanadischen Hardcore-Heroen COMEBACK KID. Sei es als Headliner oder in einer der diversen Eastpak-oder-etwas-das-mit-Skateboards-zu-tun-hat-Touren macht die Band im Regelfall einmal pro Jahr in der bayrischen Landeshauptstadt Halt – und schafft es trotzdem immer wieder, ihre treue Fanschar zu motivieren in die Konzertlocations zu strömen.
Dieses Jahr, obwohl oder gerade eben weil schon Monate vorher angekündigt, war die ursprünglich anvisierte Kranhalle allerdings doch eine Nummer zu groß, sodass die ohne neues Album durchgezogene Mini-Tour kurzerhand in das etwas kleinere Orangehouse verlegt wurde.


Als wir zum offiziellen Konzertbeginn schließlich das Orangehouse betreten, ist dieses dafür allerdings bereits ordentlich gefüllt. Das ist vor allem für die Münchner von MARATHONMANN sehr schön, welche die Kanadier auf ihrer Europa-Tour supporten und heute Heimspiel haben. Ihr Sound zwischen melodischem Hardcore und Post-Hardcore, der auch erste Ansätze der US-Wave-Bewegung nach Deutschland spült, wird vom Publikum artig beklatscht – leider lässt es sich nicht dazu bewegen, die obligatorische Lücke vor der Bühne aufzufüllen. Sänger und Bassist Michi weiß mit seinem heiseren Shouting sehr zu gefallen, auch die deutschen Texte zeugen davon, dass hier kein stumpfer 08/15-Hardcore abgeliefert wird. Beim unbestreitbaren Hit „Die Stadt gehört den Besten“ übertreibt es die Band dann allerdings mit ihrem erhofften Bekanntheitsgrad: Die Aufforderung mitzusingen kommt beim Publikum überhaupt nicht an, sodass immer wieder ein paar gesanglose Pausen entstehen. Was die Band geritten hat, dass sie nach „Die Stadt gehört den Besten“ den Song „Briefe von gestern“ spielen, der mit exakt der gleichen Melodie beginnt, wird ihr Rätsel bleiben. Insgesamt liefert die Band definitiv einen soliden Auftritt ab, ein wenig mehr Abwechslung und vor allem eine größere Hitdichte wäre allerdings wünschenswert. Das Debüt-Album wird gerade aufgenommen, weswegen man in Zukunft sicher mehr von MARATHONMANN hören wird.


Anschließend ist es an den Holländern von NO TURNING BACK die Menge weiter anzuheizen und auf Betriebstemperatur für den heutigen Headliner zu bringen. Mit ihrem 2011 veröffentlichten Album „Take Control“ im Gepäck, lassen die fünf Mannen von Beginn keine Zweifel aufkommen, was die nächsten 40 Minuten auf und vor der Bühne geschehen wird: Fette, aggressives Riffing, gepaart mit wütendem Shouting, fieses Geballer abgewechselt mit 2-Step-Teilen und knackige, maximal drei Minuten lange Songs. Im Vergleich zu Marathonmann springt hier von der ersten Minute an der Funke auf das Publikum über und einige Fans beginnen ihren rituellen Hardcore-Tanz. Das Posen der Band auf der Bühne wirkt bei alledem leider zu sehr gewollt und vor allem auch zu prollig. Sicher, die Band hat Spaß an ihrer Musik und liefert dem Publikum eine solide Show – ganz persönlich werde ich mit dem sehr stumpfen, nahezu vollständig auf Melodien verzichtenden Hardcore-Geballer allerdings nicht warm. Wirklich charakteristisch bleibt von NO TURNING BACK leider nichts in Erinnerung, sodass sie im Archiv unter „Standard-Hardcore-Band“ abgelegt werden. Das Publikum scheint meine persönliche Meinung nur bedingt zu teilen, da neben den kopfnickenden Beiständern zum Ende des Konzerts hin auch die aktivere Publikumsbeteiligung im Pit sichtbar zunimmt. Umso besser, scheint die Tour-Kombo aus Melodie und Härte doch bestens zu funktionieren.


