Am 15. November heißt es im Backstage erneut: TANZT! Seit der ersten Ausgabe 2007 hat sich das Indoor-Festival fest in der Szene etabliert – kein Wunder: Die Besucher:innen schätzen die familiäre Atmosphäre, die kurzen Wege und nicht zuletzt die stets hochklassige Bandauswahl. Auch 2025 deckt das abwechslungsreiche Line-up wieder die gesamte Bandbreite zwischen Folk, Mittelalter-Klängen und härteren Rock- bzw. Metal-Sounds ab.

Den Bogen zwischen traditionellen Melodien und härteren Riffs spannen REMEMBER TWILIGHT als Auftakt direkt in ihrem Set: die eine Hälfte spielen die Musiker akustisch, die andere plugged. Dafür holen sie sich gleich doppelte Unterstützung von TALES OF NEBELHEYM mit ins Boot, deren Sänger Teddy eine gelungene Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ beiträgt. Bei REMEMBER TWILIGHT muss Cellist Christoph kurzfristig passen, womit die verbleibenden Musiker erfreulich offen und sympathisch umgehen. So wird ein Cello-Intro vom Band einfach gemeinsam simuliert bzw. zelebriert. Apropos sympathisch: Ihr Set beginnen die Baden-Württemberger mit einem Cover von „Das Amulett“ von COPPELIUS, die ihre TANZT!-Show kurzfristig absagen mussten. Die Show von REMEMBER TWILIGHT verläuft leider nicht ganz ohne technische Probleme und auch der Wechsel zwischen den beiden Sets dauert zu lange, doch als Opener geht die Combo mit ihrem vielfältigen Stilmix in Ordnung.

Zu VOGELSANG füllt sich der Zuschauerraum noch einmal deutlich mehr. Mit Auftritten wie beim FESTIVAL-MEDIAVAL etabliert sich die neu formierte Band gerade immer weiter in der hiesigen Folk- und Mittelalter-Szene. Das passende Liedmaterial hat Sören in seiner Zeit als Solokünstler verfasst und nun für VOGELSANG adaptiert. Stücke wie „Optismus Prime“ von seinem letzten Album profitieren davon ebenso wie die LARP-Songs „Burschen, Burschen“ oder der Opener „Vergöttert und verdammt“. Diese erklingen nun durch Schlagzeug, Bass und Cello deutlich druckvoller, ohne ihren Charme zu verlieren. In München entpuppt sich besonders „Kalsarikännit“ als Stimmungsgarant: Das finnische Wort bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „sich in Unterhosen daheim alleine betrinken“. Auch mit dem deutlichen „Fick dich“, „Zwei“ und dem eher melancholischen Abschluss „Irgendwann zu spät“ holen VOGELSANG ihr Publikum ab und gehen damit als die ersten großen Gewinner des diesjährigen TANZT! hervor. Für den gelungenen Übergang vom Solo- zum Gemeinschaftsprojekt kann Sören Vogelsang sogar problemlos auf etablierte Gassenhauer von DAS NIVEAU verzichten.

Vor rund zehn Jahren haben sich VERMALEDEYT mit einem letzten Konzert in ihrer Heimat Memmingen verabschiedet. Nun sind die Musiker mit einer leicht veränderten Besetzung wieder zurück – und haben ganz offenkundig nichts von ihren Qualitäten eingebüßt. Noch immer gelingt es den talentierten Musikern, altbekannten Stücken wie „Mirie It Is While Sumer Ilast“, „Tri Martolod“ oder „Son Ar Chistr“ ein besonderes Eigenleben einzuhauchen. Vom Publikum wird dies auch entsprechend gefeiert. Die neuen Eigenkompositionen wie „Wieder vereint“ oder „Frei sein“ erreichen dieses Niveau noch nicht, fügen sich aber stimmungsvoll in das Set ein. Die längere Pause hat Vivianne von der Saar genutzt, um auf ein E-Cello umzusteigen und offenkundig auch, um ihren Gesang noch einmal auf das nächste Level zu heben: Das beweist sie besonders gegen Ende mit „Fear A‘ Bhàta“, das sie stimmlich exponiert hervorragend zum Besten gibt. Mit „Feuer und Flamme“ beenden VERMALEDEYT ihr hervorragend zusammengestelltes Set dann mit einer letzten feiertauglichen Nummer. Ähnlich wie VOGELSANG dürfte sich eine neue bzw. altbekannte Band ihren Platz bei weiteren Festivals oder auch als Support von bekannteren Bands sichern.
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THE TROUBLE NOTES haben die (eigentlich) undankbare Aufgabe, kurzfristig für COPPELIUS einzuspringen. Weniger als drei Tage blieben dem progressiven World-Folk-Trio, um sich auf das Festival vorzubereiten. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis: Musikalisch brillant vereinen Geiger Bennet, Gitarrist Florian und Schlagzeuger Peter explosive Energie und weltliche Melodien zu einem ganz eigenen Mix, der auch ohne Gesang zu keiner Sekunde eintönig wird, sondern immer wieder durch filigranste Tempi- bzw. Stilwechsel überrascht. Die Stücke sind dabei so vielfältig wie die Band selbst, mit drei Musikern aus drei verschiedenen Ländern. „Grand Masquerade“ war der international bis dato größte Erfolg des Trios, beim TANZT! reiht sich das Stück nahtlos ein. Im Fokus steht bei THE TROUBLE NOTES eindeutig die gesamte Show, nicht einzelne Lieder. Aufgelockert wird die furiose Darbietung durch ein Schlagzeugsolo und ein hervorragendes Intermezzo mit VOGELSANG-Percussionist Jakob, der die Band nach eigenen Angaben erst vor weniger als einer Stunde backstage kennengelernt hat. Dem Ergebnis ist dies nicht ansatzweise anzuhören und THE TROUBLE NOTES wirken am Ende ebenso überwältigt wie das Publikum.

