CD-Review: Agrypnie - Exit

Besetzung

Torsten Hirsch - Gesang, Gitarre, Keyboard
Andreas Ballnus - Gitarre
Domenik Papaemmanouil - Gitarre
Carsten Pinkle - Bass
René Schott - Schlagzeug

Tracklist

01. Mauern
02. Die Last der Erinnerung
03. Zivilisation
04. 0545
05. Fenster zum Hof
06. Wohin
07. Während du schläfst
08. Schwarz
09. R40.2
10. In den Weiten
11. Exit


AGRYPNIE heißt so viel wie „Schlafstörung“ und ist zugleich der Name des zu einer Band gewordenen Solo-Projekts von Torsten Hirsch, vielleicht besser bekannt als Torsten der Unhold, Sänger der mainzerischen Black Metal Legende Nocte Obducta. Während die letzten Zuckungen der zum Untergang verurteilten Schwarzemtall-Institution allerdings schon seit Jahr und Tag in der Schwebe hängen und irgendwo in der Produktionshölle ihr Dasein fristen (die Rede ist von dem letzten Album „Sequenzen einer Wanderung“), wirft Torsten mit „Exit“ nach „F51.4“ schon die nunmehr zweite Langrille auf den Markt. Bleibt abzuwarten, ob die Silberscheibe Schlafstörungen fördert oder diese bekämpft…

Im Gegensatz zum Erstling „F51.4“ wurden die Texte der Scheibe diesmal nicht von Nocte-Obducta-Bandkopf Marcel Va. Traumschänder geschrieben, sondern von Torsten höschtselbst (wie der Promozettel betont), wobei ihm auch noch ein gewisser Marco V. vom Panta Rhei Projekt zur Seite stand. Desweiteren eine vierköpfige Band, wobei da bei mir zumindest jetzt unklar bleibt, ob die beiden gelisteten Gitarristen Ballnus und Papaemmanouil jetzt auch auf der Aufnahme in die Saiten griffen oder nur bei Live-Auftritten die Äxte bedienen. Auch interessant: Wie uns der Promoschrieb versichert sind oder waren „alle Bandmitglieder […] in der Musikszene aktiv“. Gut zu wissen. Was aber viel wichtiger ist verbirgt sich im letzten Punkt, den der Zettel aufführt. „AGRYPNIE setzt dort an, wo Nocte Obducta den Pfad des Black Metal verlassen haben“. Ich hab den Vorgänger bislang leider nicht gehört, also kann ich nicht beurteilen, inwiefern sie das schon mit „F51.4“ taten, aber was „Exit“ betrifft, naja, schau’n wa mal…

Besinnlich geht’s los, „Mauern“ eröffnet mit einer zahmen Akustikgitarre, die eine gar nette, etwas träumerische Melodie klimpert. Doch der Frieden währt nicht lang, schon bald setzen E-Gitarre, Bass und Schlagzeug ein, geboten wird stampfendes Midtempo und melancholisches Tremolo-Riffing, das alles mit einer glasklaren, sehr gut drückenden Abmischung versehen, die Spaß macht. Einen Tempowechsel später ist der melancholische Part wüstem Geblaste gewichen, das prima Torstens Vocals unterlegt. Wie auf den letzten Nocte Obducta Scheiben klingt er immer noch. Für die, die „Nektar II“ nicht gehört haben: Nicht wirklich Kreischgesang, aber auch nicht clean und auch kein Growlen. Irgendwo da, wo sich diese drei Gesangslagen treffen, da hält Torsten sich auf. Allerdings sind die Vocals nicht das einzige, was an seine alte Band erinnert. Auch musikalisch bewegt der Opener sich schon sehr dicht an Nocte Obducta, kann diesem Vergleich aber absolut standhalten. Die Musik ist toll, schafft vor allem einen bravourösen Spagat zwischen Härte und gefühlvollen Momenten (wobei es, wenn ich mich nicht täusche, allgemein etwas harscher vonstatten geht, als noch auf der „Nektar II“).

Textlich geht der erste Track auch schwer in Ordnung, behandelt wird Einsamkeit, philosophische Themen, und und und, so weit so schön. Aber ach, schon „Mauern“ zeigt einen ganz merkwürdigen Schwachpunkt, den „Exit“ auffährt. Der Song ist toll, lädt zum immer wieder Hören ein und macht auch sonst eigentlich alles richtig. Bis auf das Ende. Wieso? Wieso, frag ich mich, bricht dieser wahnsinns Opener so urplötzlich ab? Es erreicht nicht die Dimensionen eines „Pull Me Under“, aber trotzdem klingt das Ende des Songs einfach nur abgewürgt. Verdammte Axt, das hätte man besser machen können, behaupte ich einfach mal.

Glücklicherweise stimmen die nächsten Tracks mich wieder positiver. „Zivilisation“ kann mit einem schnieken Chor-Einwurf punkten (sehr atmosphärisch das), „0545“ ist ein sehr besinnliches, absolut nicht schwarzmetallisches Instrumentalstück, das zum Träumen einlädt. „Fenster zum Hof“ macht dann aus irgend einem Grund schon wieder den gleichen Fehler wie „Mauern“ (wieso nicht einfach die Gitarren ausfaden lassen… es war doch noch Platz auf der Scheibe), aber mit „Wohin“ ist dann direkt hinterher glücklicherweise DER Übertrack an Bord, der das gleich vergessen macht. Tolle, sehnsuchtsvolle Vocals, ein wahnsinnig gelungener Text (und das von mir, Mister „Ich konnte Gedichten und Songtexten noch nie was abgewinnen“ höchstpersönlich, lasst euch das gesagt sein), eine tolle Instrumentalisierung, Alles in Allem einfach wundervoll. Der Track kann so einiges.

Anschließend rettet „Exit“ sich routiniert ins Trockene. Man leistet sich keine Patzer mehr (die letzten Zeilen von „Während du schläfst“ muten etwas merkwürdig an, aber darüber kann man hinweg sehen), nur noch „In den Weiten“ wirkt etwas abgewürgt (wobei es da nicht ganz so schlimm rüberkommt wie bei „Mauern“ und „Fenster zum Hof“), aber das Outro „Exit“ (passender Name) entschädigt vollauf dafür. Hier wird noch mal die ganze Bandbreite an Melancholie aufgefahren, der Zuhörer wird quasi direkt am Herzen gepackt und mit ein paar wundervollen Melodien aus AGRYPNIEs zweitem Album entlassen. Das ist Musik bei der die Welt untergehen könnte, yes.

Nach knapp 62 Minuten hört das Silberscheibchen auf sich zu drehen und alle Erwartungen, die ich an die CD hatte, wurden vollauf erfüllt. Hier stimmt innerlich wie auch äußerlich so gut wie alles (das Booklet ist toll designt, enthält alle Texte und ein paar schöne schwarz-weiß Fotografien, die prima zur Stimmung der CD passen). „Exit“ ist eine tolle CD zum bewußt hören, zum laufen lassen, zum träumen, zum sich treiben lassen und vor allem zum wieder und immer wieder in die Stereoanlage schieben. AGRYPNIE haben großes geleistet und beweisen mit ihrer zweiten CD, das sie wirklich eine legitime Nachfolgeband zu Nocte Obducta sind (und wie auf dem Promozettel richtig gesagt, genau da ansetzen, wo NO aufgehört haben). Wenn nur nicht diese drei verkorksten Songenden wären, die mir wirklich angesichts des brillanten Rests sauer aufstoßen, dann würde ich jetzt die Höchstpunktzahl zücken. Aber so bleiben immer noch:

Bewertung: 9.5 / 10

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