Warum das Publikum in das sich in der Umbaupause bis auf den letzten Platz füllende Orangehouse gekommen ist, steht den gesamten Abend über zu keinem Zeitpunkt zur Debatte – bis auf die zwei offensichtlich stark alkoholisierten und sehr lauten Fans, welche sich die Zeit bis zum Konzertbeginn mit Johlen, Fechten (mit anwesenden, schmächtigen Kids als Degen) und Rückwärtssalti vertreiben, und somit eher wegen Freund Alkohol die Reise ins Feierwerk angetreten haben dürften. Als schließlich COMEBACK KID unter Gitarrenfeedback die kleine Bühne entern und Fronter Andrew Neufield das Publikum ganz nach vorne bittet um mit knallrotem Kopf ein „Hello Munich, this is COMEBACK KID and our first song is called „Talk Is Cheap“ ins Mikro zu brüllen, geht der Abend so richtig los: Das gesamte Orangehouse brüllt die Textzeilen mit, Leute entern die Bühne und versuchen sich am Stagediven, die Band versprüht eine unfassbare Energie und alle haben eine unglaublich gute Zeit. Der Sound ist etwas basslastig, weiß insgesamt aber für diese Location voll zu überzeugen. Ohne wirkliche Verschnaufpause haut die Band einen Hit nach dem anderen raus, um bereits an vierter Stelle im Set den ersten Song vom ersten Album „All In A Year“ zu spielen, welcher vom Publikum mit ersten Tanzeinlagen goutiert wird. In den wenigen Pausen bedankt sich Andrew für den unermüdlichen Support der Fans, freut sich, nach so vielen Jahren und allen anderen Feierwerk-Locations endlich auch im Orangehouse spielen zu dürfen und stellt nach einer kurzen Nachfrage fest, dass beinahe das gesamte Publikum COMEBACK KID bereits mindestens einmal live gesehen hat.
Im Mittelpunkt des Abends steht allerdings die Musik, und Andrews Ankündigung von allen Alben der Bandgeschichte Songs zu spielen ist kein leeres Versprechen. Die Band haut dem energiegeladenen Publikum einen Hit nach dem anderen um die Ohren. Besonders „Fallse Idols Fall“ vom Überalbum „Wake The Dead“, sowie der neue „heimliche“ Hit „G.M. Vincent And I“ werden frenetisch abgefeiert, bis es schließlich so weit ist, eine noch bekanntere Melodie ans Ohr dringt und das gesamte Orangehouse mit einstimmt „You said you said you said this time was gonna be different – WAKE! UP! THE! DEAD!“ Nach diesem episch zelebrierten Einstieg steht in den nun folgenden drei Minuten niemand still und spätestens bei der Klimax des Songs hat jeder und jede in der Halle seine Faust in die Luft gestreckt um ein „RISE!“ gen Bühne zu brüllen. Schweißgebadet verlässt die Band die Bühne, lässt sich allerdings tatsächlich noch einmal zurück bitte und feuert mit „Die Tonight“ vom Debüt-Album noch einen weiteren Hit ins Publikum. Danach ist es allerdings nach knapp 55 Minuten leider schon wieder vorbei und ein glückliches Publikum verlässt das Feierwerk.
Klar, neue Songs hatte die Band heute abend nicht im Gepäck. Klar, wenn man auf alternativen Musikfestivals ist, sieht man die Band wahrscheinlich pro Jahr mindestens einmal (zumindest theoretisch). Und klar, die Band geht quasi permanent in Deutschland auf Tour. Aber klar ist auch: COMEBACK KID gehören zur absoluten Speerspitze wenn es um melodischen, energiegeladenen, aggressiven Hardcore geht. Das niedrige Orangehouse konnte sich letzten Endes als besser für schweißtreibenden Hardcore empfehlen, als es die etwas sterile, hohe Kranhalle bei beispielsweise More Than Life konnte und die Vorbands haben ihren Job mehr als erfolgreich erfüllt. In diesem Sinne: gerne wieder. Bis nächstes Jahr.

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