Nach dem Headliner-Spot 2022 präsentieren sich TANZWUT beim TANZT! 2025 erneut im Mittelfeld des Billings – routiniert, spielfreudig und gewohnt partytauglich. Das Set stützt sich anfangs stark auf die jüngeren Veröffentlichungen der Berliner und liefert mit Stücken wie „Neues Spiel, neues Glück“ oder dem Titeltrack des letzten Albums „Achtung Mensch!“ die erwartete Mischung aus folkigen Melodien und elektronischem Rock. Spannender wird es, wenn TANZWUT sich trauen, ihre Experimente aus dem Studio wie „Noch eine Flasche Wein“ auch auf die Live-Bühne zu bringen. In der Nähe ihrer zweiten bayerischen Heimat Kaltenberg zelebrieren die Berliner auch den „Puppenspieler“, um ein wenig Werbung für ihr Marionettentheater auf dem dortigen Weihnachtsmarkt zu machen. Außerdem kündigt Frontmann Teufel bereits für das nächste Jahr ein weiteres Album sowie die Rückkehr nach München an. Die nimmermüden Szeneveteranen scheinen also weiter viel vor zu haben, wenngleich die vielen Jahre besonders bei der Stimme des Zweihornigen deutliche Spuren hinterlassen haben. So funktioniert manches dann auch instrumental besser: Mit dem episch inszenierten „Hymnus Cerberi“ setzen TANZWUT einen starken Schlusspunkt.

VROUDENSPIL sind mit dem TANZT! untrennbar verbunden – und auch 2025 liefern die Freibeuter eine gewohnt energiegeladene Show ab. Mit „Schattenuhr“ hat die Band immer noch recht frisches Material im Gepäck, von dem es ein guter Teil verteilt ins gesamte Set schafft und den charakteristischen Sound um neue Klangfarben wie orientalische Elemente erweitert. Ratz von der Planke stemmt den Gesang inzwischen wieder allein und führt souverän sowohl durch das neue Material als auch durch die bekannten Klassiker. Die überaus gelungene Doppelspitze mit seinem zwischenzeitlichen Nachfolger Don Santo erwies sich wohl nur als Übergangslösung. Dafür kehrt pünktlich zum TANZT! mit „Der Kraken“ noch einmal ein altbekanntes Gesicht ans Schlagzeug zurück: Das tut der gesamten Band hörbar gut. Das Münchner Publikum zeigt sich von den Details insgesamt unberührt: Es feiert, rudert und singt bereitwillig mit der Meute toter Narren, die mit ihnen gemeinsam wie in „Spuren im Sand“ unter anderem die Freundschaft besingt. Gegen Ende führen VROUDENSPIL ihre Anhänger dann mit Songs wie „Kaleidoskop“, „Rebellion“ und „Plankentango“ einmal quer durch die eigene Diskografie.

Zum Abschluss wird es auf dem TANZT! noch einmal richtig emotional: DIE LETZTE INSTANZ spielt in München ihre letzte Festival-Show überhaupt, nach 26 gemeinsamen Jahren. Zu sagen, die Musiker hätten sich das Beste bis zum Schluss aufgehoben, wäre übertrieben, doch der Auftritt übertrifft in allen Belangen die letzten Shows der Berliner im Süden der Republik. Sänger Holly und die restliche Band harmonieren von Anfang an. Das überrascht, vor allem weil Gitarrist Bernie kurzfristig durch Ingo von SUBWAY TO SALLY ersetzt werden muss. Auch die Klassiker aus den Anfangstagen wie „Kalter Glanz“ funktionieren heute und Holly gibt sich während der Show besonders empathisch: Als ein Fan in der ersten Reihe in Tränen ausbricht, klettert der Frontmann nach unten und nimmt die Frau mehrfach in den Arm. Über 90 Minuten feiert DIE LETZTE INSTANZ mit ihren Fans noch einmal Altes wie Neues. Die Melange aus „Flucht ins Glück“, „Wir sind eins“, „Finsternis“ und vielen weiteren Nummern zeigt, dass die Band nicht auf ihren letzten Veröffentlichungen reduziert werden kann und sollte. An guten Tagen wie diesem ist die INSTANZ immer noch zu starken Konzerten fähig, die musikalisch erfreulich eigenständig funktionieren. So lebt die Brachialromantik im Backstage noch einmal richtig auf, ehe nach einem intensiven Medley zahlreiche Fans das ausgedruckte Bandlogo nach oben halten und die Musiker erst ihre Crew und dann sich selbst für vielleicht immer in München verabschieden.

Das TANZT! 2025 bestätigt einmal mehr seinen Ruf als familiäres Indoor-Festival, das musikalische Vielfalt und starke Live-Momente vereint. Mit Überraschungen wie THE TROUBLE NOTES, energiegeladenen Shows und emotionalen Abschiedsszenen bot der Abend eindrucksvoll die ganze Bandbreite der Szene. Am Ende bleibt ein Festival, das Tradition und Wandel gleichermaßen feiert – und seinem Namen alle Ehre macht.


War eines der besseren, wenn vllt. nicht sogar das Beste tanzt! (zumindest die, die ich seit 2014 miterlebt habe).
Lauter kurzweilige Shows von sehr willigen und coolen Bands. Vor allem habe ich mich über das Wiedersehen mit Vogelsang (nach Selb) und der Reunion von Vermaledeyt nach ihrer Mega Abschiedsshow 2014 im Kaminwerk gefreut. Das macht echt Lust auf viel viel mehr.
Und danke an metal1.info für die gewonnenen Karten.