Konzertbericht: Die Kammer w/ DELVA

04.03.2016 München, Spectaculum Mundi

Wenn Nürnberg nicht will, dann übernimmt eben München. Genauer gesagt springt das Spectaculum Mundi mit seinem Musica-Antiqua-Viva-Festival 2016 für das Frankenland ein, um DIE KAMMER erstmals als Hauptact in die bayerische Landeshauptstadt zu holen. Zuvor gastierten die Musiker bereits als Support von Schandmaul im Circus Krone in München. Das „akustische Alternativ-Orchester“ rund um die beiden Frontstimmen Matthias Ambré (Ex-ASP) und Marcus Testory (Ex-Chamber) ließ sich nicht lange bitten, die alljährliche Konzertreihe dieses Jahr zu eröffnen. Mit dabei haben die Musiker neben eines bezaubernden Supports auch einen prominenten (Aushilfs-)Mitstreiter am Cello.

Im Gegensatz zu Die Kammer ist DELVA-Frontfrau Johanna Sophie Krins eine alte Bekannte im Spectaculum Mundi. Vor drei Jahren debütierte sie unter ihrem alten Pseudonym Jo!Hanna als Support von Eric Fish, 2015 stellte sie ihr neues Projekt DELVA im Vorprogramm von FolkNoir vor. Ebenso wie im Vorjahr überzeugt die talentierte Sängerin auch 2016 mit ihrer glockenklaren Stimme und düsterromantischen Texten. Zu den Liedern der Debüt-EP „DELVA“ gesellen sich an diesem noch ein neuer Song und einige irische Traditionals, die Johanna liebevoll als ihre „irischen Schätzchen“ ankündigt – und sie ebenso vertont. Das Ergebnis ist tiefgründig und dennoch leicht bekömmlich, da Johanna ihre Stimme gezielt einzusetzen weiß und die Zuhörer dadurch fesselt, ohne monoton zu werden. Gleichzeitig ist die primär mit Geige, Gitarre und Percussion ausgestaltete Musik von DELVA ein hervorragendes Entrée für Die Kammer. Erstaunlich wandelbar für eine so junge Band präsentiert sich das Trio vor heimischem Publikum eingebettet in ruhigen, melancholischen Klangwelten.

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DIE KAMMER nutzt die Steilvorlage seines Supports, der zufällig nach dem Ausfall der eigentlichen Tourbegleitung eingesprungen ist und im späteren Verlauf noch einmal in Erscheinung tritt. „Wir wollen die Sonne, wir wollen die Sterne, den ganzen Himmel – wir wollen so viel. Wir laufen weiter und weiter und weiter. Erreichen dennoch niemals das Ziel“, spricht die angenehme Stimme von Synchronsprecherin Sabine Bohlmann aus den Boxen und leitet damit das Kammerkonzert der besonderen Art ein, welches mit dem Titeltrack zur aktuellen Studioproduktion „Solace in Insanity“ beginnt. Während der folgenden Kapitel zu „Sophie’s Circus“ kristallisieren sich fix die Besonderheiten des Projekts heraus: Mit ihrem Akustik-Projekt scheinen Ambré und Testory zusammen ihre musikalische Bestimmung gefunden zu haben, die sich durch allerlei Streicher, Tuba, Melodica, Glockenspiel, Spieluhr und weitere akustische Klangerzeuger auf der Besetzungsliste wohltuend von kitschiger Mittelaltermarktromantik abhebt. Dazu trägt an diesem Abend auch Gast-Cellist Benni Cellini von der Letzten Instanz bei, der sich mit neuer Frisur (ohne seine roten-schwarzen Dreadlocks) präsentiert und Stammcellistin Veronika kurzfristig ersetzt.

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Nach der ausführlichen Hinführung zum Kammerstil bewegen sich die Musiker mit ihren (Kammer-)Geschichten anschließend von düster-morbide über herzergreifend-romantisch bis augenzwinkernd-amüsant. Jener Aspekt lebt besonders durch den österreichischen Einschlag in Marcus Testorys ausdrucksstarker Bass-Stimme auf, die er gleichermaßen intensiv wie unterhaltend einsetzt. Im Zentrum der in Seasons geclusterten Kompositionen stehen das L(i)eben. Wie z.B. in „The Drunk Welshman“, einer leichtfüßigen Hymne an das hiesige Dasein. Bevor zu „Gingerbread Heart“ vereinzelt Lebkuchenherzen im Publikum geschwenkt werden, dringt „Love For Life“ vergleichsweise poppig über die Lautsprecher. Ein kurzer Ausflug, wie sich schnell zeigt, denn besonders das düster-gallige „Intoxication Intravenous“ und das rockige „Carnival Of The Peculiar“ gegen Ende beweisen, dass jegliche Pop-Avancen lediglich weitere Facetten des Orchesters zeigen. Im ruhigen Mittelteil werden zum Balladendreier „The Grand Graveyard Of Hopes“, „Will You Close My Eyes“ und „Mirror“ die bereitgestellten Kerzenständer entzündet, ehe Johanna Krins für das Duett „The Way You Are“ noch einmal die Bühne betritt und mit ihren beiden männlichen Pendants beweist, wie ungezwungen harmonisch sich die beiden Projekte ergänzen.

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Die „Sinister Sister“ mit ihrem blutigen Hackebeil leitet schließlich das vorläufige Konzertende ein, ehe DIE KAMMER einen Sprung zu ihren Anfängen wagt und den Zugabenblock mit „The Orphanage“ beginnt, zu dem die beiden verstoßenen, ehemaligen Wegbegleiter von ASP ein paar Worte über ihr damaliges Gefühlsleben verlieren, das zu diesem Song geführt hat. Nach nochmaligen Rufen des Publikums und den „Final Days (Of Mankind)“ endet das Konzert schließlich final mit einer weiteren hervorragenden Kooperation beider Kapellen im Rahmen von „Black As Coal“.

Wie auf ihren drei Alben lebt DIE KAMMER live von ihren geradezu opulenten Alleinstellungsmerkmalen, allen voran der Tuba, und hervorragenden Arrangements, die besonders auf den letzten zwei Veröffentlichungen noch mit dem fehlenden Drive des Erstlingswerks unterfüttert worden sind. Dieser Klangkosmos irgendwo zwischen Wienerlied, Folk und Hochklassik ist ein liebevoll gestaltetes, handgemachtes Kleinod, dessen volles Potential sich erst noch entfalten wird – wenn sich die Hörerschaft an die fundierte Qualität der Vollblutmusiker heranwagt. Eine wahrlich wünschenswerte Entwicklung!

 

 

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